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Wirtschaft
02/24/2020

Coronavirus: Vom Leben in der Geisterstadt

Shanghai, die größte Stadt Chinas, ist wie ausgestorben. Die Bewohner gehen nur selten außer Haus - und wenn doch, werden sie ständig kontrolliert. Der KURIER hat mit ihnen gesprochen.

von Johannes Arends, Barbara Mader

Nun ist es also soweit: Das Coronavirus ist in Europa angekommen. Nach ersten Erkrankungen in Norditalien ist inzwischen bestätigt, dass auch zwei italienische Staatsbürger in Innsbruck mit dem Virus infiziert sind. Seitdem häufen sich die Meldungen über Verdachtsfälle in ganz Österreich.

Doch wie geht es weiter, welche Maßnahmen könnten folgen? Ganz so schlimm wie in China, dem Ursprungsland des Coronavirus, dürfte es bei uns nicht werden. Denn auch wenn sich immer noch mehr als 80 Prozent aller Infektionen in der Volksrepublik auf die Hubei-Region um die geplagte Stadt Wuhan beschränken, gelten im Rest des Landes strengste Sicherheitsmaßnahmen, Millionenstädte stehen unter Quarantäne.

So auch die hochmoderne Wirtschaftsmetropole Shanghai, die größte Stadt Chinas. Hier leben etwa dreimal so viele Menschen wie in ganz Österreich, viele von ihnen müssen ihren Alltag zu Hause verbringen. Der KURIER hat mit mehreren Einwohnern Shanghais gesprochen, sie berichten von einer futuristischen Stadt, die im Schatten des Virus wie ausgestorben scheint.

Man hört die Vögel aus den Parks zwitschern. In der drittgrößten Stadt der Welt sind dieser Tage kein Verkehrslärm und kein Stimmengewirr zu vernehmen. Die mehrspurigen Autostraßen im Zentrum Shanghais sind selbst zur Rush-Hour so gut wie ausgestorben. Die 24-Millionen-Stadt ist im Ausnahmezustand.

„Straßen, U-Bahnen, Busse, Gehsteige sind leer, auch in den Einkaufszentren ist kein Mensch und die meisten Restaurants sind geschlossen. Sollte es passieren, dass dir jemand auf dem Gehsteig entgegen kommt, macht er definitiv einen großen Bogen um dich, um ja nicht angesteckt zu werden“, erzählt der in Shanghai lebende Österreicher Michael Kaltenberger im KURIER-Gespräch.

Die Megapolis Shanghai ist zur Geisterstadt geworden. „Ich habe diese Stadt noch nie so erlebt“, berichtet Studentin Chen Lu Cheung (Name von der Redaktion geändert). Die 21-Jährige ist eine von 31.900 Studenten und Studentinnen der Fudan-Universität, die dieser Tage nur mit eingeschränktem Betrieb funktioniert. Der Ausbruch des Coronavirus hat den privaten und beruflichen Alltag der Menschen wie kaum ein Großereignis zuvor verändert.

Freiwillige kontrollieren ihre Mitbürger

Shanghai, das wichtigste Geschäftszentrum Chinas: Dieser Tage wirkt es unbewohnt. Flaniermeilen und Einkaufsstraßen, die sonst vor Menschen wuseln, sind wie leergefegt. Kaum jemand ist unterwegs und wenn doch, wird jeder Schritt kontrolliert.

Wer sich an öffentlichen Orten aufhält, muss Beamten seine Personaldaten mitteilen und seine Körpertemperatur messen lassen. Zusätzlich zu den Masken tragen viele Schutzbrillen und Regenkleidung. Überwachungskameras beobachten die Ein- und Ausgänge der Compounds, jener eingezäunten Wohnblocks, die die Stadt prägen. Auch hier kontrollieren Freiwillige Ausweise und messen Fieber. Wer mehr als 37,3 Grad Körpertemperatur hat, muss zum Test in ein Fieber-Hospital.

Der Kommunismus Chinas ist dieser Tage in dieser so kapitalistisch geprägten Stadt spürbar wie selten.

Shanghai im Jahr der Ratte: Schutzmasken, Fieberkontrollen, Quarantäne. Das vergangene Neujahrsfest wird den Bewohnern der Mega-City noch lange in Erinnerung bleiben. Mit dem Neuen Jahr hat man das Jahr der Ratte eingeläutet – und sich gegen das Coronavirus gewappnet. Geistesgegenwärtig, einfallsreich und in der Lage, sich leicht an die jeweilige Umweltsituation anzupassen sollen im Tierkreiszeichen der Ratte Geborene sein. Eigenschaften, die man in einer Stadt im Ausnahmezustand gut brauchen kann.

Von Anpassungsfähigkeit weiß auch Chen Lu Cheung zu berichten. Knappe vier Wochen nach dem Ausbruch des Virus haben sich die Menschen an den Ausnahmezustand gewöhnt, erzählt sie. Der Alltag spielt sich in der Wohnung ab. Die tägliche Routine wird online abgewickelt. Einkäufe ebenso wie medizinischer Rat. Banken werben per Video für staatliche Gesundheitsmaßnahmen. Auch der Unterricht an Schulen und Universitäten findet online statt. Home-Schooling für die Kinder, Home-Office für die Eltern. Und man wartet rund um die Uhr auf Nachrichten. Mehr als 2600 Menschen sind nach offiziellen Angaben bereits am Coronavirus gestorben.

