Schutzvisiere sind angenehmer, langlebiger und leichter zu reinigen als Masken. Vor Corona schützen sie nur sehr eingeschränkt.

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Wissen Gesundheit
05/26/2020

Alternative im Visier: Was taugen Gesichtsschutzschilde wirklich?

Ein US-Experte plädiert für den breiteren Einsatz von Kunststoffvisieren. Doch wie wirksam sind sie im Schutz gegen das neuartige Coronavirus?

von Marlene Patsalidis

Viele haben sich mittlerweile daran gewöhnt: Im Supermarkt ist der Mund-Nasen-Schutz anzulegen, ebenso in Geschäften, beim Friseur oder beim Betreten von Restaurants. Das Gros der Bevölkerung empfindet die Corona-bedingte Bedeckungspflicht nach wie vor als unangenehm. Der US-Epidemiologe Eli Perencevich propagiert nun eine weitaus behaglichere, vermeintlich ideale Alternative: Gesichtsvisiere.

In einem kürzlich im renommierten Fachblatt JAMA erschienenen Abriss legt der Experte von der Universität von Iowa ein Plädoyer für die Kunststoffschilde ab. In Kombination mit verstärkten Tests, Kontaktverfolgung im Ansteckungsfall und Social Distancing könnten sie zur Eindämmung der Pandemie beitragen – bei gleichzeitigem Tragekomfort, längerer Lebensdauer sowie einfacher Reinigung und Nutzbarkeit.

Lehrer bis Babys

Die Alltagstauglichkeit der schützenden Kopfbedeckung haben schon andere erkannt: In Singapur erhalten Vorschulkinder und Lehrer bei der Rückkehr in die Schule Gesichtsschilde. Auch Lehrergewerkschaften verschiedener US-Bundesstaaten machen sich für die Visiere stark. In Erinnerung sind so manch einem vielleicht noch die Miniatur-Visiere für Neugeborene, die in einem thailändischen Spital gefertigt wurden. Andere Hospitäler haben die Idee mittlerweile übernommen.

Da und dort bekommt man sie auch in Österreich zu Gesicht. Hierzulande rüsten sich vor allem Kellner und Mitarbeiter im Handel mit den transparenten Visieren. In Krankenhäusern gehören sie spätestens seit Ausbruch der Pandemie zur Standardausrüstung. Christoph Steininger, Virologe von der MedUni Wien, stellt Klarsichtvisieren kein gutes Zeugnis aus: "In der Maskendiskussion wurde oft – und zurecht – darauf hingewiesen, dass es nur wenige aussagekräftige Studien zur Wirksamkeit gibt. Zu Kunststoffvisieren gibt es gar keine gehaltvollen Daten. Man kann nur Vermutungen über ihre Nützlichkeit anstellen. Nachdem sie alles andere als dicht sind, ist ihr positiver Effekt aus virologischer Sicht zweifelhaft." Bei Masken wisse man mittlerweile, "dass sie nur dann schützen, wenn sie dicht anliegen. Die Schilde erfüllen dieses wichtige Kriterium nicht."

Augen bedeckt

Birgit Willinger, Leiterin der Abteilung für klinische Mikrobiologie am AKH Wien und Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin (eine ausführliche Einschätzung der ÖGHMP finden Sie hier), zeigt sich ähnlich skeptisch: "Visiere sind in puncto Schutz keinesfalls gleichwertig mit Mund-Nasen-Schutzmasken", schickt sie voraus. Sie könnten aber durchaus größere Tröpfchen, die man selbst beim lauteren Sprechen, Husten, Niesen oder feuchter Aussprache ausstößt, abfangen. "Sie prallen auf den Schirm, bevor sie auf die Schleimhäute des Gegenübers gelangen."

Weiteres Plus: Die Mimik bleibt erkennbar. Dass die Augen – sie gelten neben Nase und Mund als weitere Eintrittspforten für das Virus – geschützt sind, sieht sie ebenfalls als Vorzug. Ob die Visiere dem gefährlichen Griff ins Gesicht vorbeugen? Willinger: "Was stimmt ist, dass die Schilde keinen Juckreiz auslösen. Man zupft wohl seltener an ihnen herum." Allerdings gebe es auch bei Visieren Anwendungsfehler. Etwa, wenn man mit den Händen direkt auf deren Außenseite fasst.

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Zu durchlässig

Allerdings, bekräftigt Willinger, schützen Visiere nicht vor winzigen Aerosolen, die beim Atmen oder Sprechen als potenziell infektiöse Schwebeteilchen in die Luft gelangen. "Hier bieten Gesichtsschilde nicht nur einen verminderten Eigenschutz im Vergleich zu Masken, sondern auch einen reduzierten Fremdschutz."

Zudem gebe es laut der Mikrobiologin bestimmte Mindestanforderungen für Visiere, damit überhaupt ansatzweise Schutz gegeben ist: "Das Visier muss deutlich bis unter das Kinn reichen, mindestens eine Handbreite. Es muss auch bis zu den Ohren gehen, damit Seitenschutz gegeben ist. Das obere Ende muss auf der Stirn aufliegen, sonst können Aerosole nicht nur unten, sondern auch oben entweichen. Viele Varianten, die man derzeit in der Öffentlichkeit sieht, entsprechen dem nicht."

Im medizinischen Bereich, das müsse laut Willinger betont werden, "werden die Visiere nicht statt Mund-Nasen-Masken, sondern zusätzlich verwendet. So ist ein stärkerer Schutz gegeben."

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Kellner, die des Öfteren solche Visiere tragen, stehen meist direkt neben Gästen. Können Tröpfchen vom Schild auf Gäste hinabgleiten? "Aerosole sicherlich. Größere Tröpfchen bleiben wahrscheinlich kleben, außer sie sind extrem flüssig, was nur vorkommen würde, wenn man direkt aufs Visier niest oder hustet." Können Menschen aus medizinischen Gründen (etwa COPD-Patienten) keine Maske tragen, sind Visiere eine Alternative. Willinger: "Man schützt damit aber in erster Linie sich selbst. Zum Fremdschutz wird nur ein minimaler Beitrag geleistet."

Auch das deutsche Robert Koch-Institut zeigt sich bezüglich ihrer Tauglichkeit zurückhaltend. "Natürlich kann sich die Fachmeinung aufgrund neuer Daten ändern, allerdings erscheinen die Kritikpunkte logisch und nachvollziehbar", sagt Willinger.

Wer darauf hofft, vor dem Virus abgeschirmt mit aufgezogenem Visier im Lokal schmausen zu können, muss ohnehin enttäuscht werden: "Da müsste der Schild extrem weit vom Gesicht abstehen. Der Schutz wäre dann dahin", sagt Willinger.