Halbzeit bei Olympia: Superstars, Skandale und Österreichs Bruchlandungen

Wer hat bei den Olympischen Spielen überrascht, wer enttäuscht? Wer sind die Stars der Spiele und was war bisher der größte Aufreger?
Eine Bildcollage mit Olympiasportlerinnen und -sportlern.

Dolce Vita in Norditalien.

Zumindest für zwei kann man das bereits nach der ersten Hälfte der Olympischen Spiele von Milano/Cortina behaupten. Sowohl für den norwegischen Langläufer Johannes Kläbo als auch für den Schweizer Skirennläufer Franjo von Allmen regnete es in drei Bewerben dreimal Gold – genauso viel wie für Österreich insgesamt. Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen.

Plus: Team-Kombination

Was wurde im Skisport in den letzten Jahren nicht alles herumexperimentiert. Bei jedem Großereignis präsentierten sich Teambewerb bzw. Kombination mit einem anderen Gesicht. Mit der Team-Kombi, die 2025 bei der Weltmeisterschaft in Saalbach-Hinterglemm ihre Premiere erlebte, dürfte nun endlich das richtige Format gefunden worden sein. Wenn die besten Abfahrer und Slalomläufer gemeinsame Sache machen, dann sind Spektakel und Unterhaltung garantiert.

Plus: Snowboard-Sparte

Als Benjamin Karl im Herbst im KURIER-Interview die fehlende Wertschätzung für die Snowboarder anprangerte, herrschte bei den ÖSV-Chefs helle Aufregung. Manche wollten die rebellischen Boarder gar schon hochkant aus dem Verband werfen.

Bei diesen Spielen erweist sich die Snowboard-Sparte – wie übrigens schon 2022 in Peking – als Medaillensegen. Karl (Parallelriesentorlauf) und Alessandro Hämmerle (Snowboardcross) wiederholten ihre Olympiasiege und zählen damit zu den Größten, die ihr Sport hervorgebracht hat. Dazu kommen noch Silber durch Sabine Payer und Bronze durch Jakob Dusek – bisher stehlen die gescholtenen Snowboarder den ÖSV-Skifahrern die Show.

Plus: Österreichs Rodler

Vier Medaillen in fünf Wettkämpfen – die Österreicher beherrschen augenscheinlich die hohe Kunst des Kunstbahnrodelns und sorgten auch bei diesen Spielen wieder für eine glänzende Ausbeute: Damit prolongierte der Rodelverband rund um Präsident Markus Prock seinen Erfolgslauf: Seit 1992 haben die Rodler bei allen Olympischen Spielen Medaillen gewonnen. Auch wenn Gold diesmal leider ausblieb.

Plus: Team Italien

Bereits zur Halbzeit hält das Gastgeberland bei gleich vielen Medaillen wie zum Abschluss der Spiele 2022. Das italienische Team ist vor allem am Eis in seinem Element: Die Rodler nützten den Heimvorteil und holten genauso zwei Goldmedaillen wie Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida. Für ein emotionales Highlight dieser Spiele sorgte Federica Brignone mit ihrem Triumph im Super-G. Mit 35 Jahren ist sie die älteste alpine Olympiasiegerin.

Plus: Niederösterreich

Während die klassische Wintersport-Destination Salzburg bei diesen Spielen noch ohne Medaille dasteht, trumpft die kleine Abordnung aus Niederösterreich auf: Dank Boarder Benjamin Karl und Katharina Huber (Team-Kombi) stellt das Bundesland schon zwei Olympiasieger.

Plus: Stimmung in Cortina

Olympia ist in Cortina zu Hause. Hier hat sich der olympische Spirit voll entfaltet. Ringe, Flaggen und Banner, wohin das Auge reicht, Fans in lustigen Gewändern, Athleten und gut gelaunte Volunteers, die die olympischen Anstecknadeln untereinander tauschen. Die Stadt ist voll, das Gastropersonal belastbar. Wären die Kräne, Bagger und Baustellen nicht, wäre das ein stimmiges Bild.

Minus: Stimmung in Bormio

„Blinddarm der Spiele“ oder „Außenstelle von Olympia“ wurde Bormio bereits genannt, weil hier gar so wenig los ist. Wenn man es nicht wüsste, käme man niemals auf die Idee, dass in Bormio gerade Olympische Winterspiele stattfinden. Der Ort ist verwaist, nur zu den Skirennen verirren sich für wenige Stunden einige Menschen hierher. Zumindest am Freitag, dem olympischen Ruhetag, herrschte in Bormio so etwas wie Trubel, Jubel und Heiterkeit: Dafür verantwortlich war der Palio delle Contrade, ein historisches Langlaufrennen durch die engen Gassen der Altstadt.

Minus: ÖSV-Freestyle-Team

Sowohl den Freeskiern Matej Svancer und Lara Wolf als auch der Snowboarderin Anna Gasser wurde eine Medaille zugetraut. In ihren ersten Bewerben sind aber alle leer ausgegangen. Gasser verpasste den Gold-Hattrick im Big Air (was auch US-Halfpipe-Star Chloe Kim verwehrt blieb). Svancer ließ immerhin mit einem bemerkenswerten Zitat aufhorchen: „Ich bin nicht für mich gefahren, ich weiß aber auch nicht, für wen ich gefahren bin.“ Sowohl Snowboarder (Slopestyle) als auch Freeskier (Big Air) haben noch eine Chance.

Minus: ÖSV-Skispringer

Drei Bewerbe ohne Medaille – das ist eine schwache Ausbeute für die Großmacht des Skispringens, die in den letzten Saisonen die Lufthoheit hatte. Gerade das erfolgsverwöhnte Männer-Team gibt Rätsel auf. Mittlerweile ist fast zu befürchten, dass die Österreicher diesmal wie 2018 in Pyeongchang für eine Nullnummer sorgen.

Minus: Hausers Nerven

Die erste Olympiamedaille lag für Biathletin Lisa-Theresa Hauser im 15-Kilometer-Bewerb praktisch auf dem Silbertablett. Mit null Fehlern war die Tirolerin zum letzten Schießen gekommen, dann patzte die Weltmeisterin von 2021 gleich drei Mal und ließ die große Chance liegen. Dass einer so erfahrenen Athletin die Nerven dermaßen einen Streich spielen, kam doch überraschend. Ob sich ihr bei diesen Spielen noch einmal so eine Gelegenheit auf ein Schützenfest bieten wird?

Minus: IOC vs. Heraskewytsch 

Der Helm des ukrainischen Skeletonpiloten Vladyslav Heraskewytsch stieß das Internationale Olympische Comitee richtig vor den Kopf. Darauf abgebildet: Fotos von 20 im Krieg getöteten ukrainischen Sportlern. Da sich der Sportler weigerte, einen anderen Helm zu verwenden, wurde er von Olympia ausgeschlossen. Ein klassisches Eigentor des IOC. Denn der Ausschluss brachte Heraskewytsch und seiner Botschaft mehr Schlagzeilen, als wenn er den Helm benützen hätte dürfen. Dem IOC bleibt derweil der Ruf haften, eine heuchlerische Organisation zu sein. Es sei nur daran erinnert, wie sich die olympische Familie in den vergangenen Jahren Wladimir Putin (Sotschi 2014) und Xi Jinping (Peking 2022) an den Hals geworfen hat.

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