Mythos Hahnenkammrennen: "Mit Tausenden anderen eine Gänsehaut"

SKI ALPIN MÄNNER-WELTCUP IN KITZBÜHEL: ABFAHRT / ZUSCHAUER ZIELGELÄNDE
Welche Visionen gibt’s für die Hahnenkammrennen? Wohin entwickelt sich der Sport? Und warum liegt die Zukunft im Livesport? Die Streif-Vermarkter im Gespräch.

Die Agentur WWP-Group vermarktet seit Jahrzehnten die Hahnenkamm-Rennen. Erst am Donnerstag wurde der Vertrag bis ins Jahr 2034 verlängert. 

Ein Interview über die Zukunft des Spektakels und Entwicklungen im Spitzensport mit den WWP-Masterminds Mirjam Hummel-Ortner (Verwaltungsrat) und Robert Schmidle (CEO).

KURIER: Ein Gedankenspiel: In einem chinesischen Skigebiet wird die Streif 1:1 nachgebaut. Würde so eine Abfahrt Aufmerksamkeit erregen? Und wäre dieses Rennen in 40 Jahren Kult?

Robert Schmidle: Ich glaube nicht, dass die Hahnenkamm-Rennen kopierbar sind. Man kann möglicherweise kurzfristig einen Hype auslösen, man kann die Veranstaltung vielleicht auch anders interpretieren und inszenieren. Aber am Ende des Tages leben Kitzbühel und all die anderen ikonischen Traditionsveranstaltungen vom Mythos, vom Kult, von der Kultur und von den vielen Menschen, die das auch leben. Das lässt sich nicht von A nach B transferieren.

Mirjam Hummel-Ortner und Robert Schmidle von der WWP-Group

Mirjam Hummel-Ortner und Robert Schmidle von der WWP-Group

Hummel-Ortner: Gewachsene und traditionelle Veranstaltungen wie zum Beispiel der Ryder Cup üben so eine enorme Anziehungskraft aus, weil das über die Jahrzehnte aufgebaut worden ist – das sind Alleinstellungsmerkmale, mit denen sie sich vom großen Rest abheben. Es geht um die Atmosphäre, die geschaffen wird. Wir werden oft gefragt: Was muss man tun, damit man eine Veranstaltung wie die Hahnenkamm-Rennen hinbekommt?

Was muss man denn tun? 

Hummel-Ortner: So ein Konzept lässt sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Und es benötigt Weitsicht, Ideen und auch den Mut, immer wieder ins Produkt zu investieren – und nicht darum, nach Gewinnmaximierung zu streben. Damit lässt sich vielleicht kurzfristig ein Erfolg erzielen und ein Hype erzeugen, aber es fehlt dadurch die Konstanz.

++THEMENBILD++ SKI-WELTCUP IN KITZBÜHEL

Hurra die Gams

Schmidle: Wir haben uns diesen Status erarbeitet, dass wir jetzt das Flaggschiff des Wintersports sind. Die Marke Hahnenkamm-Rennen ist heute so stark, dass sie vieles andere überstrahlt und die Schere zwischen den ganz großen Veranstaltungen und dem Rest immer größer wird. Wobei ich sowieso der Meinung bin, dass wir inzwischen sowieso schon ein Überangebot haben.

Welche Konsequenzen kann das haben?

Schmidle: Ich habe die Theorie, dass der Konsument das irgendwann einmal abstraft. Und sich sagt: ,Es reicht, mir ist das zu viel.’ Man weiß heute oft nicht mehr, wo was läuft, wann es läuft und worum es überhaupt geht. Die ikonischen Events werden sich behaupten. Man sieht das im Tennis, im Fußball, irgendwann wird man das vermutlich auch im Wintersport erleben. Der Trend wird dahin gehen: Weniger ist mehr.

Hummel-Ortner: Die Topmarken wollen bei den Topveranstaltungen dabei sein, wo es die meiste Aufmerksamkeit gibt. Diese Tendenz ist spürbar.

Wie wichtig ist es den Sport, live zu verfolgen. Oder geht der Trend zum TV-Konsum?

Schmidle: Wir sind stark davon überzeugt, dass das Livesporterlebnis immer Bestand hat und vielleicht sogar an Bedeutung gewinnen wird. Die Hahnenkamm-Rennen waren heuer so früh ausverkauft wie noch nie. Wimbledon verkauft Karten für die nächsten zehn Jahre. Da gibt’s auch genügend andere Beispiele.

