Draußen vertreibt der Wind kleinste Viruspartikel, drinnen ist die Gefahr einer Ansteckung größer.

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Wissen Gesundheit
05/21/2020

Coronavirus: Lauert die Ansteckungsgefahr in der Luft?

Hinweise auf eine Ansteckungsgefahr über winzige Schwebeteilchen in der Umgebung mehren sich.

von Marlene Patsalidis

Als sich die Mitglieder des US-Chores von Mount Vernon an einem kühlen Märzabend in der örtlichen Kirche trafen, waren sie vorbereitet. Die Nachricht über die Ausbreitung des Coronavirus hatte sich bereits herumgesprochen; in New York war die Zahl der Todesopfer in den Tagen zuvor nach oben geschnellt. Man stellte Desinfektionsmittel bereit, verzichtete auf herzliche Begrüßungsgesten. Statt der üblichen 122 Sänger erschienen nur 61.

Heute, rund zwei Monate später, ist besagter Chor in aller Munde. Denn trotz der Vorsichtsmaßnahmen mutierte das Treffen zum Covid-19-Debakel. Eine Person – sie war mit leichten Erkältungssymptomen bei der Probe aufgetaucht und wurde später positiv auf SARS-CoV-2 getestet – steckte 53 der 61 Sänger an. Drei von ihnen mussten ins Spital gebracht werden, zwei starben. Über die Infektionskette wurde bereits Anfang März berichtet, nun hat die US-Seuchenschutzbehörde Centers for Disease Control ihren Abschlussbericht veröffentlicht.

Darin halten die Experten unter anderem fest, warum das Virus unter den Chor-Mitgliedern derart rasch um sich greifen konnte: Grund dafür sind demnach sogenannte Aerosole, winzige, wenige Mikrometer große Partikel, die beim Atmen, vor allem aber beim Singen und lauten Sprechen über den Mund ausgestoßen werden und in der Umgebungsluft landen. Ist man etwa erkältet, an der Grippe oder am neuen Coronavirus erkrankt, können mit diesen Aerosolteilchen auch Viren ausgeschieden werden.

"Diese Partikel sind so klein und leicht, dass sie als Schwebeteilchen mit der darin enthaltenen Viruslast länger in der Luft verbleiben", erklärt Michael Wagner, Leiter des Zentrums für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft an der Universität Wien und wissenschaftlicher Berater der Covid-19-Diagnostikinitiative in Wien. "Größere Tröpfchen, die in der Regel beim Husten, Niesen oder feuchter Aussprache ausgestoßen werden, fallen rascher zu Boden." Das unmittelbare Ansteckungsrisiko, das von ihnen ausgeht, sei damit schneller gebannt.

Belege häufen sich

Tatsächlich tauchen seit Ausbruch der globalen Pandemie immer mehr Anhaltspunkte auf, die nahelegen, dass eine Ansteckung über Aerosole einen nicht unwesentlichen Faktor im Infektionsgeschehen darstellt. Das Robert-Koch-Institut weist darauf hin, "dass SARS-CoV-2-Viren über Aerosole auch im gesellschaftlichen Umgang übertragen werden können". Das sieht auch Herwig Kollaritsch, Infektiologe und Mitglied der Corona-Taskforce des Gesundheitsministeriums, so: "Prinzipiell, und das haben bisher auch einige Fallberichte wie etwa jener des US-Chores gezeigt, ist eine solche Übertragung möglich. Es ist aber sicherlich nicht der Hauptübertragungsweg. Das ist und bleibt die Tröpfcheninfektion." Im epidemiologischen Geschehen spielen Aerosole laut Kollaritsch demnach insgesamt eine untergeordnete Rolle.

Mikrobiologe Wagner weist dennoch darauf hin, dass immer mehr Berichte über Ansteckungen in Fitnessstudios, Restaurants, Bussen und Callcentern erscheinen, die auf Aerosole als wichtigen Übertragungsweg hindeuten. Dazu passen Ergebnisse einer Studie aus dem renommierten New England Journal of Medicine. Sie zeigen, dass der Erreger im Aerosol noch ungefähr drei Stunden lang ansteckend ist. Allerdings erzeugten die Autoren für die Studie ein künstliches Virusaerosol mit einer hohen Konzentration an infektiösen Viren. Auf die Realität scheinen diese Ergebnisse – wie bei allen Laborstudien – nur bedingt übertragbar.

