Das menschliche Zeitgefühl funktioniert paradox: Man verrinnt die Zeit schneller, mal langsamer.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
06/07/2020

Paradox: Warum Corona unser Zeitgefühl stört

Warum der Mensch so sonderbar zu ticken scheint, welche Rolle unsere Erinnerungen dabei spielen – und was das Glückshormon Dopamin damit zu tun hat.

von Marlene Patsalidis

Erinnern Sie sich? Als Kanzler Sebastian Kurz an einem Freitag verkündete, dass "wir unser soziales Leben auf ein Minimum reduzieren" müssen? Passiert ist das am 13. März, vor exakt 86 Tagen also. Genauer gesagt 2.064 Stunden, präziser: vor 123.840 Minuten. Was damals abstrakt klang, manifestiert sich in den Köpfen heute als "Corona-Lockdown".

Jetzt, wo das Aufatmen nach wochenlangen Entbehrungen zögerlich beginnt, wenden viele den Blick zurück. Das Gros der Österreicher hat von der Krise einen – wie man so schön sagt – "zachen" Eindruck bekommen. Zäh, also. Fehlender Freizeitbeschäftigung und Fadesse in den eigenen vier Wänden sei Dank. Und dennoch scheint die Zeit rückblickend weniger zäh, vielmehr wie im Flug vergangen zu sein.

In diesem erinnerlichen Anschein entfaltet sich ein Phänomen, dass die Wissenschaft fesselt: Schon Albert Einstein erkannte, dass Zeit relativ ist, auch jenseits der Physik. Das Genie wusste, wovon es sprach: "Wenn man mit dem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute. Wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden."

Rätselhaftes Erleben

Woran das liegt, weiß Marc Wittmann. Der Psychologe und Hirnforscher ist Experte in Sachen Zeiterleben. Um zu begreifen, warum die Zeit mal schneller und mal langsamer verstreicht, "muss man zwei Mechanismen unserer Wahrnehmung kennen", schickt er voraus. Der eine hängt mit unserer Aufmerksamkeit zusammen: "Bei öder Langeweile achtet man so sehr auf die Zeit, dass man jede Sekunde verstreichen spürt." Die Zeit wird einem stärker bewusst, und verlangsamt sich subjektiv. "Achtet man nicht darauf, weil man in ein Gespräch oder einen Film vertieft ist, rauscht die Zeit nur so an einem vorbei."

Die Konzentration auf den Körper spielt dabei eine Rolle. Wittmann illustriert: "Hunger ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich das bewusste Körperempfinden auf die Zeitwahrnehmung auswirkt. Knurrt der Magen, spüren sich zehn Minuten wie eine Ewigkeit an. Schmökert man in einem spannenden Roman, vergisst man den Körper – und somit die Zeit."

Im Hinblick auf die sonderbar rasante Corona-Retrospektive ist vor allem der zweite Mechanismus interessant. "Je mehr Erinnerungen und Abwechslung wir mit einer Zeitspanne verbinden und je stärker die Erlebnisse emotional aus dem Alltag hervorstechen, desto länger wirken Zeiträume." Eindrückliches konnte man wegen der Isolationspflicht in der Tat kaum erleben.

Um zu erforschen, wie der menschliche Körper biologisch mit der Zeit geht, sperrte man Freiwillige in den Sechzigern wochenlang in einen Bunker. Den natürlichen Wechsel von Tag und Nacht enthielt man ihnen vor. Zuerst blieben die physischen Funktionen, Verdauung oder Schlaf zum Beispiel, der Teilnehmer im Takt. Doch mit der Zeit begannen sie sich zu zerstreuen. Die Schwankung der Körpertemperatur löste sich etwa vom Schlaf-Wach-Rhythmus. "Die innere Uhr richtet sich nach dem 24-Stunden-Rhythmus. Damit wir im Takt bleiben, brauchen wir das Sonnenlicht. Es synchronisiert die vielfältigen Taktgeber in unserem Körper, die Verdauung, Schlaf oder Körpertemperatur regulieren."

Hormonelles Tempo

Auch in unserem Hirn finden sich solche Schrittmacher. Zum einen scheinen Dopamin-ausschüttende Neuronen wesentlich (siehe unten). Auch die Intensität unserer Emotionen formt das Zeitgefühl. Adrenalin sticht als an Aufregung gekoppeltes Hormon heraus. Veranschaulicht wurde seine Wirkung in der Scifi-Trilogie "Matrix". Zur Erinnerung: Die ikonischen Kampfszenen wurden in übertriebener Zeitlupe gezeigt. "Das ist freilich Fantasie", holt Wittmann die Szenen in die Realität zurück, "aber es wurde versucht, ein echtes Phänomen nachzustellen".

