Bei  Erkältungssymptomen schwingt meist die Sorge vor einer Corona-Infektion mit.

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Wissen Gesundheit
10/20/2021

Die Rückkehr der Rotznase: Erkältungen außer Kontrolle?

Viele laborieren jetzt an grippalen Infekten. Wie Experten den Ernst der Lage beurteilen.

von Marlene Patsalidis

Gesundheit! Der Ausruf hallt momentan wieder deutlich häufiger durch die Büroräume und Wohnzimmer des Landes. Wer nicht gerade selbst kränkelt, dem kommen zumindest etliche Leidensberichte aus dem Umfeld zu Ohren. Die Erkältungssaison erscheint heuer verschärft.

Ein Blick auf aktuellen Zahlen der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) zeigt: Der Schein trügt nicht. Vergangene Woche (Kalenderwoche 41) hatten in Österreich 61.733 Menschen mit einem grippalen Infekt zu kämpfen.

Fast doppelt so viele wie im selben Zeitraum vor einem Jahr und immerhin um rund 6.000 mehr als im Prä-Corona-Jahr 2019. An der Grippe – sie setzt bis zu zwei Wochen außer Gefecht – waren 133 Personen erkrankt, geringfügig mehr als vergangenes Jahr.

Der Vergleich mit 2020 hat freilich Schwächen: Die Pandemie war vergangenen Herbst präsenter, die Menschen in Ermangelung einer wirksamen Impfung vorsichtiger. Die Zahl der Erkältungsgeplagten ist laut ÖGK-Zahlen heuer auffallend sprunghaft angestiegen. Und laut dem Meldesystem der Stadt Wien wurden in der Kalenderwoche 40 insgesamt 5.930 neue Fälle von grippalen Infekten und Grippe registriert. Etwas mehr als in den vergangenen vier Jahren um diese Zeit.

Warm anziehen
An manchen Tagen spendet die Sonne noch wunderbar Wärme, abends und im Schatten kühlt es jetzt aber schon drastisch ab. Also: Ordentlich einpacken, um das Immunsystem nicht unnötig zu belasten.

Darm fit halten
Darmbakterien dienen körpereigenen Immunzellen als Trainingspartner, um sich auf  fremde Erreger vorzubereiten. Ihr Lieblingsfutter: Ballaststoffe aus Kichererbsen, Bohnen, Linsen und Hafer sowie Fermentiertes und Sauermilchprodukte.

Beweglich bleiben
Beim Sport wird Adrenalin ausgeschüttet. Das regt die Bildung von Abwehrzellen an.

Schön schlummern
 Deutsche Forscher konnten belegen, dass Schlaf die Arbeit der Abwehrzellen unterstützt. Männer brauchen zwischen sieben und acht, Frauen bis zu neun Stunden Schlaf.

 

Immunabwehr überfordert?

"Dass es jetzt wieder losgeht und sich die Ordinationen füllen, ist ganz typisch", sagt Edgar Wutscher, Ärztekammer-Sektionsobmann der Allgemeinmediziner. Andreas Krauter, Chefarzt der ÖGK, hält die Lage durchaus für außergewöhnlich. Die Immunabwehr sei wegen strenger Hygienemaßnahmen untrainiert. "Das Immunsystem baut durch Erreger-Kontakte die nötige Abwehrkraft auf." Krauter rechnet mit einer heftigeren Erkältungs- und Grippesaison. "Vor allem, weil Schulen wieder offen und Reisen wieder uneingeschränkt möglich sind." 

"Im Schnitt hat man als Erwachsener zwei bis drei Erkältungen pro Jahr, als Kind fünf bis acht", weiß Burgmann. "Im ersten Corona-Herbst 2020 konnten die Übertragungswege durch die Reduktion der Kontakte, das Maskentragen und Abstandhalten erfolgreich unterbrochen werden." Mit guten Effekten auf die Ausbreitung des hochansteckenden Coronavirus, und noch deutlicheren auf die Verbreitung anderer Erkältungsviren. In puncto Erkältungen heißt es in den kommenden Monaten wohl wieder: zurück zur Normalität.

Ist unser Immunsystem der Virusnormalität wieder vollständig gewachsen? Und was bedeutet das für die bevorstehende Grippesaison? Antworten auf diese Fragen liefert Infektiologe Burgmann im Interview.

KURIER: Im Jahr 2019 – vor Ausbruch der Pandemie – gab es um diese Zeit rund 6.000 Erkältungsfälle weniger. Wie ist das zu erklären?

