© Sebastian Wells/OSTKREUZ

Interview
09/27/2019

Doping-Experte Seppelt: "Stellt man die heile Welt infrage, ist man schnell ein Nestbeschmutzer"

Der ARD-Journalist Hajo Seppelt über Doping in Österreich und was Spitzensportler zu Betrügern macht.

von Sandra Lumetsberger

Hans-Joachim "Hajo" Seppelt ist einer, der ruhig spricht, selbst wenn er gerade viel zu tun hat. Eine neue Doku kommt heraus, sie enthält Beunruhigendes, erklärt er. So wie viele seiner Recherchen im Sport, für die er Ehrungen wie Drohungen erhielt. Seit er russisches Staatsdoping aufdeckte, gilt er dort als Staatsfeind. Dass er „ab und an“ mal Leute hat, die auf ihn aufpassen, hätte er sich früher nicht gedacht, sagt der 56-Jährige während des Gesprächs zu seinem Buch "Feinde des Sports" (Econ Verlag), das dieser Tage erschienen ist.

KURIER: „Austria is a too small country to make good doping“, sagte ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel nach dem Dopingskandal 2006 in TurinWas kommt bei Ihnen hoch, wenn Sie diesen Satz hören?

Hajo Seppelt: Es gibt kein Land auf der Welt, dass zu klein ist für Doping, auch nicht für gutes. Wenn man sich die Geschichte des ÖSV ansieht und welche Personen aus seinem Umfeld oder von ihm engagiert in Dopingverdachtsfälle involviert waren, ist es interessant, was Herr Schröcksnadel so erzählt. Ich bekomme mit, dass er unsere Arbeit nicht so toll findet. Die Präventionsarbeit des ÖSV mag verdienstvoll sein, aber er sollte sich vielleicht selbstkritischer die Frage stellen, mit welchen Leuten er zusammenarbeitet.

Sie halten nichts von der Einzeltätertheorie im Doping.

Doper sind in erster Linie Täter und für ihr Tun selbst verantwortlich. Sie sind aber auch Opfer des unheimlichen Leistungsdrucks und der Erwartungshaltung des Umfeldes. 

Zuletzt sorgte der Fall um den Langläufer Johannes Dürr für Aufsehen: Ein 2014 überführter Dopingsünder, der sich in Ihrer Doku geläutert gab, aber weiter Blutdoping betrieb. Wie wird ein Spitzensportler zum Betrüger?

Der Hochleistungssport hat sich in bestimmten Sportarten über viele Jahre so entwickelt, dass er für seine Protagonisten und deren Betreuerumfeld ohne medikamentöse Begleitung nicht mehr denkbar ist. Die Athleten kommen von früh an in Kontakt mit Pillen, Spritzen und Infusionen, immer noch legal zunächst. Irgendwann stellt sich bei manchen aber die Frage: Lohnt sich der Aufwand, wenn ich acht bis zehn Stunden pro Tag trainiere, aber am Ende der große Erfolg ausbleibt? Und wenn ich davon ausgehe, dass viele andere betrügen? An dieser Weggabelung gibt es Leute, die den Schritt zu verbotenen Substanzen dann gehen und fortan lügen müssen. Doping funktioniert nicht ohne Lüge, man muss es geheim halten. Die logische Folge ist Sportbetrug. Dopingmittel und -methoden sind zwar bei weitem nicht allein entscheidend für den sportlichen Erfolg, aber sie können den feinen Unterschied machen zwischen Platz 50 und ganz vorne. Diese Mechanismen muss man sehen. Zu sagen, das sind doch nur ein paar Betrüger, wäre verkürzt.

Dürr war Protagonist und Informant, der Ihnen nur einen Teil der Wahrheit gesagt hat. Sie haben ihn erneut interviewt. Welche Bilanz ziehen Sie danach?

So viele Wendungen wie in dieser Geschichte hat keiner von uns erwartet. Aber es hat das Bild abgerundet: Dass ein Mensch so weit geht, einen Film zu machen, zu sagen, er ist bekehrt und parallel das Gegenteil tut, macht schon fassungslos. Aber Dürr ist ja bei weitem nicht der einzige Sportler, der die Lebenslüge des Sports so konsequent gelebt hat. Die Sportgeschichte ist voll von Beispielen von Protagonisten mit abenteuerlichen Erzählmustern. Sportler, die dopen, scheinen oft in parallelen Welten gleichzeitig unterwegs zu sein. Dürr war da ein Musterbeispiel. 

Er soll "lebenslang von Sportveranstaltungen jeglicher Art" ausgeschlossen werden.

