ÖSV-Legende Benjamin Raich: "Diese Entwicklung ist übersehen worden"
Legendär: In Bormio gewann Raich 2005 fünf WM-Medaillen.
Italien ist ein guter Boden für Benjamin Raich. Bei der WM 2005 in Bormio gewann der Allrounder fünf Medaillen, bei den Winterspielen 2006 in Turin holte Raich Gold im Riesentorlauf und im Slalom.
KURIER: Wie fällt Ihr Fazit nach den Speedrennen aus?
Benjamin Raich: Schön, dass Cornelia Hütter für die Speedteams noch diese Bronzemedaille im Super-G geholt hat. Das war wichtig für das ganze Alpinteam. Bei den Herren war Vincent Kriechmayr in der Abfahrt über weite Strecken richtig gut unterwegs, aber mit einem schlechteren Teilabschnitt war er dann leider weg von den Medaillen, und mit der Vorgeschichte von Daniel Hemetsberger hatten wir in der Abfahrt niemanden, der ganz vorne reinfahren konnte.
Woran liegt das?
Da müssen wir weiter zurück in die Vergangenheit blicken. Auf den unteren Ebenen sind nach wie vor einzelne Leute am Werk, die klassische Abfahrer wie anno dazumal formen wollen. Im Skizirkus von heute ist ein Erfolg in den Speeddisziplinen bis auf wenige Ausnahmen jedoch nur mehr mit einer auf dem Riesentorlaufschwung basierten Grundausbildung möglich. Das vergessen einige Verantwortliche leider schon bei der Kurssetzung im Nachwuchsbereich.
Ist das noch zeitgemäß?
Überhaupt nicht. Um junge Athletinnen und Athleten an die Speedbewerbe heranzuführen, ist eine solide Kurventechnik im Riesentorlauf essenziell, um mithalten zu können. Diese Entwicklung ist leider da und dort übersehen worden. Es wurden in der Vergangenheit auch gewisse Daten, die für eine genaue Analyse notwendig sind, nicht mehr erhoben, das spüren wir jetzt. Ups and Downs sind in diesem Geschäft normal, deshalb müssen wir jetzt auf allen Ebenen, vom ÖSV über die Landesverbände und Schulen bis hin zu den Vereinen die richtigen Schritte setzen. Vieles ist da schon passiert bzw. am Weg, jedoch müssen wirklich alle zusammen an einem Strang ziehen.
Ist die Ausbeute mit drei Skimedaillen aus Ihrer Sicht zufriedenstellend?
Die Luft ist extrem dünn, deshalb finde ich drei Medaillen ganz okay. Ich erinnere mich nämlich gut an die Winterspiele 2010 in Vancouver. Damals hatten wir eine Top-Mannschaft bei den Herren und haben keine einzige Medaille geholt. Deshalb ist jede Medaille ein Gewinn. Ich habe mich zwei Tage vor der Team-Kombi noch mit jemandem unterhalten, der sich richtig gut im Skisport auskennt. Er ist davon ausgegangen, dass unsere Alpinen bei diesen Spielen überhaupt keine Medaille holen. Ich bin da viel optimistischer.
Ich erinnere mich nämlich gut an die Winterspiele 2010 in Vancouver. Damals hatten wir eine Top-Mannschaft bei den Herren und haben keine einzige Medaille geholt.
Benjamin Raich, Ski-Legende
Weil Sie gerade die Team-Kombination angesprochen haben: Wie gefällt Ihnen dieses Format?
Der Teambewerb ist 2005 in Bormio eingeführt worden, und seither hat es die verschiedensten Varianten gegeben. Ich muss zugeben: Diese Team-Kombi, die wir jetzt haben, ist mit Abstand das beste Format. Da sind alle Stars aus der Abfahrt und dem Slalom am Start, es ist megaeng und megaspannend. Und unsere Athleten haben die Leistung auf den Punkt gebracht.
Was auffällt: Alle österreichischen Medaillengewinner im Skisport sind 30 Jahre und älter. Müssen da nicht die Alarmglocken schrillen?
Wenn man jetzt darin etwas Positives sehen möchte, könnte man sagen: Erfahrung ist sehr wichtig bei einem Großereignis. Umgekehrt wäre es natürlich wichtig, dass die Jungen zum Zug kommen und Erfahrungen sammeln. Dafür müssen sie sich aber auch qualifizieren. Aber diese Diskussion ist nicht neu.
Inwiefern?
In den letzten Jahren, als ich noch gefahren bin, hat es geheißen: Der Manuel Feller drängt nach, auch der Michi Matt. Die waren auch sauschnell im Training, im Rennen haben sie es aber lange nicht zeigen können. Das Interessante war: Kaum waren wir Alten weg, waren sie da und haben ihre Leistung gebracht. Was ich damit sagen will: Es kann dann schon auch schnell gehen.
An wen denken Sie da?
Ich kenne Joshua Sturm gut, weil er auch aus dem Pitztal kommt. Es kann im Slalom und im Riesentorlauf unglaublich schnell sein. Da ist es wirklich nur eine Frage der Zeit, bis es ordentlich raschelt. Ich bin überzeugt, dass es in Österreich einige mit dieser Qualität gibt.
Joshua Sturm ist Jahrgang 2001, wie der dreifache Olympiasieger Franjo von Allmen oder Giovanni Franzoni. Wo sind die österreichischen Von Allmens?
In der Abfahrt sehe ich im Moment tatsächlich niemanden in dem Alter mit diesem Niveau. Andererseits: Wer hat Franzoni letzten Sommer gekannt? Aber der hat eben einen Schritt gemacht, der weiß, was er will, der hat auch die richtige Einstellung. Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir in der Abfahrt komplett unterlegen sind. Blöderweise haben sich Stefan Eichberger und Felix Hacker schwer verletzt. Gerade in dem Moment, als sie dabei waren, richtig durchzustarten. Und weil wir jetzt so auf die Schweiz schauen: Wo waren die Schweizer vor 15 Jahren? Die haben eine Zeit lang auch nichts gewonnen und danach die richtigen Schritte gesetzt, von denen sie heute noch profitieren.
Lassen Sie uns noch kurz über Lindsey Vonn sprechen. Haben Sie befürchtet, dass es bei ihr so ein Ende nimmt?
Es gibt schon Läuferinnen, bei denen ich kaum zuschauen kann, weil ich mir denke: Jeden Moment liegt sie. Lustigerweise hatte ich dieses Gefühl bei Lindsey Vonn in den letzten Monaten nicht mehr. Sie war ja früher auch eher als Sturzpilotin bekannt, aber zuletzt ist sie mir sehr stabil vorgekommen. Mir tut es weh, dass sie sich so schwer verletzt hat, weil ich weiß, was ein Unterschenkelbruch bedeutet. Marlies hatte einmal so etwas Ähnliches. Aber ich würde nie sagen: Das war eh klar, dass es bei Lindsey Vonn so enden sollte.
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