Bernhard Benka ist der neue Leiter des Geschäftsfeldes "Öffentliche Gesundheit" der AGES.

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Wissen Gesundheit
09/02/2021

AGES-Mediziner: "Die Impfrate wird über den Lockdown entscheiden"

Die Durchimpfungsrate wird über den Verlauf der vierten Welle entscheiden, sagt der neue leitende AGES-Mediziner Bernhard Benka.

von Ernst Mauritz

Eine „beunruhigende Entwicklung“ nennt der Intensivmediziner Walter Hasibeder den starken Anstieg der Infektionszahlen – sie sind heuer zum Schulstart bereits neunmal so hoch wie im Vorjahr. Hasibeder fordert alle Ungeimpften auf, das breite Impfangebot in Anspruch zu nehmen. Auch der neue Leiter des Geschäftsfeldes „Öffentliche Gesundheit“ der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), Infektionsspezialist Bernhard Benka, 45, sieht die Entwicklung bei den Impfzahlen als einen entscheidenden Faktor, wie sich die vierte Welle entwickeln wird. Benka hat seit 2015 die Abteilung „Übertragbare Krankheiten, Seuchenbekämpfung, Krisenmanagement“ im Gesundheitsministerium geleitet. Davor hat er u. a. in Mexiko, Paraguay und Indien für „Ärzte ohne Grenzen“ gearbeitet. In der AGES folgt er dem Hygiene- und Mikrobiologie-Doyen Franz Allerberger nach, der die reguläre Alterspension angetreten hat.

KURIER: Herr Dr. Bernhard Benka, ständig neue Höchstzahlen: Wie kritisch ist das?

Bernhard Benka: Was mir Sorgen macht, ist, dass der Rückreiseverkehr noch nicht abgeschlossen ist und der Schulbeginn noch bevorsteht. Zu glauben, dass die Fälle in den kommenden Wochen nicht noch weiter steigen werden, wäre verwegen. Die ersten Schulwochen werden zeigen, in welcher Intensität sich die vierte Welle weiter entwickelt, ob es mit einer Intensivierung der Impfkampagne und dem Testkonzept an Schulen gelingt, Spitzenwerte abzufangen und den Aufwärtstrend zu bremsen.

Was ist der Grund dafür, dass die Zahlen schon Anfang September so hoch sind?

Der Anstieg hat schon im Sommer begonnen und nicht erst, wie im Vorjahr, im Herbst. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass die infektiösere Delta-Variante relativ rasch zur dominanten Variante in Österreich geworden ist.

Die Fallzahlen sind bei Ungeimpften deutlich höher als bei den Geimpften. Was bedeutet das für die unter 12-Jährigen, die noch nicht geimpft werden können?

Bevor das Thema Long Covid aufgekommen ist, waren wir der Meinung, sobald die älteren und vorerkrankten Menschen geimpft sind, haben wir das wesentliche Ziel erreicht, weil für alle anderen das Risiko deutlich geringer ist. Mittlerweile wissen wir mehr über gesundheitliche Langzeitfolgen und dass sie, seltener aber doch, auch Kinder betreffen können. Deshalb verwehre ich mich dagegen, einen großen Teil der Bevölkerung, der nicht geimpft werden kann, einfach der Infektion auszusetzen. Wir müssen mit den Test- und Hygienemaßnahmen in den Schulen und mehr Impfungen bei den über 12-Jährigen möglichst viele Infektionen unterbinden. Und ich hoffe, dass es im Laufe der kommenden Monate doch auch eine Kinderimpfung geben wird.

Sollte es eine Impfpflicht für Pädagogen geben?

Das ist ein Thema für die Politik. Fachlich sage ich: Wenn mir Menschen anvertraut werden, für die es keine Impfung gibt und die es sich nicht aussuchen können, ob sie mit mir zu tun haben oder nicht, sollte ich diese Personen nicht der Gefahr aussetzen, dass ich sie mit einer Infektionskrankheit anstecke.

Kürzlich sorgte die Analyse eines Clusters an einer US-Schule für Aufsehen: Eine Lehrkraft – nicht geimpft, keine Maske und zwei Tage Unterricht mit Symptomen – hat insgesamt 26 Infektionen ausgelöst, zwölf davon in der eigenen Klasse, darunter fast alle in den ersten zwei Sitzreihen. Ist das ein Alarmzeichen für Sie?

