Hans Knauß über die ÖSV-Abfahrer: "Hallo, was ist da los?"

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Wieso ist Österreich keine Abfahrtsnation mehr? Hans Knauß geht den Ursachen auf die Spur: "Das haben wir über Jahre verschlafen"

Hans Knauß zählt zum erlesenen Kreis der Abfahrer, die auf der Streif gewonnen haben (1999). Seit Jahren analysiert der Steirer für den ORF die Speedrennen.

KURIER: Wie steht’s um die Abfahrtsnation Österreich?
Hans Knauß: Man hat sich leider schon ein bisschen daran gewöhnt, dass wir Österreicher in der Abfahrt nicht mehr die Favoriten sind. Wir haben irgendwie das Selbstbewusstsein verloren, dass wir den Ton angeben. Plötzlich schaut man vor allem darauf, was die anderen Nationen machen. Dabei waren es oft und lange  wir Österreicher, die gezeigt haben, wie es geht. Manchmal denke ich mir da schon: ,Hallo, was ist da los?’

Was ist denn wirklich los?
Vincent Kriechmayr ist seit Jahren die einzige echte Stütze im Abfahrtsteam. Wobei mir in Wengen  auch Daniel Hemetsberger mit seiner Körpersprache und  seiner Angriffslust gefallen hat. Leider geht uns Stefan Eichberger total ab.

Hans Knauß wundert sich über manche Entwicklungen und Entscheidungen beim ÖSV

Hans Knauß wundert sich über manche Entwicklungen und Entscheidungen beim ÖSV

Stefan Eichberger fällt mit einer Knieverletzung den ganzen Winter aus. Ist es nicht ein Armutszeugnis, wenn das Wohl des österreichischen Abfahrtsteams von einem Läufer abhängt, der erst seit zwei Jahren im Weltcup fährt?
Natürlich ist das in gewisser Weise erschreckend. Aber Stefan Eichberger fehlt wirklich, weil er eine neue Generation Abfahrer verkörpert.  Ich glaube, er hätte das Zeug,  die anderen im Team mitzureißen und anzutreiben. Der ist ein wilder Hund, der eine Abfahrt gewinnen kann.

Ein Sieg in der Abfahrt - dazu ist objektiv betrachtet aktuell wohl nur Vincent Kriechmayr in der Lage.
Ja, und das sollte eigentlich nicht sein, dass wir nur einen haben, der wirklich um das Podium fährt.

Sehen Sie sonst niemanden?
Daniel Hemetsberger und Andreas Ploier können es vielleicht schaffen, wenn sie über sich hinauswachsen. Meine große Hoffnung ist ein anderer.

Wer denn?
Ich setze in Zukunft schon sehr auf Raphael Haaser. Der bringt alles mit, was ein Abfahrer braucht:  Mut,  Technik –  da erwarte ich mir schon, dass irgendwann  der Knoten platzt und er eine Leistungsexplosion hat wie beim WM-Riesentorlauf. Raphael Haaser könnte für den ÖSV ein Rettungsanker werden.

Und was ist mit Marco Schwarz? Ist er in Ihren Augen ein Abfahrer?
Ich habe ihm schon vor fünf Jahren gesagt: ,Blacky, wir brauchen dich in der Abfahrt.’ Mit ihm muss man sehr behutsam umgehen, weil  er ein Vier-Disziplinen-Fahrer ist. Langfristig sehe ich ihn aber in der Abfahrt. Für mich ist er in den Speeddisziplinen ein absoluter Siegläufer.

Die Gegenwart sieht aber trist aus: Im Abfahrtsweltcup finden sich nur 2 Österreicher in den Top 25. Was läuft da schief?
Mich stört seit Jahren die Herangehensweise, wie man junge Abfahrer an die Spitze bringen will.  Ich kann nicht nachvollziehen, warum unsere Jungen nicht mit den Arrivierten zusammen trainieren. Die müssen sich gegenseitig antreiben. Der Junge muss vom erfahrenen Abfahrer lernen. Als große Skination hätten wir eigentlich den Vorteil, dass wir viele Leute haben, die sich gegenseitig nach oben treiben können –  aber diesen Trumpf haben wir  in den letzten zehn Jahren  verspielt. Ich erzähle jetzt nur einmal  ein Beispiel.

Bitte.
Wenn ich ein junger Abfahrer bin und merke, dass mir Vincent Kriechmayr im ersten Training zwei Sekunden aufbrennt – was mache ich dann?  Dann werde ich alles unternehmen, dass ich bis zur letzten Trainingseinheit bis auf eine halbe Sekunde an ihm dran bin. Und das macht dann alle schneller.

In Österreich regiert aber seit Jahren das Mittelmaß.
Wir haben zu viele Mitfahrer, die seit fünf Jahren um Platz 17 kämpfen. Bei denen geht nichts weiter. Wenn so einer aber  spürt,  jetzt kommt so ein junges Bürschl daher und will seinen  Startplatz haben, dann bewegt der seinen Hintern. Aber das haben wir über Jahre verschlafen. Einige Läufer, die jetzt dabei sind, hätte es zu meiner Zeit im Weltcup schon lange nicht mehr gegeben. Dieses ewige  Hoffen, dass sie den Durchbruch schaffen, das bringt nichts.

Hat man sich beim ÖSV womöglich auch in  falscher Sicherheit gewogen: Matthias Mayer und Vincent Kriechmayr haben in den letzten zehn Jahren in der Abfahrt groß abgeräumt.
Hinter den beiden haben sich viele versteckt. Aber auch hinter den Erfolgen von Marcel Hirscher. Dabei war da bereits Feuer am Dach.  Ich stelle aber fest, dass gerade ein Umbruch im Gange ist. Christian Scherer hat vieles umgestellt und mit Christian  Mitter ist ein frischer Wind gekommen. Die haben sich neu formiert, aber  bis wir die Früchte ernten können, wird es leider noch einige Zeit dauern. Die haben die Monsteraufgabe, das System neu zu adaptieren, wie  man junge Leute nach oben bringt. Das hätte man schon vor zehn Jahren in Angriff nehmen müssen.

Im Super-G feierten die Österreicher heuer zwei Siege und hatten vier verschiedene Läufer auf dem Podest. Wie ist diese Diskrepanz zur Abfahrt zu erklären?
Im Super-G geht es häufig Schwung auf Schwung, das liegt unseren  Läufern. Eine Abfahrt hat im Schnitt noch einmal 20 km/h mehr, es gibt mehr Gleitpassagen, das ist nicht so leicht umzusetzen.

Speedläufer aus anderen Nationen schaffen das.
Das stimmt definitiv. Ein Problem ist, dass  unsere Läufer  viel zu wenige Abfahrtskilometer in den Beinen haben. Das betrifft vor allem die jungen Abfahrer. Auch das ist ein Versäumnis.

Woran scheitert’s?
Im Vergleich zu früher organisieren wir in Österreich deutlich weniger Europacup- und FIS-Abfahrten. Die Rennen fehlen unseren jungen Abfahrern, wenn sie dann in den Weltcup kommen.  Deshalb brauchen sie auch  so viel Zeit, um sich zu etablieren. Auch permanente Trainingsstrecken für die Abfahrer würden weiterhelfen.   Da haben andere Nationen sicher inzwischen einen Vorteil.

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