Wie wird es weitergehen? „Wir verlassen uns nicht auf die offiziellen News, denn wir glauben, dass eine gesunde Gesellschaft mehr als eine Nachrichtenquelle braucht,“ sagt Chen Lu Cheung.

Wie das in der Volksrepublik funktioniert? Millionen Internetnutzer nutzen VPN-Tunnel, also Programme, die ihre Handysignale verschleiern, um so die Sperren der Zensur umgehen zu können. Denn nicht nur chinakritische Webseiten oder Nachrichtenportale sind hier gesperrt, sondern auch westliche soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, YouTube oder selbst die einfache Google-Suchmaschine. Die chinesischen Alternativen namens Weibo oder WeChat sind alle fest in der Hand der Zentralregierung.

Erstmals hört man leise regierungskritische Stimmen

„Es gibt kein Vertrauen in die offiziellen Nachrichten. Wir verstehen auch nicht, warum die Sicherheitsvorkehrungen hier so hart sind. Schließlich hat es die die meisten Todesfälle in der Hubei-Region gegeben, das ist fast tausend Kilometer entfernt. Hier in Shanghai sind zwei Menschen gestorben, da ist die Grippe in Österreich wesentlich gefährlicher“, sagt Kaltenberger. „Wieso muss deswegen die ganze Stadt stillgelegt werden? Die Gerüchteküche brodelt. Meine chinesischen Kollegen haben alle Angst, dass man ihnen nicht die Wahrheit erzählt.“

Das bestätigt auch Ping Yihou, ein ehemaliger Manager: „Alle sind wütend, dass die Untätigkeit der lokalen Regierung in Hubei die Krankheit verzögert und so schwere Verluste verursacht hat. Shanghai ist zwar kein Epidemie-Gebiet, allerdings lebt man so als ob.“

Was aber ist der Grund für das Vorgehen der Regierung im vom Virus noch kaum betroffenen ShanghaiLokalpolitiker der großen chinesischen Regionen und Städte dürften inzwischen versuchen, mit strengen Maßnahmen zu überkompensieren, was ihnen von der Zentralregierung in Peking vorgeworfen wird, verpasst zu haben: Das Virus einzudämmen und die Infektionsrate niedrig zu halten.

Hier liegt das größte Problem in Chinas System totaler Kontrolle: Kein Teil des kommunistischen Apparates rührt sich, bis er den Ruf der Parteispitze vernimmt – und ergreift dann im Fall einer Krise oft übertriebene Maßnahmen, um den großen Führer Xi Jinping zufrieden zu stellen. Das war nach dem Virusausbruch in Wuhan besonders offensichtlich, als die dortige Regionalregierung innerhalb weniger Tage von einer Verschleierungstaktik auf totale Quarantäne umschwenkte, sobald Xi Jinping erstmals öffentlich von einer Krise sprach.

Chinas Staatschef Xi Jinping lässt seine Temperatur prüfen

Allzu kritisch sollte man in China gegenüber der Regierung trotzdem nicht werden. Selbst ein scheinbar harmloses Video eines Hundes, der mit Mundschutzmaske ausgestattet Fieberkontrollen durchlaufen muss, wurde von der staatlichen Zensur auf sämtlichen sozialen Medien entfernt, ebenso wie der dazugehörige Account des Urhebers. Er dürfte nun Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen. Der Grund: Das Video sei "dem Staatsimage schädigend".

Die Krise kostet Arbeitsplätze

Mehr als 6000 internationale Firmenniederlassungen gibt es hier. Die Industriestadt Shanghai ist eine Marke, die, so sagen stolze Bewohner, für Anpassungsfähigkeit und Optimismus steht. Doch die Sorgen um die einbrechende Wirtschaft werden größer. Börsenanleger reagieren sensibel, sobald die Zahl der Neuerkrankungen steigt. 

Wie lange wird es dauern, bis Shanghai wieder auf die Beine kommt? Die Krise hat bereits jetzt Arbeitsplätze gekostet. Die strengen Reise- und Bewegungseinschränkungen haben auch die Nachfrage und das Angebot an Waren und Dienstleistungen eingeschränkt. Viele kleine Firmen sehen sich aufgrund ausbleibender Aufträge mit einer Liquiditätskrise konfrontiert. Mitarbeiter werden gekündigt, die Gehälter gekürzt. Eine neue Herausforderung für die durch den Handelskonflikt mit den USA geschwächte Volksrepublik China, warnen Ökonomen.

Die Rückkehr an den Arbeitsplatz, sofern sie stattfindet, bedeutet für die meisten Schichtarbeit und eingeschränkten Arbeitsalltag. „In der Nähe meiner Firma gibt es ein bekanntes Restaurant. Vor dem Ausbruch der Epidemie bin ich immer dorthin gegangen zu Mittag. Jetzt ist es geschlossen. Dim Sum und gekochtes Essen werden durch die Fensteröffnung gereicht“, berichtet der Angestellte Gao Zhang.

Manager Ping Yihou wagt eine skeptische Prognose: „Einige Leute sagen, wenn wir das Virus überstanden haben, wird es mehr psychische Erkrankungen geben – wie soll’s uns denn schon gehen, nach einem Monat Quarantäne?“