Einerseits ja, andererseits ist das natürlich die logische Folge eines derartigen Risikoverhaltens: Wer nicht geimpft ist, keine Maske trägt, noch dazu in diesem Fall zu einer Klasse spricht und dies zwei Tage lang trotz Symptomen tut, der wird ungeschützte Menschen anstecken.

Wird ein Lockdown kommen?

Persönlich bin ich noch zuversichtlich, dass wir ohne radikale Maßnahmen wie großflächige Lockdowns auskommen und mit regionalen Beschränkungen das Auslangen finden werden – damit gibt es bereits gute Erfahrungen. Aber die vergangenen fast zwei Jahre haben auch gezeigt, dass es nicht möglich ist, im Voraus mit Sicherheit zu sagen, ob etwas Bestimmtes sich ereignen wird oder nicht. Sollte daher nochmals eine Überlastung des Gesundheitssystems bevorstehen, wird man auch über eine solche letzte Notmaßnahme nachdenken müssen. Grundsätzlich ist es aber so, dass die Durchimpfungsrate ganz wesentlich darüber entscheiden wird, ob ein Lockdown notwendig wird – oder nicht.

Was unterscheidet uns von Ländern, in denen die Fallzahlen bereits zurückgehen?

Es wirken sicher immer mehrere Gründe zusammen. In Portugal oder Dänemark ist es sicher die wesentlich höhere Durchimpfungsrate von rund 70 % der Bevölkerung. Dann kommt es auch darauf an, wie groß der Bevölkerungsanteil der bekannten Genesenen und die Dunkelziffer jener ist, die die Erkrankung unerkannt durchgemacht haben. Und es spielt auch eine Rolle, wie sich eine Gesellschaft als Ganzes gegenüber der Pandemie verhält, ob sie willens ist, durch die Politik gesetzte Maßnahmen einzuhalten – etwa die 3-G-Regel.

Wie sehen Sie 1-G (mehr Rechte für Geimpfte) bzw. 2-G (Geimpfte und Genesene)?

Ich will der Politik nicht vorgreifen, aber persönlich ist für mich die Abkehr von 3-G zumindest in bestimmten Bereichen nachvollziehbar. Tests sind immer nur eine Aussage über den Testzeitpunkt, da bleibt eine Zeitspanne, die man nicht überwachen kann. Wer dann trotz negativen Tests infektiös wird, hat ein größeres Risiko, schwer zu erkranken und diese Infektion an einen viel größeren Personenkreis weiterzugeben. Ob man nur Geimpften Zutritt erlaubt, oder die Genesenen dazu nimmt – vielleicht auch nur getestete Genesene – lässt sich wissenschaftlich noch nicht endgültig beantworten. Zumindest für einen beschränkten Zeitraum nach einer Infektion halte ich es aber für gerechtfertigt, bei Eintritten Genesene mit Geimpften gleichzustellen – darüber hinaus fehlen uns noch Daten. Besser ist natürlich Genesen plus eine Impfung.

Es gibt derzeit keine österreichweite Übersicht zum Impfstatus der Covid-Patienten in Spitälern. Warum?

Wir veröffentlichen seit Kurzem die 7-Tages-Inzidenz nach Impfstatus und Altersgruppe. Das ist ein Meilenstein, der durch Verknüpfung des Epidemiologischen Meldesystems EMS mit der Impfdatenbank möglich wurde. Eine weitere Verknüpfung mit Spitalsdaten wäre der nächste Schritt, aber dazu fehlen noch gesetzliche Grundlagen. Grundsätzlich finde ich, dass skandinavische Länder gute Beispiele sind, von denen man sich in Sachen Datentransparenz einiges abschauen kann.

Die AGES hat seit kurzem ein neues Institut für Infektionsepidemiologie mit ca. 40 zusätzlichen Mitarbeitern, das u.a. den Verlauf der Pandemie überwachen, aber auch abklären soll, was in Zukunft an bedrohlichen Erregern auf Österreich zukommen könnte. Welche Gefahren sehen Sie den da?

