Vieles ist über SARS-CoV-2 mittlerweile bekannt, vieles noch verborgen.

© Getty Images/XiaoYun Li

Wissen Gesundheit
11/09/2020

Coronavirus: Was wir wissen, was wir nicht wissen

Unermüdlich durchleuchten Forscher den einst unbekannten Erreger. Worüber inzwischen Gewissheit herrscht – und was die Wissenschaft wohl noch länger beschäftigen wird.

von Marlene Patsalidis, Ernst Mauritz, Ingrid Teufl, Susanne Mauthner-Weber

WAS WIR WISSEN:

Masken wirken.

"Laufend neue Daten belegen, dass das Tragen von Masken die Virusausbreitung eindämmen kann", sagt Virologe Christoph Steiniger. Masken bieten keinen 100-prozentigen Schutz, größere Tröpfchen, die beim heftigen Husten oder Niesen ausgestoßen werden, "bleiben aber großteils im Stoff hängen".

Problematischer sind winzige virushaltige Aerosole, die sich beim lauten Sprechen, intensiven Atmen oder Singen lange in der Umgebungsluft halten. "Sie können seitlich entweichen und auf die Schleimhäute eines gesunden Menschen gelangen." Daher muss die Maske eng über Nase und Mund getragen werden.

Maßnahmen beeinflussen Infektionszahlen.

Zuletzt wurden gleich zwei große Untersuchungen – von der britischen Universität Oxford und der MedUni Wien – dazu veröffentlicht. Sie zeigen, dass drastische Maßnahmen zu einer Senkung des Reproduktionsfaktors R führen, der angibt, wie viele andere ein Infizierter ansteckt. Die an der österreichischen Studie beteiligten Wissenschafter sagen, dass ein Lockdown Infektionen am erfolgreichsten stoppt – allerdings Kollateralschäden bedingt. Auch Schulschließungen sind effektiv, ebenso wie etwa das ausschließliche Öffnen systemrelevanter Geschäfte oder das Beschränken von Treffen auf zehn Personen. Eine Einzelmaßnahme reicht nie aus, um Infektionen zu bremsen.

Vitamin D spielt eine Rolle bei Covid-19.

Schon zu Beginn der Pandemie kursierten Meldungen, ein voller Vitamin-D-Speicher könne den Verlauf von Covid-19 mildern. Inzwischen gibt es Belege: Spanische Forscher berichten in der jüngsten Studie dazu, dass 80 Prozent von 200 Spitalspatienten an einem Mangel litten.

Wie eine Ansteckung abläuft.

Um eine Krankheit im menschlichen Organismus auszulösen, müssen Viren Körperzellen als Wirte nutzen. Sie docken an geeignete Zellen – im Fall von SARS-CoV-2 jene, die den ACE2-Rezeptor tragen. Dann zwingt das Virus die Zellen dazu, Virusbestandteile zu produzieren, und zerstört sie. Je mehr neue Viren sich entwickeln und Zellen zum Opfer fallen, desto deutlicher spürt man Symptome. Inkubationszeit – so nennt man die Zeit vom Eindringen der Erreger bis zum Ausbruch von Krankheitszeichen. Bei Covid-19 liegt sie zwischen zwei und 14 Tagen.

Wer zur Risikogruppe zählt.

Das Coronavirus kann für ältere Menschen (ab 65 Jahren) und Erwachsene mit gewissen Vorerkrankungen gefährlich sein. Zu relevanten Erkrankungen zählen: chronische Lungenkrankheiten, Lebererkrankungen, Nierenerkrankungen und Herzerkrankungen, aktive Krebserkrankungen, Erkrankungen, die mit einer Immunsuppression behandelt werden, ausgeprägte Adipositas, Diabetes mellitus sowie Bluthochdruck.

Wie das Virus erkannt wird.

Sensible PCR-Tests dienen dem Nachweis einer aktuellen Corona-Infektion. Proben werden mittels Nasen- oder Rachenabstrich entnommen, oder per Gurgelmethode gewonnen. Bei schnelleren (und etwas unzuverlässigeren) Antigen-Tests (Ergebnis in 20 Minuten) wird nicht Viruserbgut nachgewiesen, sondern dessen Protein bzw. Proteinhülle.

