© EPA/MARIO CRUZ

Wissen Gesundheit
04/10/2020

Coronavirus: Wie es derzeit mit der Medikamentenversorgung aussieht

Deutsche Medien berichteten, Medikamente für Intensivpatienten könnten auch in Österreich knapp werden. Wie Experten die Situation einschätzen.

von Ernst Mauritz, Matthias Nagl

Die Berichte klingen alarmierend: EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides appelliert in einem Brief an mehrere europäische Verbände der Arzneimittelindustrie, "als Angelgenheit extremer Dringlichkeit", die Produktion von Medikamenten für Covid-19-Patienten auf Intensivstationen zu steigern.

Das berichtete die deutsche Zeitung Die Welt, der dieser Brief ebenso vorliegt wie dem Londoner Bureau of Investigative Journalism. Aus diesem Schreiben gehe demnach auch hervor, dass unter anderem Kliniken in Spanien, Frankreich, Schweden, Finnland und Österreich schon jetzt Mittel für die Behandlung von schwerkranken Patienten ausgegangen seien.

In Deutschland seien Engpässe bei 47 Wirkstoffen zu erwarten, etwas bei Anästhetika und Beruhigungsmitteln.

Alexander Herzog, Generalsekretär der Pharmig (Verband der pharmazeutischen Industrie) kennt diesen Brief, er ist auch an die Pharmig ergangen. "Der Hintergrund des Briefes ist: Die EU-Gesundheitskommissarin macht die Hersteller darauf aufmerksam, auf ihre Produktionskapazitäten zu achten und diese zu erhöhen, um nicht in eine allfällige Mangelsituation hineinzugeraten. Das war die Intention. Und das tun wir als Hersteller auch."

Durch manche unglückliche Formulierungen konnte aber bei Lesern des Briefes, die den Hintergrund nicht kennen, der Eindruck erweckt werden, dass es eine Mangelsituation gebe, sagt Herzog: "Das ist aber überhaupt nicht der Fall."

Das bestätigt auch Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin der AGES-Medizinmarktaufsicht: "Es ist gut, dass die EU-Kommissarin die Industrie auffordert, die Produktion anzukurbeln. Als Behörde sind wir derzeit in intensivem Kontakt mit den jeweiligen Zulassungsinhabern der Medikamente und mit den Krankenhausapotheken. Wir haben ein intensives Monitoring aufgesetzt, auch für die Substanzen, die jetzt in der Intensivmedizin eingesetzt werden. Und da sind wir derzeit im grünen Bereich."

Alexander Herzog: "Was es gibt ist, dass in einzelnen Ländern, konkret Frankreich, Italien oder Spanien, vorübergehende Logistikprobleme beim Nachliefern von Medikamenten aufgetreten sind. Ds ist ähnlich wie im Lebensmittelhandel." Wie die konkrete Erwähnung von Österreich in dem Brief zustande gekommen sei, könne er nicht nachvollziehen. Das sagt auch Wirthumer-Hoche: "Wie ich die Meldungen gelesen habe, wonach es in Österreich einen Mangel geben soll, habe ich mich gefragt, woher haben die das?"

Herzog: "Es besteht bei uns kein großflächiger Mangel an Medikamenten im Intensivbereich, das stimmt einfach nicht. Wir überprüfen das täglich und sind mit den Börden in täglicher Abstimmung."

Er könne nicht ausschließen, dass es in einzelnen Spitälern da und dort zu einem vorübergehenden Mangel bei dem einen oder anderen Medikament komme: "Aber das ist eine nicht außergewöhnliche Situation, die es immer wieder gibt und die man beheben kann."

Solange die Grenzen offen seien und es die vorrangigen Fahrspuren ("green lanes") für die Transporte von Medikamenten und Medikamentenvorstoffen gebe, werde die Versorgung funktionieren. Denn für diese Medikamente aus dem intensivmedizinischen Bereich gebe es auch in Europa aus heutiger Sicht ausreichend Produktionskapazitäten. "Natürlich kann niemand vorhersagen, was bei einem exponentiellen Anstieg der Erkrankungsfälle auf Intensivstationen passiert, aber von einem solchen gehen wir derzeit nicht aus, ganz im Gegenteil, wir hoffen ja auf eine bleibende Stabilisierung", betont der Pharmig-Generalsekretär.

Abflachung der Apothekenverkäufe

Beruhigt habe sich auch die Lage bei der Medikamentenversorgung in den Apotheken, erläutert Herzog: "Natürlich war der März ein extrem starkes Monat, weil viele Kunden die Apotheken gestürmt haben. Aber jetzt im April sehen wir eine deutliche Abflachung der Verkaufszahlen." Denn es habe sich um "Vorziehkäufe" gehandelt: "Irgendwann hat dann aber jeder genug Schmerzmittel zuhause."

Auch bei dem Wirkstoff Paracetamol habe sich die Situation entspannt: "Indien exportiert den Wirkstoff derzeit nur nach speziellen Anträgen. Aber da sind wir dabei, das in den Griff zu bekommen." Der Großhandel in Österreich habe noch ausreichend Lagerbestände.

"Wir können ausweichen"

Der Intensivmediziner Walter Hasibeder (Krankenhaus Zams, Tirol), künftiger Präsident der ÖGARI (Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie Reanimation und Intensivmedizin), sagte in einem Online-Vortrag Donnerstagnachmittag zum Thema Medikamentenversorgung: "Wir wissen, dass ein sehr starkes Opiat, das Sulfentanyl, bei uns bereits kontingentiert wurde. Das heißt, wir wissen, dass wir nicht unbegrenzt Nachschub haben."

Das sei aber kein großes Problem, "weil wir noch andere Opiate haben, auf die wir ausweichen können. Ich habe jahrelang in einem anderen Krankenhaus mit langzeit-intubierten, beatmeten Patienten mit Fenanyl gearbeitet, das ist genauso gegangen."

Lange Beatmungsdauer als Herausforderung

Eine große Herausforderung auf den Intensivstationen ist die lange Beatmungsdauer der Patienten. Die Aufenthalte von Covid-19-Patienten auf der Intensivstation gestalten sich länger als zunächst angenommen. Das berichtete der Leiter des medizinischen Einsatzstabes des Landes Salzburg, Richard Greil, in einem Videostream. "Wir sind zunächst von einer Dauer von zehn bis 14 Tagen ausgegangen, jetzt geht es eher in Richtung drei Wochen Aufenthalt auf der Intensivstation", erklärte Greil.

Das durchschnittliche Alter der Intensivpatienten sei inzwischen niedriger als beim Ausbruch der Krise, es beträgt in Salzburg aktuell 62 Jahre.

Auf die lange Beatmungsdauer weist auch ÖGARI-Präsident Klaus Markstaller vom Wiener AKH / MedUni Wien hin: "Patientinnen und Patienten mit Covid-19, die intensivpflichtig werden, weisen sehr schwere Krankheitsverläufe auf, sie werden überdurchschnittlich lange auf den Intensivstationen behandelt und müssen überdurchschnittlich lange beatmet werden. Das ist nicht nur für die Erkrankten sehr belastend, sondern stellt auch eine erhebliche Herausforderung für die Ressourcen dar", schreibt Markstaller auf dem Blog anaesthesie.news.

Typische Vorerkrankungen bzw. Risikofaktoren, die bei schweren Krankheitsverläufen zu sehen sind, umfassen Herzschwäche, koronare Herzkrankheit (verengte Herzkranzgefäße), Diabetes, Adipositas, COPD und Asthma.

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