Cortina 1956: "Toni Sailer ist eine Metapher für den Wiederaufbau"
Toni Sailer auf seiner Fahrt zu Gold
Rudolf Müllner ist Historiker und Sportwissenschafter an der Uni Wien. Gerade jähren sich zwei historische Sportereignisse, die dieses Land bewegt haben. Die Olympischen Winterspiele 1956 in Cortina und die Winterspiele 1976 in Innsbruck.
KURIER: Welche Bedeutung hatten die Winterspiele 1956 in Cortina für Österreich?
Rudolf Müllner: Das Setting dieser Spiele war besonders: Erstmals hat die UdSSR teilgenommen, es ist der beginnende Kalte Krieg. Die Bundesrepublik Deutschland startet mit einem gemeinsamen Team, obwohl es schon unterschiedliche Olympische Komitees gab. Und da dazwischen ist das „kleine neutrale“ Österreich, das zehn Jahre in Besatzungszonen aufgeteilt war. Im Gegensatz zu Deutschland durfte Österreich 1948 schon bei Olympia dabei sein, was ein Riesenerfolg war im Prozess der Nationswerdung. Nach dem Motto: Wir sind im Kanon der Großen dabei. Und dass Österreich 1956 im Medaillenspiegel hinter der Sowjetunion Zweiter wurde, war eine große Sensation.
Sporthistoriker Rudolf Müllner macht eine Zeitreise in die Vergangenheit des österreichischen Skisports
Wer Cortina hört, denkt zwangsläufig an Toni Sailer.
Toni Sailer hat 1956 Cortina überstrahlt wie es Franz Klammer 1976 in Innsbruck gemacht hat. Karl Schnabl hat 1976 ebenfalls Gold gewonnen, aber fragen Sie heute einmal auf der Straße, wer Karl Schnabl ist! Das ist eine andere Dimension. Die Sailer-Story hat die Menschen bewegt, dass es damals in Cortina auch österreichische Medaillen im Eiskunstlauf gegeben hat, wissen nur die wenigsten.
Was hat Toni Sailer damals verkörpert?
All diese Helden sind ja in Wirklichkeit nichts anderes als Projektionsflächen. Das Narrativ Sailer ist aufgeladen mit einer ganzen Menge von Eigenschaften, die zur damaligen Zeit wichtig waren. Das ist typisch für so große Figuren im Sport, die ja ohne das Publikum und ohne die umgebende Gesellschaft nicht denkbar wären. Nur schnell Skifahren allein ist zu wenig.
Toni Sailer genoss zu seiner Zeit extreme Beliebtheitswerte
Von welchen Eigenschaften sprechen Sie?
Der Sailer ist eine Metapher des Wiederaufbaus, weil er auch aus einer kleinen Handwerkerfamilie kommt. Er verkörpert dabei eine ganz mächtige Geschichte: Dass ich mir durch eigene Leistung das Leben verbessern kann. Das wird ja generell dem Sport zugeschrieben: Dass ich durch Training, Fleiß, Einsatz und Disziplin aufsteigen kann. In dieser Phase hat diese Nation das noch dringender gebraucht als vorher. Er hat eine Großgeschichte in sich getragen und verkörpert, die viele animiert hat. Ich bin ein kleiner Spengler, ich habe es bis an die Weltspitze geschafft und ich bin einer von euch. Damit wird ein emotionaler Identitätsraum eröffnet, wo sich jeder eingebunden fühlt. Das ist der Kern der Sailer-Geschichte.
Ein kleines Gedankenspiel: Hätte Anderl Molterer damals drei Goldmedaillen gewonnen, wäre eine ähnliche Story herausgekommen?
Diese Figuren sind nicht monokausal erklärbar und haben alle ihre eigenen Facetten. Mit Molterer hätte sich sicher auch eine gute Geschichten machen lassen, die trägt. So eine Aufsteigergeschichte, junge Helden waren die damals alle. Aber bei Toni Sailer kommt ja noch eines dazu.
Toni Sailer gewann 1956 drei Mal Gold
Was denn?
Sein Sex-Appeal. Der war ein junger, attraktiver Mann und hat in gewisser Weise die männliche Attraktivität vor sich hergetragen. Insofern war er sicher auch eine Projektionsfigur für ganz viele Frauen. Es gibt ja massenhaft Bilder, wo er als Hahn im Korb dargestellt ist, als Frauenheld. Das ist natürlich ein Benefit dieser Story. Die heile Familie ist natürlich auch extrem wichtig. Gerade in dieser Zeit mit den Heimkehrern aus dem Krieg. Es gab damals viele zerbrochene Familien, denen die Frauen die Familie durchbringen mussten, uneheliche Kinder, Scheidungen – und dann steht da auf einmal so eine heile Handwerkerfamilie.
Apropos heile Familie: Es gibt auch noch die Schattenseite von Toni Sailer.
Die Sailer-Geschichte hat viele Ebenen. Als 1974 die Vergewaltigungs-Vorwürfe aus Zakopane aufgekommen sind, ist das in Österreich in den Medien als bsoffene Geschichte verharmlost worden. Dann war diese Geschichte lange Zeit vergessen, bis sie 2018 im Zuge der Me-too-Debatte wiederaufgekocht wurde. Für mich als Historiker ist es spannend, wie die Figur Sailer da plötzlich wieder unheimlich emotionalisiert hat.
Der Olympia-Ausschluss von Karl Schranz bewegte 1972 die Österreicher
Mit welchen Auswirkungen?
Es gab sofort zwei Lager. Der damalige Sportminister Strache hat von einer Schweinerei gesprochen, der Sailer könne sich nicht mehr wehren. Durch das Jubiläum in Cortina ist die Figur aber gerade wieder stark präsent. Man kann dabei kaum eine richtige Position beziehen. Wenn man die negativen Geschichten anspricht, kriege ich wieder negative Mails. Wenn man das Thema weglässt, ist man wiederum ein Verharmloser. Es ist nicht leicht, da eine sachliche Ebene reinzukriegen. Das ist das, was man unter einer normalen Aufarbeitung verstehen würde. Tatsache ist: Die Leute sind immer noch involviert in diese Geschichte.
Welche Sportereignisse haben die Österreicher noch so bewegt wie Sailers Cortina-Spiele?
Klammers Fahrt zu Gold am Patscherkofel, ganz klar. Bestimmt auch der Olympia-Ausschluss von Karl Schranz 1972, und natürlich der Sturz von Hermann Maier in Nagano – das sind die herausragenden Ereignisse, die sich tief in die Geschichte eingeprägt haben.
Kein Highlight von Marcel Hirscher?
Marcel Hirscher ist ein unglaublich starker Leistungsmensch, das muss man auch sein, wenn man so erfolgreich ist wie er. Ihm fehlt aber ein erzählerischer Mehrwert, er ist einfach zu wenig schillernd. Es braucht Emotionen, die alltagsfähig sind, wie zum Beispiel die Rückkehr von Hermann Maier nach seinem Motorradunfall. Human-Touch-Storys sind bei Marcel Hirscher nicht vorhanden, weil er vielleicht auch eine Spur zu perfekt ist. Mir fällt da aber noch ein anderer Skifahrer ein.
Von wem sprechen Sie?
Stephan Eberharter. Der war einer der besten Skifahrer, den es in Österreich je gegeben hat. Seine Sportbiografie ist um nicht viel schlechter als von Hermann Maier, aber er hat leider keinen Glamourfaktor.
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