Derzeit wird an über 100 Impfstoffen gegen das neuartige Coronavirus gearbeitet.

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Wissen Gesundheit
06/08/2020

Corona: Das lange Warten auf den Impfstoff

Die hellsten Forscherköpfe tüfteln an einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2. Ob es je eine wirksame Vakzine geben wird, ist längst nicht in Stein gemeißelt.

von Marlene Patsalidis

Das Abflachen der Infektionskurven lässt Menschen vielerorts zögerlich aufatmen. Was Laien als Verschnaufpause (ob und wann das Virus in Form einer zweiten Welle zurückkehrt, ist ungewiss) empfinden, lässt Impfforscher zur Höchstform auflaufen.

Zeit ist in der Impfstoffentwicklung ein kostbares Gut. Bis ein Mittel zugelassen wird, dauert es meist viele Jahre. "Weil ein Impfstoff potenziell vielen Millionen gesunden Menschen präventiv gespritzt wird, muss man gezeigt haben, dass er keinen Schaden anrichtet", erläutert der auf Antikörper spezialisierte Virologe Lukas Weseslindtner von der MedUni Wien. Die notwendigen Sicherheitsauflagen machen die Entwicklung langwierig.

Derzeit wird an mehr als 100 Schutzimpfungen gegen SARS-CoV-2 gebastelt. Die Projekte sind vielversprechend, ob sie von Erfolg gekrönt sein werden, ist schwierig zu prognostizieren. Jüngst wurden zweifelnde Stimmen laut. "Wir können nicht sicher sein, dass wir eine Impfung bekommen werden", bekundete Jonathan Van-Tam, Epidemiologe und höchster Gesundheitsberater der britischen Regierung. In der Tat gebe es nach wie vor Hürden, bestätigt Weseslindtner.

Vieles dreht sich um die Frage, wie sich der Organismus gegen den neuartigen Erreger wehrt, wie lange man nach einer Infektion immun ist und was dafür ausschlaggebend ist.

Komplexe Immunität

Impfungen dienen dem Aufbau eines körpereigenen Schutzes vor Erregern. Die Impfung wirkt wie eine Infektion, gegen die der Organismus Abwehrstoffe (Antikörper) bildet. Weseslindtner: "Was für Laien schwierig nachzuvollziehen ist, ist, dass ein positiver Antikörper-Nachweis nicht unmittelbar bedeutet, dass Immunität besteht. Wir beobachten zum Beispiel, dass manche Patienten mit milden Covid-19-Verläufen nach der Infektion nur niedrige Antikörper-Werte aufweisen."

Bei SARS-CoV-2 dürfte beim Immunstatus also auch das zelluläre Immunsystem eine wichtige Rolle spielen. Dazu muss man wissen, dass SARS-CoV-2 die Zelle nach dem Eindringen zwingt, Virusbestandteile zu produzieren. Antikörper blockieren den Eintritt des Virus in die Zelle. Hat das Virus diese aber schon in Beschlag genommen, können Antikörper nicht mehr viel ausrichten. Dann braucht es andere Bestandteile des Immunsystems, um das Virus aus der Zelle zu entfernen. Indem diese zerstört wird, etwa. "Es ist denkbar, dass Menschen, die sich erfolgreich mit solchen Zellen wehren, einen kürzeren und milderen Krankheitsverlauf erleben", sagt Weseslindtner. Letztlich werde es also wohl eine Impfung brauchen, die nicht nur Antikörper induziert, sondern auch das zelluläre Immunsystem aktiviert.

Risikogruppen

Infektiologe Herwig Kollaritsch verortet die größte Hürde anderswo: "Das Problem wird sein, die Impfung für die Risikogruppen abzustimmen." Ältere Menschen hätten eine verminderte Impfantwort. "Wenn die Impfung in diesen Zielgruppen nicht gut wirkt, ist das ein herber Rückschlag. Ein Herdeneffekt nur durch Impfung der Jungen wird kaum erreichbar sein." Auch mögliche Mutationen spielen eine Rolle. Allerdings macht es das sonst so tückische Coronavirus der Wissenschaft in diesem Punkt einfach: Es scheint sich nur unwesentlich zu verändern.

Verkompliziert wird die Sache dadurch, dass unterschiedliche Arten von Impfungen zum Einsatz kommen können. Unterschieden wird zwischen Tot- und Lebendimpfstoffen. Erstere enthalten abgetötete Erreger oder Bruchstücke davon. Im Fall von SARS-CoV-2 wären das z. B. strukturelle oder genetische Virusbestandteile. Im Gegensatz dazu bestehen Lebendimpfstoffe aus vermehrungsfähigen, abgeschwächten Krankheitserregern. "Die Immunreaktion ist hier stärker und eine Immunisierung hält länger an", erklärt Weseslindtner.

Vereinte Kräfte

Für viele Infektionskrankheiten wurde jahrzehntelang an einem Impfstoff geforscht. Oft vergeblich. Impfstoffprojekte gegen SARS und MERS verliefen im Sand. Angesichts der Lage geht Weseslindtner davon aus, dass es bei SARS-CoV-2 anders sein wird: "Man muss sich eingestehen, dass der gesellschaftliche Druck in anderen Fällen nicht groß genug war. Es würde mich wundern, wenn es nicht gelingen sollte, einen Corona-Impfstoff herzustellen." Einen derartigen Impfstoff für die Weltbevölkerung produzieren zu lassen, sprenge allerdings existierende Produktionskapazitäten, gibt Kollaritsch zu bedenken: "Es wird eine Priorisierung im Zugang geben müssen. Das zu managen ist mehr als heikel."

Wie ein funktionierender Impfstoff letztlich aussehen wird, wie er aufgebaut und verabreicht wird, kann man unmöglich vorhersagen. Denkbar ist, dass eine Corona-Impfung eine zweite Ansteckung nur milder verlaufen lässt. Davon, dass es vor der zweiten Hälfte des Jahres 2021 einen allgemein verfügbaren Impfstoff geben wird, gehen beide Experten jedenfalls nicht aus.

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