Ebenfalls im Labor untersuchte der US-Aerobiologe Donald Milton mit seinem Team den Ausstoß von Probanden mit Grippesymptomen. Er gelangte zur Erkenntnis, dass diese nicht unbedingt husten müssen, um Viren auszuwerfen. Unklar sei aber, ob die so freigesetzten Aerosole eine Ansteckung hervorrufen können.

In puncto Aerosole sei laut Kollaritsch in der Tat noch vieles ungewiss, etwa auch, wie lange der infektiöse Viruskern in der Luft verbleibt. Ein Viruspartikel allein reiche auf den Schleimhäuten keinesfalls aus. "Und die Anzahl der Viren in der Luft ist jedenfalls um ein Vielfaches geringer als in einem ausgehusteten Tröpfchen." Stichwort Luft: Gesichert scheint, dass Aerosole drinnen ein größeres Ansteckungsrisiko darstellen als draußen, "denn Luftzug wirkt sich negativ auf ihren Verbleib in der Luft aus", sagt Kollaritsch.

Dass Aerosole durch Luft abtransportiert werden, bestätigt auch Mikrobiologe Wagner – und fügt hinzu: "Wenn geringe Luftfeuchtigkeit herrscht, geben die ausgestoßenen Tröpfchen Feuchtigkeit ab, werden kleiner und bleiben noch länger in der Luft stehen." Im Winter liegt die relative Luftfeuchtigkeit in beheizten Räumen oft unter 30 Prozent, im Sommer steigt diese an. "Wir wissen von anderen Coronaviren, dass diese von geringer Luftfeuchtigkeit und niedrigen Temperaturen profitieren und vor allem im Winter zirkulieren."

Auch die UV-Strahlung im Sonnenlicht hilft dabei, Viren unschädlich zu machen. Für denkbar hält Wagner, dass sich das Virus in den fleischverarbeitenden Konzernen, wo es etwa in Deutschland und den USA große Infektionscluster gab, unter anderem wegen der niedrigen Raumtemperatur gut ausbreiten konnte. Jedoch, so Wagner, spielen Klimafaktoren zu Beginn einer Epidemie vermutlich eine eher untergeordnete Rolle: "Weil sich das neuartige Coronavirus wegen der nicht vorhandenen Immunität der Bevölkerung auch unter nicht optimalen Bedingungen stark verbreiten kann." Folglich sei es nicht überraschend, dass es auch Infektionsherde im warmen Florida oder in Brasilien gibt.

Fenster öffnen

Wie kann man sich nun schützen? Ein Mund-Nasen-Schutz bietet den beiden Experten zufolge nur begrenzt Schutz. Wagner: "Das Tragen von Masken in Räumen ist trotzdem sinnvoll, da sie je nach Maskentyp einen bestimmten Anteil der ausgestoßenen Tröpfchen und Aerosole abfangen." Auch Lüften hilft, das Risiko in geschlossenen Räumen zu minimieren: "In Restaurants oder Geschäften, wo sich jetzt wieder mehr Menschen tummeln, würde ich empfehlen, alle Fenster aufzumachen", sagt Wagner. Noch sicherer wäre es jedoch, das Leben – soweit möglich – nach draußen zu verlegen.

Zurück zum Chor von Mount Vernon: Überall wo viele Menschen sind und stark geatmet wird, ist die Coronavirus-Übertragung scheinbar ein großes Problem. Das zeigen auch Fälle in Österreich: Ebenfalls Anfang März wurden mehr als die Hälfte der 44 Mitglieder des Gesangsvereins St. Georgen an der Gusen positiv auf Covid-19 getestet. Die Rolle der Luft bei der Verbreitung des Coronavirus wird Laien und Experten wohl auch in Zukunft noch beschäftigen.