Eine lebenslange Sperre ist kein gutes Zeichen für Kronzeugen, aber es ist eine konsequente Entscheidung gegen Wiederholungstäter wie Dürr. Er hat aber gleichzeitig auch einen entscheidenden Anteil gehabt, dass das Netzwerk um den Erfurter Arzt Mark Schmidt offengelegt worden ist. Das hätte sich in einer Reduzierung der Sperre auswirken können. Es spielt aber keine Rolle, weil er seine Karriere beendet hat.

 

Welche Konsequenzen muss es für das System geben?

Der Sport darf sich nicht selbst kontrollieren. Er muss zeitgemäßer aufgestellt sein. Dazu gehört es, anzuerkennen, dass Sport ein Kulturgut ist und dass er massiv über Steuergelder finanziert wird. Er muss sich daher gefallen lassen, öffentlich kontrolliert zu werden. Da der organisierte Sport seit Jahrzehnten das Dopingproblem nicht ausreichend angegangen hat, muss man ihm auf die Finger gucken.

Der Sportjournalismus ist oft nur eine Art freundlicher Wegbegleiter, haben Sie gesagt. Kann er überhaupt eine Kontrollfunktion ausfüllen?

Ich weiß, dass ich mich mit einigen Kollegen aus dem Sportjournalismus anlege, aber ich stelle fest, dass eine Melange aus Journalisten, Funktionären und Verbänden schon mal ein Augen zumacht vor den Realitäten des Spitzensports. Es ist eine heitere, beschwingte Atmosphäre - so wird es auch dargebracht.

Sie waren früher selbst Livereporter und Kommentator. Wann haben Sie ein kritisches Bewusstsein entwickelt?

Das gab es eigentlich schon immer. Als Kind habe ich viel Fußball gespielt, wenn ich dabei ein Foul oder Handspiel gemacht habe, habe ich die Hand gehoben und es gesagt. Es geht nicht ohne Regeln. Das haben meine Mitspieler nicht verstanden. Ich habe offensichtlich so ein Gerechtigkeits-Gen in mir. Aber in meinen Anfängen als Sportreporter spielte das zunächst keine so große Rolle. Ich war damit beschäftigt, das Reporterhandwerk in Radio und Fernsehen zu lernen. Erst Jahre später merkte ich immer mehr, dass manches im Sport nicht mit rechten Dingen zuzugehen schien. Dieses Gefühl, das wir in der Berichterstattung oft nur die Oberfläche abbilden, wurde immer präsenter. 

Das sich auch in der Berichterstattung niederschlägt?

Ich konnte die Heuchelei nicht ertragen, weder von Funktionären, Sportlern noch von Journalisten, die es eigentlich besser wussten, wenn es um aber so taten als wäre nichts. Wenn man die heile Welt in Frage stellt, ist man häufig schnell ein Nestbeschmutzer.

Wie beobachten Sie das in Österreich?

Man sagt ja, in Österreich ist man „verhabert“. Von außen betrachtet, habe ich den Eindruck, dass jeder jeden kennt und Distanz eher schwierig ist.

 

Kritische Sportberichterstattung wirkt im Fernsehen oft so, als gehöre sie nicht richtig dazu. Muss da nicht auch ein Umdenken bei den Sendern stattfinden? 

Es hat sich einiges geändert. Die ARD ist weltweit das einzige Network, dass so etwas in dieser Ausprägung macht (seit 2007 hat der Sender eine Doping-Redaktion, Anm.). Aber Sie haben schon recht: Die ARD-Dopingredaktion ist wohl eine Ausnahme. Aus anderen Ländern kenne ich solche Rechercheeinheiten nicht. Meistens sind dort nur vereinzelt Kollegen unterwegs. Ich fände es schon begrüßenswert, wenn es weltweit mehr Kolleginnen und Kollegen im Sportjournalismus gäbe, die investigativ arbeiten. Auch bei Fernsehanstalten. Sport ist viel mehr als nur der oberflächliche Blick auf die glamourösen Event-Inszenierungen. Es gibt noch unendlich viele Recherchefelder, die zu beackern wären. 

Wie kann man diesen kritischen Blick beim Zuseher schärfen? Wenn es um die Herstellung von Kleidung oder Handys geht, sind die Menschen nachdenklicher geworden.

Dass sich die Leute in InnsbruckMünchen oder Hamburg gegen Olympia-Bewerbungen entschieden haben, zeigt, dass es eine kritische Öffentlichkeit gegenüber Sportgroßorganisationen gibt. Das speist sich aus den Erfahrungen der letzten Jahre: Fifa-Korruption, Staatsdoping in Russland, jetzt die Vorgänge rund um die Operation Aderlass. Unsere oder andere Recherchen haben dazu beigetragen, dass der Weltsport gezwungen war, Reformen anzugehen oder sich Diskussionen zu stellen. Ich glaube nicht, dass wir nur als Spielverderber wahrgenommen werden. Unsere Einschaltquoten sind im Durchschnitt genauso hoch wie bei vergleichbaren Dokus. Der Diskurs über korrupten Sport hat in manchen Phasen auch die Stammtische erreicht.