Hummel-Ortner: Während der Corona-Pandemie war ja oft zu hören: Der Livesport ist tot, die Zukunft gehört dem TV-Konsum, die Menschen werden die großen Ansammlungen meiden. Diese These hat sich komplett überholt. Die Live-Atmosphäre macht den Unterschied. Man ist Teil einer Community, teilt das Erlebnis und Emotionen und hat mit Tausenden anderen Gänsehaut. Das kann man vor dem Fernseher nicht erleben. Diese gemeinsamen Momente sind ein menschliches Grundbedürfnis.

Welche Bedeutung hat Social Media für den Sport?

Schmidle: Für den Livesport ist es ein superwichtiger Verstärker und Multiplikator. Mit den neuen Medien erreichst du Menschen, die sonst wahrscheinlich nie mit dem Sport in Berührung gekommen wären. Und da kommen dann natürlich auch die Topstars und die Typen ins Spiel.

Wer interessiert heute?

Schmidle: Wenn wir jetzt vom Skisport reden fallen mir ein Pinheiro Braathen, Marco Odermatt oder Mikaela Shiffrin ein. Und natürlich Lindsey Vonn, für den Skisport ist es ein Segen, dass sie zurück ist – und auch erfolgreich.

Hummel-Ortner: Mit dieser Geschichte könnte man einen Hollywood-Film drehen.Dem Skisport hätte nichts Besseres passieren können. Und wenn Lindsey Vonn dann womöglich bei Olympia gemeinsam mit Mikaela Shiffrin in der Team-Kombi startet, wäre das sowieso eine Wahnsinnsgeschichte.

Themenwechsel: Kitzbühel ist auch der Treffpunkt der VIPS. Man sieht die Schwarzeneggers, Ecclestones & Co.. Aber was spielt sich im Hintergrund und abseits der Society-Kameras ab?

Hummel-Ortner: Nach außen sieht man die Prominenten, die jeder kennt. Aber Kitzbühel ist seit vielen Jahren ein Treffpunkt der Entscheider und Wirtschaftsgrößen, die lieber im Hintergrund bleiben. Rund um die Hahnenkamm-Rennen findet ja meist auch das Wirtschaftsforum in Davos statt. Viele der Protagonisten sieht man dann auch in Kitzbühel. Wir haben den großen Vorteil, dass der Sport eine Bühne bietet, die sehr locker, amikal und gesellschaftlich ist.

Schmidle: Zu uns kommt man im Skioutfit und nicht mit Anzug und Krawatte. Die Gesprächskultur ist dadurch eine andere, die Barriere ist eine niedrigere, für uns ist es oft spannend zu sehen, welche Leute da ins Gespräch kommen. Und einige Wochen später liest man dann davon im Managermagazin oder im Wirtschaftsteil.

Michael Huber, der Präsident des Kitzbüheler Ski Club (li.), Robert Schmidle, CEO der WWP-Group, und Christian Scherer, Generalsekretär von Ski Austria

Michael Huber, der Präsident des Kitzbüheler Ski Club (li.), Robert Schmidle, CEO der WWP-Group, und Christian Scherer, Generalsekretär von Ski Austria

Würde es Sie bei WWP denn reizen, ein anderes großes Skievent zu kreieren und zu entwickeln?

Schmidle: Für den Moment sind wir happy mit den Hahnenkamm-Rennen. Uns reizen dann eher Projekte außerhalb des Wintersports.

Hummel-Ortner: Wir wären immer in der Versuchung, alles mit den Hahnenkamm-Rennen zu vergleichen. Weil das die Benchmark ist. Wir würden uns schwer tun, im Skisport etwas Ähnliches zu entwickeln. Aber diese Frage stellt sich sowieso nicht, weil wir mit den Hahnenkamm-Rennen noch sehr viele Ideen verfolgen und viel vorhaben.

Abschließend: In 14 Jahren werden die Hahnenkammrennen 100. Was schwebt Ihnen vor?

Schmidle: Es ist in unserer DNA bei WWP, aber auch in der DNA des Kitzbüheler Skiclubs und der Partner verankert, dass wir die Besten sein wollen. Wir haben den Anspruch, die HahnenkammRennen immer wieder auf ein neues Level zu heben. Eines können wir versichern: Wir wollen auf jeden Fall kein Museum sein.

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