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Wirtschaft
03/26/2020

Coronavirus-Krise: Würgen wir den Wirtschaftsmotor ab?

Ökonomen fürchten, dass die Wirtschaft völlig zum Erliegen kommt. Ein Infektionsspezialist warnt aber vor zu schnellen Schritten.

von Simone Hoepke, Ernst Mauritz

Die Bevölkerung muss vor dem Virus geschützt werden, die Wirtschaft wird auf Minimalbetrieb runtergefahren, lautet das Credo vieler Politiker. Doch die geschlossenen Grenzen, Geschäfte und Gastro-Lokale treiben Ökonomen und Unternehmern zunehmend den Angstschweiß auf die Stirn. Das Schreckgespenst der Rezession jagt durch die Führungsetagen. Jüngster Beleg dafür ist der Geschäftsklimaindex des deutschen Ifo-Instituts für den Monat März. Dieser ist von 96,0 auf 86,1 Punkte gefallen. „Es ist der stärkste jemals gemessene Rückgang im wiedervereinigten Deutschland und der niedrigste Wert seit Juli 2009“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Die deutsche Wirtschaft steht unter Schock.“

In ihrer Schockstarre sind die Deutschen nicht allein. Die OECD sieht die globale Wirtschaft vor einer tiefen Rezession. „Es ist zunehmend wahrscheinlich, dass das Bruttoinlandsprodukt weltweit und in den verschiedenen Weltregionen in diesem und auch in den nächsten Quartalen 2020 schrumpfen wird“, schätzt OECD-Generalsekretär Angel Gurria.

Alexander Dibelius, Deutschland-Chef des britischen Private-Equity-Hauses CVC, poltert im Handelsblatt-Interview: „Der nahezu diskussionslose und mit dem zusätzlichen moralischen Zeigefinger implementierte kollektive Shutdown der Wirtschaft und des Sozialwesens macht mir jedenfalls mehr Angst als diese Virusinfektion.“

Noch schlimmer als 2008

Von der Krise betroffen sind diesmal vor allem die Dienstleister. Aber auch für die Industrie könnte es noch schlimmer kommen, sagt LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert: „Wir bewegen uns in Dimensionen wie in der Finanzkrise, eher noch etwas schlechter. Der März ist eine Katastrophe, der April ist bisher vor allem eine Drohung, frühestens der Mai könnte wieder ein Versprechen werden.“ Das hängt aber davon ab, ab wann im Alltag und damit auch in der Wirtschaft wieder auf Normalbetrieb umgeschaltet wird.

Was der Infektiologe sagt

Wann es so weit sein wird, ist offen. Infektionsspezialist Herwig Kollaritsch hält ein baldiges Aufheben aller Maßnahmen, um rasch eine „kontrollierte Herdenimmunität“ zu erreichen, für nicht möglich. Den Begriff  „kontrollierte Herdenimmunität“ sieht Kollaritsch generell kritisch:  Dass also  Maßnahmen gezielt so gesteuert werden, dass relativ rasch rund 60 Prozent der Bevölkerung immun werden: „Das zu kontrollieren ist technisch fast unmöglich.“

Auf keinen Fall funktioniere es, ältere und chronisch kranke Menschen abzuschotten und ansonst ein Leben ohne Beschränkungen zu ermöglichen: „In dem Moment, wo man diese Abschottung beendet, breitet sich das Virus massiv unter diesen Gruppen aus und wir haben wieder epidemische Ausbrüche. Sie geben dann ja ein riesiges Reservoir von Nichtimmunen zu den Immunen dazu.“

"Mittelweg finden"

Denkbar sei, schrittweise einen Mittelweg zu finden zwischen dem, was für die Ausbreitung des Virus nicht so bedeutend ist, und gleichzeitig psychologisch wichtig ist: „Ich könnte mir vorstellen, dass man als Erstes Sportstätten im Freien zur eigenen Sportausübung öffnet – etwa Tennis- und Fußballplätze, aber ohne Zuseher, oder Outdoor-Kletterparks. Oder dass man Mountainbiken erlaubt und Parks öffnet – bei verpflichtendem Sicherheitsabstand.“ Fitnesscenter müssten aber noch geschlossen bleiben.

Überlegenswert wäre auch, nur Kindergärten und Volksschulen zu öffnen: „Kinder erwerben ihre Immunität um den geringsten Preis und wir erreichen so eine Teilimmunisierung.“ Versammlungsverbote werde es aber länger geben: „Dass nach Ostern alle Lokale, alle Schulen und Unis aufsperren, kann ich mir nicht vorstellen. Oder dass es Massenveranstaltungen wie das Donauinselfest oder Festivals gibt. Das sind epidemiologische Bomben. Wir werden das tägliche Leben erleichtern können. Aber es wird ein längerer Prozess sein.“