Sie kritisieren den Sport als durchökonomisiert; sehen Sie Parallelen zum Journalismus im Sinne von: Alles muss schneller sein und Klicks bringen. Wie erleben Sie das in Ihrer Arbeit?

Keiner zwingt uns, immer sofort etwas zu liefern. Wir bekommen Zeit, tiefer zu recherchieren. Wir machen auch Beiträge für Radio und Online, nicht immer nur große Geschichten. Manchmal gibt es Phasen, da sind unsere Videos auf sportschau.de die meistgesehenen. Es kann also nicht sein, dass alles so schwer verdaulich ist, wie uns Kritiker gelegentlich vorwerfen. Unter Quoten- oder Klicks-Druck steht unsere Rechercheeinheit nicht. 

Der Preis für Ihre Recherchen ist hoch: Sie haben russisches Staatsdoping aufgedeckt und gelten als Staatsfeind. Wie gehen Sie damit um?

Es gibt immer wieder Situationen, wo es besser ist, wenn um mich herum für Sicherheit gesorgt wird. Aber ich lasse mich eigentlich nicht groß beeindrucken. Dass wir Leuten auf die Füße treten, liegt im Wesen des investigativen Journalismus. In meinen Anfangsjahren als Sportreporter habe ich aber tatsächlich nicht gedacht, dass ich ab und an mal Leute haben würde, die auf mich aufpassen.

Folgen hat das ja auch für die Informanten. Das Ehepaar Stepanow, das über Doping in Russland auspackte, lebt heute an einem geheimen Ort. Inwiefern können Sie Informanten schützen?

Wir versuchen, sie im Rahmen unserer Möglichkeiten zu schützen. Sie (die Stepanows, Anm.) haben damals in Berlin gewohnt. Wir haben bis heute guten Kontakt. Auch jetzt kommt wieder eine Doku raus, in der sich Informanten äußern, die geschützt werden müssen. Ohne Whistleblower hätten wir unsere Geschichten nie machen können.

Die EU-Staaten haben sich kürzlich für ein Gesetz geeinigt, das Informanten besser schützen soll.

Ich finde das gut. Da ändert sich etwas. Früher hätte man gesagt, das sind Denunzianten, heute nennt man sie Whistleblower. Der Schutz von Menschen, die sich trauen, über Missstände Auskunft zu geben, muss größer werden. Wer wenn nicht sie kann uns darüber erzählen, was in bestimmten Milieus abgeht?

Sie schlagen in puncto Reformen auch mehr unabhängige Athletenvereinigungen vor. Welche Erfahrung gibt es damit in Deutschland?

Es gibt große Sympathie in der deutschen Politik, die das auch finanziert. Thomas Bach (IOC-Präsident, Anm.) und andere sehen das skeptisch, weil Athleten plötzlich flügge werden und sich vom organisierten Sport emanzipieren wollen. Man hat den Eindruck, dass er versucht, die Reihen zu schließen und die Athleten in den sporteigenen Kommissionen zu stärken. Wobei ich mich frage, warum das so sein soll. In der Arbeitswelt gründen die Arbeitnehmer auch nicht unter dem Dach des Arbeitgebers ihre Gewerkschaft. Man muss anerkennen, dass Sportler häufig nichts anderes sind als Arbeitnehmer – sie haben andere Interessen als die Funktionäre ihrer Verbände. Sportler sind das Herz des Wettbewerbs. Ohne sie würde es keinen Sport geben, keine olympischen Spiele. Sie machen aber aus dieser Macht, die sie haben, noch viel zu wenig, finde ich. Was die Mitbestimmung von Athleten betrifft, leben wir in anachronistischen Verhältnissen.

Was haben Sie da zuletzt beobachtet?

Viele Athleten wollen sich nicht mehr abspeisen lassen. Sie wollen direkt an den Marketingeinnahmen der Olympischen Spiele beteiligt werden. Da haben die Deutschen einen Teilsieg errungen. Das IOC behauptete, es gebe immer so viel Geld an die NOK´s weiter und die es wiederum an die Athleten. Ich frage mich aber, warum können die Sportler nicht selbst und direkt das Geld bekommen - und vor allem warum nicht mehr? Wenn ein Herr Bach und andere IOC-Granden in der First Class um die Welt jetten und in Fünf-Sterne-Hotels logieren, können sie das gerne machen. Ich frage mich aber, wer sollte hier eigentlich auf einer Sänfte getragen werden? Die Herrschaften in Lausanne oder die Sportler? Mein Eindruck ist: Das Aufbegehren gegen die verkrusteten Strukturen des internationalen Sports ist spürbarer denn je. 

 

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