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Wissen Gesundheit
10/27/2021

Krank trotz Impfung: Spielt der Antikörperspiegel eine Rolle?

Eine aktuelle Studie gibt Hinweise, dass die Menge der Antikörper einen Einfluss auf den Schutz haben kann.

von Elisabeth Gerstendorfer

Die derzeit zugelassenen Covid-19-Impfungen schützen, aber sie schützen nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 – das betonen auch ihre Hersteller. Bei manchen Menschen kommt es zu einem sogenannten Impfdurchbruch. Dieser liegt vor, wenn bei einer vollständig geimpften Person eine SARS-CoV-2 Infektion mit Symptomen (zum Beispiel Halsschmerzen und Fieber) festgestellt wird.

Ein vollständiger Impfschutz besteht bei den allermeisten Impfstoffen (Biontech/Pfizer, Astrazeneca, Moderna), wenn nach der letzten erforderlichen Impfdosis 14 Tage vergangen sind. Davon abzugrenzen sind asymptomatische Verläufe unter vollständig Geimpften: Diese Personen werden zwar positiv auf den Erreger getestet, zeigen aber keinerlei Symptome. Diese Fälle gelten nicht als Impfdurchbrüche.

Impfdurchbruch bei 4 von 1.000 Geimpften

Aktuelle Daten der AGES zeigen, dass von bisher 5.308.515 Personen mit vollständiger Impfung bisher 21.779 Fälle von Impfdurchbrüchen gemeldet wurden. Das sind 0,41 Prozent – anders ausgedrückt: Auf 1.000 vollständig geimpfte Personen kommen rund vier Personen mit einem Impfdurchbruch (Stand 19.10.2021).

Da die Impfung nicht zu 100 Prozent schützt, ist laut AGES ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Impfdurchbrüchen und dem Anteil der geimpften Bevölkerung kein Hinweis auf eine geringe Wirksamkeit. Sondern: Je mehr Menschen einer Bevölkerung sich infizieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch Geimpfte darunter sind.

Bisher betonen Expertinnen und Experten, dass nicht klar ist, inwiefern Antikörperspiegel etwas über den Grad es Schutzes aussagen. In einem Schreiben des Gesundheitsministeriums heißt es etwa: "Antikörpertestungen vor Covid-19-Impfungen zur Entscheidung, ob eine Impfung gegen Covid-19 notwendig ist, sind laut Empfehlungen des Nationalen Impfgremiums weder sinnvoll, noch empfohlen. Es ist noch kein Schutzkorrelat definiert und somit nicht bekannt, welche Antikörper-/Titerhöhe notwendig ist, damit ein sicherer Schutz vor Covid-19 gegeben ist (Ausnahme: Immunsupprimierte Personen um festzustellen, ob auf die Impfungen gegen Covid-19 angesprochen wurde). Wenn basierend auf dem Nachweis von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 fälschlicher Weise und entgegen der medizinischen Empfehlungen von einer Impfung gegen Covid-19 abgeraten wird und die Person, der von einer Impfung abgeraten wurde, an Covid-19 erkrankt, so kann dies auch haftungsrechtliche Konsequenzen haben, weil es klar im Gegensatz zur ausdrücklichen medizinischen Empfehlung steht."

Hoher Antikörperspiegel, hoher Schutz?

Eine israelische Studie, veröffentlicht Ende Juli im New England Medical Journal, gibt jedoch Hinweise, dass der Antikörperspiegel in Zusammenhang mit dem Schutz vor einer Infektion stehen kann. Die Forscher wiesen einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Covid-19-Infektionen und dem Gehalt an neutralisierenden Antikörpern bei Geimpften nach.

Man sei "besser vor einer Infektion geschützt ist, wenn der Antikörperspiegel hoch ist", kommentierte Studienleiterin und Epidemiologin Gili Regev-Yochay die Studie.

Untersucht wurden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Gesundheitswesens, die mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft waren und bei denen es zu einem Impfdurchbruch kam. Von 1.497 vollständig geimpften Beschäftigten, für die PCR-Daten von einer Woche vor ihrer Infektion vorlagen, wurden 39 Durchbruchsinfektionen dokumentiert.

Ihre neutralisierenden Antikörpertiter waren während der Zeit, in der sie sich infizierten, niedriger als bei nicht infizierten Kolleginnen und Kollegen einer Kontrollgruppe. Jene mit höheren Antikörpertitern hatten eine geringere Infektiosität.

