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Wissen Gesundheit
10/15/2021

Impfdurchbrüche: Schwere Erkrankungen bleiben die Ausnahme

Die meisten Intensivpatienten sind nicht vollständig geimpft. Die dritte Impfung hebt den Schutz auf ein "potenteres Niveau".

von Marlene Patsalidis

Bei vielen Menschen mehren sich im privaten Umfeld anekdotische Berichte über Corona-Infektionen bei vollständig Geimpften. Das nährt Zweifel an der Effektivität der Vakzine. Die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) beobachtet die Zahl der symptomatischen Infektionsfälle bei vollständig Immunisierten genau: Seit Anfang des Jahres lag bei rund 206.000 symptomatischen Infektionsfällen (über 12-Jährige) in rund 18.100 Fällen ein kompletter Impfschutz vor ("Impfdurchbruch") – ein Anteil von knapp neun Prozent.

Infektiologe Herwig Kollaritsch: "Wir wussten von vornherein, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe ,nur‘ zwischen 90 und 95 % liegt. Dementsprechend war klar, dass unter Geimpften fünf bis zehn Prozent für den Erreger empfänglich bleiben."

Neueste Daten aus den USA, die im Fachblatt The Lancet erschienen sind, zeigen: Die Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Vakzins gegen SARS-CoV-2-Infektionen nimmt im Laufe von sechs Monaten tatsächlich ab. Den Schutz vor Hospitalisierungen tangiert das aber nicht. "Schwere Erkrankungen sind in der Regel kein Thema mehr, wenn man vollständig geimpft ist", bestätigt Kollaritsch. Laut Gesundheitsministerium sind 88 Prozent der Intensivpatienten nicht vollständig geimpft. Geimpfte Intensivpatienten haben vielfach ein geschwächtes Immunsystem (etwa durch Vorerkrankungen oder hohes Alter).

Weniger schwere Fälle

Gegen eine Ansteckung bieten die Impfungen aber bestenfalls partiellen Schutz – die Herdenimmunität sei deshalb außer Reichweite gerückt. "Wir können nur den Individualschutz propagieren und betonen, dass schwere Fälle immer unwahrscheinlicher werden, je mehr Menschen sich impfen lassen." Auch die Zahl der Neuinfektionen würde sich dezimieren.

"Die Pandemie würde dann ein Ende finden, weil die Ansteckungszahlen nur mehr ein kontrollierbares Hintergrundrauschen darstellen." In Österreich sei das Reservoir an Ungeimpften bei einer Durchimpfungsrate von 61,5 Prozent nach wie vor zu groß: "Das Virus kann sich jederzeit ausbreiten – zwar nicht so flächendeckend wie noch in der dritten Welle. Aber es braucht eine Reihe von Maßnahmen, um es zu kontrollieren."

Hoffnung setzt Kollaritsch in noch wirksamere Impfungen, etwa intranasale Präparate, die momentan noch geprüft werden. Sie provozieren eine Immunität direkt an den Schleimhäuten und damit das höchste Potenzial für eine Infektionsblockade.

Berichte aus Israel deuten darauf hin, dass bei Menschen über 65 etwa sechs Monate nach der zweiten Dosis des Biontech/Pfizer-Vakzins ein Rückgang der Wirksamkeit bei Hospitalisierungen eintreten könnte.

Wirksame Booster

Vor allem in der Gruppe der älteren, vorerkrankten und immungeschwächten Personen sei es besonders wichtig, das Immunsystem an den Erreger zu erinnern, erklärt Kollaritsch. "In Israel, wo sehr früh mit Drittimpfungen begonnen wurde, konnte man schön beobachten, wie gut sie wirken." Bei Menschen über 60 Jahren, die nur zweimal gegen das Coronavirus geimpft wurden, traten zehn Mal mehr Infektionen auf als bei denjenigen in dieser Altersklasse, die die Booster-Impfung erhalten hatten. Zudem traten bei zweifach Geimpften 20 Mal häufiger schwere Krankheitsverläufe auf als bei den Probanden mit dreifachem Impfschutz. "Die Booster-Impfungen heben den Schutz sofort auf ein potenteres Niveau." Wie lange diese Immunität nach dem Drittstich anhält, sei noch nicht abschätzbar.

Unter Impfdurchbrüchen versteht man Fälle, bei denen Menschen sich trotz vollständiger Impfung mit dem Coronavirus infizieren und Krankheitssymptome zeigen. Nicht als Impfdurchbrüche gelten asymptomatische Verläufe bei Geimpften.

In den vergangenen vier Wochen waren von den symptomatischen Infektionsfällen knapp 31 % vollständig geimpft. Mit höherer Impfquote steigt in Relation die Zahl der Impfdurchbrüche, weil mehr Menschen geimpft sind. Kollaritsch weist zudem darauf hin, dass bei hohen Infektionszahlen auch die Wahrscheinlichkeit steigt, als vollständig geimpfte Person mit dem Virus in Kontakt zu kommen.

In diesem Kontext wird insbesondere der Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson (Janssen) diskutiert. Das Nationale Impfgremium, zu dessen Mitgliedern auch Kollaritsch zählt, empfiehlt seit Kurzem die Gabe einer zweiten Dosis nach 28 Tagen. "Wir haben starke Indizien, dass eine einmalige Impfung unter dem Druck der Delta-Variante nicht mehr den Schutz bringt, den sie noch bei grassierenden Alpha-Variante gebracht hat." Im Idealfall kommt bei der Zweitimpfung ein mRNA-Impfstoff zum Einsatz, wobei laut Kollaritsch auch nichts gegen eine zweite Janssen-Dosis spricht. Johnson & Johnson hat vor wenigen Tagen bei der US-Arzneimittelbehörde die Zulassung von Auffrischungsimpfungen beantragt. Konzerneigene Untersuchungen hätten ergeben, dass eine Booster-Impfung die Schutzwirkung des Impfstoffs auf 94 Prozent erhöhe, hieß es.

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