Impfstoffkandidaten in der Novavax-Zentrale in den USA. Der Impfstoff für Europa würde in Bohumil, Tschechien, hergestellt werden.

© APA/AFP/ANDREW CABALLERO-REYNOLDS

Wissen Gesundheit
10/13/2021

Novavax: Warum es riskant ist, auf diesen Impfstoff zu warten

Tennis-Star Dominic Thiem ist kein Einzelfall: So wie er warten viele Menschen auf die Zulassung anderer Impfstoffe. Damit nehmen sie aber ein hohes Infektionsrisiko in Kauf.

von Ernst Mauritz

Der US-Open-Sieger Dominic Thiem ist noch nicht geimpft – und will auf den Impfstoff der US-Firma Novavax warten, „weil ich von meinem Doktor gehört habe, dass der richtig gut sein soll“. Wie sinnvoll ist das? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Thema.

Was steckt hinter der Äußerung von Dominic Thiem?

Immer wieder wird die Sorge geäußert, die mRNA-Impfstoffe (Biontech/Pfizer, Moderna) und die Vektorviruspräparate (Astra Zeneca, Johnson & Johnson) seien noch zu wenig erforscht. „Beide Impfstofftechnologien wurden aber seit vielen Jahren entwickelt, diese Impfstoffe sind sicher und verändern nicht das Erbgut des Menschen“, sagt die Virologin und Impfstoffspezialistin Christina Nicolodi.

„Alleine in den USA wurden bisher mehr als 230 Millionen Dosen verimpft, wirklich schwere Nebenwirkungen sind extrem selten. Auch Novavax ist ein guter Impfstoff, aber er konnte im Rahmen von Studien erst an rund 50.000 Menschen geprüft werden.“

Spricht etwas gegen das Zuwarten?

„Ich würde das niemandem empfehlen. Auf andere Impfstoffe zu warten, ist riskant“, betont Nicolodi. „Bei der Delta-Variante ist die Infektionsgefahr sehr groß. Als Top-Sportler würde ich mich diesem Risiko nicht aussetzen wollen, um dann vielleicht nach der akuten Infektion monatelang an den Folgen von Long Covid zu laborieren. Außerdem ist jetzt eine hohe Durchimpfungsrate wichtig, um vor dem Winter die vierte Welle zu bremsen und schärfere Maßnahmen zur Infektionsbegrenzung zu vermeiden.“

Wann ist mit der Zulassung zu rechnen?

Bereits seit Februar prüft die Europäische Arzneimittelagentur EMA den Impfstoff: Ursprünglich plante Novavax, bis Ende September in der EU um eine Zulassung anzusuchen. „Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit gibt es, aber das Verfahren wurde noch nicht abgeschlossen“, sagt Nicolodi. Ab dem Tag, an dem offiziell der Zulassungsantrag eingereicht wurde, kann es sehr schnell gehen – bei Biontech/Pfizer waren es drei Wochen. Um an den Australian Open im Jänner teilnehmen zu können, muss Thiem aber bis Ende November vollständig immunisiert sein: „Ob sich das ausgeht, ist fraglich.“

Wie funktioniert der Impfstoff von Novavax?

Es handelt sich um einen Protein-basierten Impfstoff: „Bei den mRNA- und Vektorimpfstoffen erhalten einige Körperzellen die genetische Information, um selbst das Oberflächenprotein (Spike-Protein) des Coronavirus – den eigentlichen Impfstoff – zu produzieren.“ Bei Novavax werden fertige Proteinpartikel injiziert: Jeweils 14 Partikel werden dann auf einem synthetischen Nanoteilchen montiert – „diese Form ähnelt dann dem Virus und soll so die Immunantwort erhöhen“.

Die Proteinpartikel selbst werden in Insektenzellen vermehrt und von diesen „geerntet“. Dazu werden die Zellen mit einem harmlosen Virus infiziert, das ein Gen für ein modifiziertes Spike-Protein des Coronavirus enthält. Nach der Infektion beginnen die Zellen mit der Produktion des Spike-Proteins. Zusätzlich enthält der Impfstoff noch einen Wirkverstärker aus einem Extrakt des Seifenrindenbaums.

Ist der Impfstoff besser?

„Nein“, betont Nicolodi. „Die Wirksamkeit ist absolut vergleichbar hoch wie bei den mRNA-Impfstoffen.“ Er löst eine hohe Antikörperantwort aus, die Stimulation der Abwehrzellen ist bei dieser Technologie hingegen schwächer als bei den mRNA-Impfstoffen. „Trotzdem sehe ich in der Schutzwirkung anhand der bisherigen Daten keine Unterschiede – der Impfstoff ist nicht schlechter, aber auch nicht besser als die bisherigen.“ Die EU hat bereits eine Vereinbarung über einen Kauf von 100 Millionen Dosen mit Novavax abgeschlossen, für weitere 100 Millionen Dosen gibt es eine Option.

Wie sieht es mit dem Valneva-Totimpfstoff aus?

Das österreichisch-französische Pharmaunternehmen setzt inaktivierte, abgetötete Coronaviren ein, die sich nicht vermehren können. „Hier hat die Prüfung durch die EMA noch gar nicht begonnen“, sagt Nicolodi. Eine Zulassung ist also erst im Laufe des Jahres 2022 realistisch.

Welche Impfstoffe werden derzeit von der EMA geprüft?

Vier Impfstoffe werden derzeit von der Europäischen Arzneimittelagentur geprüft: Neben Novavax auch ein weiterer protein-basierter Impfstoff von Sanofi,  der russische Vektorimpfstoff Sputnik und der chinesische Totimpfstoff von Sinovac. Die Tübinger Firma Curevac hingegen gab ihren ersten Impfstoffkandidaten (ein mRNA-Impfstoff) auf. "Rolling Review" heißt das Verfahren, in dem sich diese Impfstoffe befinden. Die EMA begutachtet kontinuierlich alle vorhandenen Daten. Damit kann das Verfahren beschleunigt werden. An den Standards für Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität ändert das nichts.

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