Die Kapazitäten wurden aufgestockt, um z. B. die Clusterabklärung - die Nachverfolgung von Infektionsketten - gemeinsam mit den Bundesländern intensivieren zu können. Was etwas in den Hintergrund getreten ist, dass wir aber rund 50 meldepflichtige Krankheiten in Österreich haben, etwa Hepatitis C, Masern oder Tuberkulose. Einiges, was wir jetzt für Covid-19 ausgearbeitet haben, werden wir nach der Pandemie auch für andere Krankheiten versuchen einzusetzen. Etwa die Untersuchung der Durchimpfungsraten und deren Folgewirkungen auf die Bevölkerung, die sogenannte Vakzinepidemiologie. Wir wissen, dass wir zum Beispiel auch bei Masern eine notwendige Durchimpfungsrate von 95 Prozent nicht erreichen. Die kürzlich erfolgte Verschränkung von Infektions- und Impfdatenbank eröffnet uns hier natürlich neue Möglichkeiten. Und es kommt mit dem Klimawandel ein weiteres großes Aufgabengebiet hinzu.

Die Gefahr neuer Infektionskrankheiten?

Ja. Wir sehen seit einigen Jahren zum Beispiel Fälle von West-Nil-Virus-Infektionen, die durch die bei uns heimische Hausgelse übertragen werden. Gleichzeitig hat sich der Lebensraum der asiatischen Tigermücke bis nach Norditalien und Teile der Schweiz und Deutschlands ausgebreitet, sie kann das Dengue- und das Chikungunya-Virus übertragen. Bisher hatten wir in Österreich nur Einzelfunde bei Raststätten, heuer im Sommer haben wir Wien und Graz auch schon größere Funde von adulten, also erwachsenen, Tigermücken gemacht. Diese können normalerweise einen Winter in Österreich nicht überleben, die Eier aber möglicherweise einen milden Winter schon. Wir wissen nicht genau, ob die gefundenen Exemplare tatsächlich schon in Österreich erfolgreich überwintert haben oder heuer eingeschleppt wurden. Auch hier ist ein intensiveres Monitoring also notwendig.
Italien hatte 2017 einen großen Chikungunya-Ausbruch mit mehr als 400 Fällen, auch in Frankreich gab es heuer schon einige Dengue-Fälle bei Personen, die nachweislich in keinem Land mit Dengue waren.

Was den Klimawandel betrifft betreiben wir außerdem auch ein Monitoring von hitzebedinger Übersterblichkeit - wie viele Menschen also zusätzlich durch extreme Hitzewellen versterben. Das alles liefert auch Grundlagen für politische Maßnahmen zur Reduktion der jeweiligen Risiken.

Sie haben viel Erfahrung  in tropischen Ländern durch Ihre Arbeit für „Ärzte ohne Grenzen“. Die Weltgesundheitsorgansation ruft die Industriestaaten dazu auf, Impfstoffe gerecht zu verteilen – wichtiger als Drittstiche für alle in Industrieländern sei es, weltweit die Zahl der Menschen mit zwei Impfungen zu erhöhen. Wie sehen Sie das?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich weiß, wie schwer es in vielen sogenannten Entwicklungsländern ist, an sichere Medikamente und Impfstoffe zu gelangen. Deshalb verstehe ich den Aufruf der WHO, die sich um die Weltgesundheit sorgt und darauf drängt, dass möglichst viele Menschen zumindest eine oder zwei Impfungen gegen Covid-19 erhalten. Denn vermutlich wird die Pandemie erst vorbei sein, wenn sie weltweit vorbei ist. Gleichzeitig hat aber die Politik natürlich die Verantwortung, einen vorherzusehenden Schaden von seinen Bürgern abzuwenden. Daher kann ich auch nachvollziehen, wenn in Europa alles dafür getan wird, möglichst vielen Menschen nach gewissen Prioritäten eine Auffrischungsimpfung zu ermöglichen.

Haben Sie den Eindruck, dass in wohlhabenden Ländern wie Österreich der Wert von hochwertigen Impfstoffen oft nicht ausreichend geschätzt wird?

Dem würde ich grundsätzlich zustimmen. Der Wert eines einfachen Zugangs zu einem  sicheren, gut geprüften und wirksamen Impfstoff kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wobei Impfungen teilweise sicherlich auch ein Opfer ihres eigenen Erfolges geworden sind. Der Anblick einer durchgemachten Kinderlähmung ist - durch die Impfung -  aus unserem Alltag verschwunden, und damit vielleicht auch oft aus dem Bewusstsein.

 

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