Der Effekt der verlangsamten Zeitwahrnehmung kommt in Gefahrensituationen zum Tragen. Menschen, die schwere Unfälle erlebt haben berichten, dass die Zeit in diesen Momenten für sie stillstand. Das Ereignis selbst dauerte de facto nur Sekunden. "Der Körper reagiert mit einer Überlebensreaktion und beschleunigt alle Prozesse. Äußere Ereignisse laufen dann relativ zur Wahrnehmung gefühlt langsamer ab."

Das reale Zeitgefühl kommt auch depressiven Menschen abhanden, wie Psychiater an der Universität Köln zeigen konnten. Hier fallen ebenfalls die Emotionen ins Gewicht: "Depressive Menschen werden von negativen Gedanken geplagt, können sich kaum davon ablenken und sind deshalb mehr auf sich selbst und die Zeit als zähe Masse fokussiert." Pünktlichkeit und Zeiteinteilung werden davon beeinträchtigt.

Frage des Alters

Das Zeitgefühl hängt nicht nur davon ab, was wir gerade tun oder fühlen: Je älter man wird, desto rascher scheint die Uhr zu ticken. Das lässt sich über die bereits erwähnten Gedächtnisinhalte erklären, sagt Wittmann. "Im Laufe des Lebens werden Menschen routinierter. Die Einzigartigkeit des kind- und jugendlichen Erlebens geht verloren." Der erste Kuss, das erste Mal verliebt sein, das erste Bier ohne die Eltern: "Die Jugend hat Neuartigkeitscharakter, man erlebt intensiv und damit lang."

Das Glückshormon wird ausgeschüttet, wenn wir etwas erwarten.

Im Labor des Champalimaud Centre for the Unknown, einem hochmodernen Forschungszentrum im Herzen Lissabons, tanzten Wissenschafter Mäusen vor ein paar Jahren mit Futter buchstäblich auf der Nase herum. Ihr Ziel: Herauszufinden, welche Rolle Dopamin dabei spielt, wie die Nager Zeit empfinden.

Das Team um Neurowissenschafterin Sofia Soares brachte den Tieren zuerst bei, abzuschätzen, ob die Spanne zwischen zwei Tönen länger oder kürzer als 1,5 Sekunden. Ihre Antwort bekundeten die Mäuse, indem sie ihre rüsselartige Nase auf einen langen oder kurzen Schlitz legten. Bei korrekter Einschätzung wurden sie mit Fressalien belohnt. Während dieses Lernprozesses beobachteten die Forscher, was in den Tierhirnen passierte.

Dopamin aktiviertTatsächlich wurden die Dopamin-Neuronen aktiv, wenn die Mäuse die Zeitintervalle abschätzten. Und sie schienen für die Zeitmessungsaufgabe relevant zu sein. Je mehr sich das Aktivitätsmuster beim Hören der Töne erhöhte, desto mehr neigten die Tiere dazu, die abgelaufene Zeit zu unterschätzen. Je geringer der Anstieg, desto mehr überschätzten sie sie. Offenbar verringert eine verstärkte Bildung des Glückshormons die subjektiv empfundene Zeit. "Dopamin ist auch beim Menschen stark an das motorische System, aber auch an das Erwartungs- und Belohnungssystem im Hirn gekoppelt", ordnet Hirnforscher Marc Wittmann ein. "Wenn wir also etwas erwarten, ist Dopamin stark involviert – und in jeder Erwartung ist auch eine Zeitabschätzung enthalten."

In einem Folgeexperiment testete Soares, ob der Effekt durch Manipulation reproduzierbar ist. Mittels Licht regte man die Dopamin-Bildung an. Das reichte aus, um die Mäuse zu verwirren: Bei Dopaminschwemme unterschätzten die Tiere vermehrt die Zeitspanne. Ihre innere Uhr tickte langsamer.

Corona-Flashbacks

In einem BBC-Artikel spinnt die britische Psychologin Claudia Hammond noch einen anderen Gedanken. Die Corona-Krise könnte – ähnlich wie der 11. September oder der Fall der Berliner Mauer – den Menschen als Blitzlichterinnerung im Gedächtnis bleiben. Als solche werden Reminiszenzen dann tituliert, wenn detailgenaue, lebhafte Kurz-Erinnerungen an markante Weltereignisse bestehen. Wittmann schlägt eine adaptierte Variante vor: "Vielleicht wird man sich in ein paar Jahren noch an den Moment erinnern, als man sich am Tag vor der langen Homeoffice-Phase von den Kollegen verabschiedet hat."

Die folgenden Wochen werden verschwimmen, die Umstände haften bleiben. "Allerdings nicht als szenische Flashbacks, sondern als zeitübergreifendes, historisches Narrativ."

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