Die meisten Durchbruchsfälle waren mild, obwohl 19 Prozent anhaltende Symptome über einen Zeitraum von mehr als sechs Wochen aufwiesen. Einschränkend ist, dass die Studie noch vor der weiten Verbreitung der Delta-Variante stattfand – 85 Prozent der getesteten Proben wiesen die Alpha-Variante auf.

Wenige Studien

Bisher gibt es kaum Studien, die zeigen, ob ein hoher Antikörperspiegel mehr schützt als ein niedriger. Dies vorherzusagen, ist vor allem für die Entwicklung neuer Impfstoffe relevant sowie für die Frage, wann und ob eine Auffrischungsimpfung notwendig ist.

Es gibt allerdings Hinweise darauf, ab welcher Höhe ein Schutz besteht. Eine Studie, die in Nature Medicine veröffentlicht wurde, zeigt etwa, dass 264 BAU/ml Antikörper mit einem 80-prozentigen Schutz vor einer symptomatischen Infektion in den nächsten vier bis sechs Monaten zusammenhängen. Die Einheit BAU pro Milliliter (kurz für binding antibody units) ist jene, in der die Konzentration der Antikörper im Blut angegeben wird.

Die Virologin Dorothee von Laer sprach sich immer wieder für bundesweite Antikörperstudien aus, um mehr Daten zu gewinnen. Sie geht davon aus, dass "ab dem von der Weltgesundheitsorganisation WHO standardisierten Antikörperwert von 100 BAU/ml zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Schutz gegeben ist."

Eine Schwierigkeit sei allerdings, dass es bei Geimpften auch trotz hoher Antikörpertiter zu Impfdurchbrüchen kommen kann. Dies sei seit der Delta-Variante beobachtet worden. In der beschriebenen israelischen Studie war die vorherrschende Variante noch die Alpha-Variante, zudem war die Fallzahl der untersuchten Impfdurchbrüche gering, die Teilnehmer waren überwiegend jung und gesund, was Einfluss auf den Verlauf der Infektion haben kann.

Wann auffrischen?

Erwähnenswert ist eine französische Studie mit fast 9.000 im Gesundheitswesen Tätigen. Untersucht wurde, welche Antikörperspiegel vor einer Infektion schützen. Die Ergebnisse: Gemessen an der Gesamtkonzentration der Antikörper in BAU/ml nach internationalem WHO-Standard betrug die Schutzwirkung bei 13 bis 141 BAU/ml nur 12 Prozent, aber 89 Prozent bei 141 bis1700 BAU/ml und 100 Prozent bei über 1700 BAU/ml.

Von den zweimal Geimpften hatte einen Monat nach der zweiten Impfung niemand Antikörperkonzentrationen kleiner als 141 BAU/ml. Bei Nicht-Geimpften, die sich infizierten, war dies drei Monate nach der Infektion hingegen bei 79 Prozent der Fall.

Für die meisten Expertinnen und Experten sind die bisher gesammelten wissenschaftlichen Daten, die einen Zusammenhang zwischen der Höhe des Antikörperspiegels und der Höhe des Schutzes bestätigen, nicht ausreichend. Eine genaue Beobachtung und mehr Daten zu Antikörperspiegeln könnte aber etwa helfen, den Zeitpunkt der Auffrischungsimpfung zu bestimmen. Diese Daten fehlen bisher. Das Nationale Impfgremium (NIG) rät davon ab, Antikörperspiegel heranzuziehen, wenn es um die Frage der Auffrischungsimpfung geht.

"Nach wie vor kennen wir das Schutzkorrelat nach der Impfung nicht und wissen vor allem nicht, wie hoch der Antikörperspiegel sein muss, um über eine bestimmte Zeit geschützt zu sein. Daher ist es nicht sinnvoll zu messen, ob die Antikörper einen gewissen Wert erreicht haben, sondern die empfohlenen Abstände zur zweiten Impfung einzuhalten", betont etwa die Leiterin des NIG, Ursula Wiedermann-Schmidt.

Anders ist dies bei Personen, deren Immunsystem geschwächt ist. Ihnen wird empfohlen, Antikörper bestimmen zu lassen, allerdings um festzustellen, ob sie überhaupt auf die Impfung angesprochen haben.

Der deutsche Epidemiologe und Politiker Karl Lauterbach twitterte hingegen: "Israelische Daten zeigen erstmals klar, dass Durchbruchinfektionen bei geringen Antikörperspiegeln stattfinden. Damit kann man die Notwendigkeit einer Booster Impfung durch Antikörperbestimmung abschätzen."

Es wird also noch mehr Studien brauchen, um klare Aussagen darüber treffen zu können, welche Rolle die Höhe des Antikörperspiegels für den Schutz vor einer Infektion spielt.

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