WAS WIR NICHT WISSEN:

Wie lange Antikörper schützen.

Erkenntnisse zu Abwehrstoffen, die der Körper gegen SARS-CoV-2 bildet, sind für die Impfstoffforschung wichtig und geben Auskunft darüber, ob mit einer Immunität nach durchlaufener Erkrankung zu rechnen ist. In mehreren Studien befanden Forscher bisher, dass ein dauerhafter Schutz unwahrscheinlich sei, da der Spiegel der Antikörper rasch abfällt. Dokumentierte Zweitinfektionen verliefen bisher mild, scheinen aber möglich. Neue Hoffnung nährt nun ein wissenschaftliches Papier aus den USA: Forscher stellten zwar einen Rückgang von Antikörpern fest. Die verbleibenden Abwehrstoffe wurden aber wirkungsvoller in der Virusbekämpfung. Ein effektiver Schutz könnte viel rascher aufgebaut werden.

Welche Rolle Kinder spielen.

Kinder spielen eine untergeordnete Rolle in der epidemiologischen Kette – lautet die gängige Fachmeinung. Vor allem kleine Kinder gelten als schwerer infizierbar, geben das Virus schlechter weiter und stoßen wegen der oft milden Symptome tendenziell weniger Virus aus. Sie können aber ähnlich viel Virus in sich tragen wie Erwachsene. Nun mehren sich Hinweise, dass das von Kindern ausgehende Risiko womöglich unterschätzt wurde. Eine Antikörperstudie zeigt, dass sechs Mal so viele Kinder in Bayern infiziert waren als ursprünglich gemeldet. Experten halten verzerrte Infektionszahlen für möglich, da Kinder (primär zu Pandemiebeginn, aber auch heute) seltener getestet werden.

Wie groß die Rolle der Aerosole ist.

Die Gefahr der kleinsten virushaltigen Schwebeteilchen könnte bisher unterschätzt worden sein, schrieb kürzlich der britische Virologe Julian Tang im Guardian. Sie könnten in Innenräumen weiter als nur einen Meter fliegen. "Aerosole verteilen sich überall und relativ schnell, sodass wir sie ständig einatmen", erläutert auch Aerosolforscher Martin Kriegel. Das RKI listet Aerosole mittlerweile zusammen mit größeren Tröpfchen als Hauptübertragungsweg. Wie lange die Tröpfchen und Aerosole in der Luft schweben, ist neben der Partikelgröße von Temperatur, Raumgröße, Luftzug oder Luftfeuchtigkeit abhängig.

Wie der optimale Lockdown aussieht.

Forscher haben in Modellen festgestellt, dass für die eine Gesellschaft ein langer Lockdown, für die andere ein kurzer optimal sein kann. Obwohl sich die Gesellschaften ähneln. Man könne nicht sagen, dass ein Land irrational vorgeht, wenn es keinen Lockdown hatte. TU-Mathematikerin Alexia Fürnkranz-Prskawetz: "Kleine Änderungen in der Gewichtung von Gesundheit und Wirtschaft können enorme Auswirkungen haben. Eine Gesellschaft, die eher auf die Gesundheit fokussiert, wird auf einen längeren Lockdown setzen, die, die eher die Wirtschaft im Kopf hat, ihn kürzer halten."

Wo das Virus seinen Ursprung nahm.

Das Erbgut von SARS-CoV-2 entschlüsselten Virologen in kürzester Zeit. Von wo das Virus seinen Ausgang nahm, ist nach wie vor unklar – ebenso, wann das Virus vom Tier auf den Menschen übersprang. Denkbar sind Fledermäuse als Ursprungswirte und Pangoline, die auf dem Wildtiermarkt in Wuhan verkauft wurden, wo sich womöglich der erste Mensch ansteckte. Theorien, dass das Virus aus dem Labor stammt, wurden widerlegt.

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