Powell war von einer bösartigen Bluterkrankung betroffen.

© REUTERS/Sergei Karpukhin

Wissen Gesundheit
10/20/2021

Wieso es auch unter doppelt Geimpften zu Covid-Todesfällen kommen kann

Der tödliche Verlauf einer Covid-Erkrankung bei Colin Powell ist für viele Experten kein Argument gegen die Impfungen.

von Ernst Mauritz

Impfskeptiker in den USA fühlen sich bestätigt: Der frühere US-Generalstabschef und Außenminister Colin Powell, 84, starb an den Komplikationen einer Covid-19-Erkrankung – obwohl er doppelt mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft war.  Er litt an schweren Vorerkrankungen. „Nichts ist zu 100 Prozent effektiv“, sagt Paul Offit, Impfspezialist des Kinderspitals in Philadelphia in der New York Times. „Bevor man einen Impfstoff erhält, will man wissen, ob die Vorteile klar und eindeutig die Risiken überwiegen. Und wir wissen, dass dies bei diesen Impfstoffen der Fall ist.“

Auch der frühere Gesundheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Andy Slavitt, erklärte auf Twitter die Zusammenhänge: Wenn das Immunsystem zu sehr geschwächt ist, kann es trotz Impfungen zu einem tödlichen Verlauf einer Covid-Infektion kommen - besonders bei alten Menschen.

Powell war an Multiplem Myelom (und auch Parkinson im Frühstadium) erkrankt: Bei dieser bösartigen Bluterkrankung kommt es zu einer unkontrollierten Vermehrung von Plasmazellen (eine Form der weißen Blutkörperchen), die im gesunden Zustand wichtige Antikörper (Abwehrstoffe) bilden.

„Die  entarteten Plasmazellen bilden zwar auch Antikörper, aber sie sind unwirksam für die Bekämpfung eines Infekts“, sagt die Hämatologin Maria Krauth von der Klinischen Abteilung für Hämatologie am Wiener AKH/MedUni Wien. „Dadurch ist ihre Infektabwehr  generell geschwächt.“

Uneinheitliches Bild

Gleichzeitig vermehren sich diese bösartigen Plasmazellen so stark, dass sie im Knochenmark normale Abwehrzellen verdrängen, erklärt Krauth. „Und auch manche  Therapien können die Funktionsweise des Immunsystems vorübergehend herabsetzen, andere hingegen sogar erhöhen. „Je nach Therapie und Krankheitszustand ist  bei Myelom-Patienten   das Bild also sehr uneinheitlich, was ihr Ansprechen auf Impfungen betrifft. Aber zumindest ein Teil spricht nur sehr schlecht an.“ Stichproben bei den Patienten in Wien hätten auch einen deutlichen Rückgang der Antikörper mit fortschreitender Zeit gezeigt. Powell hatte seine zweite Impfung bereits im Februar – und schon vor dem  fixierten Termin für die dritte Impfung in der Vorwoche war er an Covid-19 erkrankt.

Die Covid-Impfungen samt Auffrischung werden allen Myelom-Patienten empfohlen, betont die Hämatologin: „Der Nutzen überwiegt eindeutig. Nach unserer Beobachtung im AKH spricht die Mehrzahl darauf an, wenn auch unterschiedlich stark. Und in ihrem Umfeld sollte wirklich jede und jeder geimpft sein,  weil bei einer Infektion ihr Risiko für einen schweren Verlauf deutlich erhöht ist“.

Grundsätzlich sind Todesfälle bei doppelt Geimpften sehr selten: Die US-Gesundheitsbehörde CDC hat bis 12. 10. Meldungen von 7.178 Covid-19-Todesfällen bei vollständig Geimpften erhalten, bei  mehr als 187 Millionen Personen  mit abgeschlossenem Impfschema – häufig Menschen mit geschwächtem Immunsystem.  "Es kannn zu Todesfällen nach Durchbruchsinfektionen kommen", sagt der US-Impfspezialist Peter Hotez. "Aber es gibt gewisse Gruppen, di ein höheres Risiko haben."

Elffach geringeres Sterberisiko

Laut  CDC ist bei vollständig Geimpften nach einer Corona-Infektion das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt um das Zehnfache, das Risiko für einen tödlichen Verlauf um das Elffache niedriger als bei Ungeimpften. Und das Risiko einer Infektion ist immerhin noch um das Fünffach reduziert.

Auch das Alter spielt eine Rolle: Bewohner von kanadischen Pflegeeinrichtungen  mit einem Durchschnittsalter von 87 Jahren produzierten nach der Impfung deutlich weniger Antikörper als das Pflegepersonal mit einem Altersschnitt von 47 Jahren. Krauth: „Natürlich gibt es auch Myelom-Patienten, die gar nicht ansprechen – aber das ist nicht der überwiegende Teil.“

Eine Studie der MedUni Wien mit Krebspatienten hat vor kurzem ergeben, dass besonders Patienten mit einer anderen Blutkrebserkrankung, Lymphomen, dann besonders schlecht auf die Impfungen ansprachen, wenn sie eine Therapie erhielten, die die Bildung der antikörperproduzierenden B-Zellen unterdrückt. Empfohlen wird die Impfung aber auch ihnen. Und möglicherweise verbessern Auffrischungsimpfungen den Impfschutz.

Der US-Epidemiologe Eric Feigl-Dingl schrieb zum Thema Immunschwäche und Covid-Impfungen auf Twitter: "Erweisen wir Colin Powell und anderen Menschen mit einem geschwächten Immunsystem die Ehre, indem wir uns selbst impfen lassen. Denkt bitte an eure Mitmenschen, nicht nur an euch selbst. Wenn unsere Familien und Gemeinschaften leiden, dann leiden wir alle."

 

 

 

 

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