Heinz Burgmann: Das ist nichts Ungewöhnliches. Die Zahl der grippalen Infekte schwankt von Jahr zu Jahr. Das hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel vom Wetter. Kälte erschwert dem Immunsystem die Arbeit gegen Erkältungsviren und kann Infektionen begünstigen.

Stichwort Immunsystem: Manche Experten gehen davon aus, dass unser Immunsystem durch die Corona-Abschottung bei der Virusabwehr aus der Übung ist.

Was grundsätzlich stimmt: Wenn man mit bestimmen Viren über längere Zeit keinen Kontakt hatte, kann es länger dauern, bis es die jeweiligen Erreger wieder aktiv abwehren kann. Allerdings funktioniert das Immunsystem sehr komplex. Ob ein Jahr Trainingspause ausreicht, um nachhaltig bei einer relevanten Anzahl von Infektionserregern Spuren zu hinterlassen, ist zu bezweifeln. Seriöse Einschätzungen wird man erst nach Ablauf der Saison abgeben können.

Studien legen nahe, dass Erkältungen, die durch andere Coronaviren ausgelöst werden, SARS-CoV-2-Infektionen abmildern könnten. Funktioniert das in beide Richtungen?

Hier geht es um die Kreuzimmunität – eine Form der Immunität, bei der der Kontakt mit einem Erreger gleichzeitig eine Immunität gegen einen anderen ähnlichen Erreger herbeiführt. Es mag sein, dass sich unser Immunsystem bei einer SARS-CoV-2-Ansteckung an Infektionen mit anderen Coronaviren erinnert, und andersherum. Wenn man sich den Pandemie-Verlauf ansieht, scheint der Effekt aber nicht nennenswert groß zu sein.

Forscher der US-amerikanischen Northwestern University halten es für denkbar, dass die Covid-Impfung einen gewissen Schutz gegen Coronaviren anderer Art liefern könnte.

Die verfügbaren Covid-19-Vakzine sind spezifisch auf das Spike-Protein auf der Virusoberfläche von SARS-CoV-2 zugeschnitten. Mit ihm dockt es an die Zellen an, die es attackiert. Es erscheint unwahrscheinlich, dass so eine Immunität gegen andere, ähnliche Coronaviren aufgebaut wird. Es sind aber auch Ganzvirusimpfstoffe in Entwicklung, zum Beispiel der von Valneva. Dabei werden ganze inaktivierte Viren verwendet. Es wird eine andere Form der Immunabwehr hervorgerufen, die theoretisch gegen andere Coronaviren wirksam sein könnte.

Beim Auftreten erster Beschwerden schwingt die Sorge vor einer Corona-Infektion mit. Und die Delta-Variante ruft noch erkältungsähnlichere Symptome hervor als frühere Varianten.

Ich würde sagen, dass die Unterscheidung anhand der Symptome von Anfang an sehr schwierig war. Das hat sich mit Delta keinesfalls verbessert. Gewissheit bringt nur ein PCR-Test. Derzeit ist es zur Kontrolle des Infektionsgeschehens noch wichtig, Corona-Infektionen als solche zu identifizieren. In Zukunft, wenn SARS-CoV-2 kein pandemischer Erreger mehr ist, wird das in den Hintergrund treten.

Derzeit gibt es in Österreich nur vereinzelt Grippe-Fälle. Werden bestehende Corona-Maßnahmen das Grippegeschehen wieder dämpfen, oder trifft uns der Erreger heuer besonders hart?

Die Südhalbkugel gilt als Barometer für die Grippe-Zeit in unseren Breiten. Australien hat heuer eine milde Influenza-Saison erlebt. Für Europa kann man noch keine exakten Prognosen abgeben. Meiner Meinung nach wird es stark vom Verhalten der Bevölkerung abhängen, wie sich die kommenden Monate, speziell Dezember und Jänner, gestalten. Fakt ist, dass kleinere Kinder wegen der ausgefallenen Grippe-Saison noch nie Kontakt mit dem Erreger hatten und anfälliger sind. Sie sind bei der Grippe Übertragungsmotoren. Wenn das Virus einmal zirkuliert, kann sich das zu einer heftigen Welle auswachsen. Deshalb ist es wichtig, die Lage in und um Österreich zu überwachen.

Raten Sie zur Grippeimpfung?

Auf jeden Fall. Sie ist eine wirksame Prophylaxe, vor allem, aber nicht nur, für Risikogruppen.

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