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Politik Inland
10/15/2021

Schallenberg über Bond, Candy Crush und sein letztes Telefonat mit Kurz

Kanzler Alexander Schallenberg im Ö3-Wecker über die Regierung als "Fußball-Team", die Cannabis-Legalisierung und ein "desaströses Bild".

von Johanna Hager

Nach fünf Tagen im Amt steht Kanzler Alexander Schallenberg Freitagfrüh im Ö3-Wecker Rede und Antwort. Er habe in den letzten Tagen "vermutlich zu wenig geschlafen". Danach gefragt, wie er sich nach dem Anruf von Sebastian Kurz fühlte, will eine Hörerin wissen.

"Familienrat" zwischen "Schock" und "Ehre"

"Natürlich steht man irgendwie unter Schock. Man kriegt nicht jeden Tag so einen Anruf." Er sei gerade mit seinen vier Kindern gewesen und habe "quasi einen Familienrat abgehalten". Schallenbergs erster Anruf galt seinem Vater. "Er hat mir gesagt, es ist eine große Ehre, wenn Du einen Dienst an der Republik leisten kannst. Das entscheidende Wort ist Dienst. So bin ich erzogen. Wenn das Schiff ins Schlingern kommt - man muss ein Seil in die Hand nehmen, sich irgendwo hinstellen und es ist Not am Mann - dann ist das auch zu tun."

Apropos Anruf. Das letzte Telefonat zwischen Sebastian Kurz und Alexander Schallenberg hat am Montag - dem Tag der Angelobung Schallenbergs - stattgefunden. 

Warum Schallenberg an seinem ersten Tag als Kanzler auf der Regierungsbank so oft aufs Handy statt auf die Redner konzentriert war, will ein Hörer wissen.

"Gelobe Besserung"

"Das ist eine berechtigte Frage, und ich gelobe Besserung." Er sei viele Stunden im Parlament gewesen und habe viele Nachrichten bekommen, "die auch wichtig sind. Aber ich gebe zu: Das ist nicht höflich". Es gehe "um die Art, wie man miteinander umgeht", und da wolle er, in seiner Kanzlerschaft, "eine eigene Handschrift zeigen". 

Solitär statt Candy Crush

Am Handy selbst spiele er, auf Nachfrage, nicht Candy Crush, sondern Solitär. "Ich werde jetzt vielleicht alle enttäuschen, ich habe kein Candy Crush am Handy. Vielleicht ist das eine unglaubliche Lücke."

Die Situation in Österreich und der Regierung sei derzeit  "wirklich schwierig". Auf Nachfrage von Wecker-Moderator Philipp Hansa, ob die Arbeit auch Freude macht, sagt Schallenberg: "Ich gehe das Amt mit enormer Ehrfurcht an und Respekt. Aber ich bin so erzogen. Wenn man irgendwo seine Pflicht tun kann, den Dienst an der Republik, dann gibt man einfach sein Bestes."

"Drei Regierungsthemen und Tiki-Taka"

Schallenberg geht davon aus, dass er das Amt an der Regierungsspitze bis zur nächsten Wahl ausüben wird.

"Ich werde sicher eine starke europapolitische Komponente haben. Meine wesentlichen Themen sind Pandemie, Wirtschaftsaufschwung und Steuerreform." Das Regierungsteam sieht er wie ein "Fußball-Team. Wenn wir uns nicht gegenseitig gescheit zupassen und kein spanisches Tiki-Taka hinkriegen, dann werden wir auch keine Tore schießen".

Cannabis-Legalisierung vs. "Substanzarbeit"

Innenpolitisch werde sich der Ex-Außenminister auf die Ministerien und deren Ressortchefs verlassen. "Ich muss mich da natürlich verlassen. Kein Mensch weiß alles und schon gar nicht der Bundeskanzler". Über eine Legalisierung von Cannabis, wie in Deutschland derzeit diskutiert, habe er sich noch keine Gedanken gemacht: "Das steht nicht oben auf der Agenda". Es gehe jetzt darum, und damit sorgt Schallenberg für einen Lacher,  mit der "Substanzarbeit zu beginnen."

Am vergangenen Freitag noch lässt Vizekanzler Werner Kogler an der Seite von der grünen Klubchefin Sigrid Maurer wissen, dass sie Kanzler Kurz für nicht mehr "amtsfähig" erachten. Kurz selbst spricht zum nämlichen Zeitpunkt noch davon, dass die ÖVP und er "handlungswillig und handlungsfähig" wären. 24 Stunden später tritt Kurz "zur Seite". Viele Hörer wollen deshalb wissen, wie Kurz' Nachfolger Schallenberg das Vertrauen in die Politik wieder herstellen will.

"Das Vertrauen ist zerrüttet"

Schallenberg dazu: "Ich verstehe das. Das Vertrauen ist zerrüttet. Wir müssen auch in der Regierung wieder Vertrauen aufbauen. Das sehe ich als meine Hauptaufgabe in den nächsten Wochen und Monaten. Schritt für Schritt, denn es wird auch nicht über Nacht geschehen." Es gelte innerhalb der türkis-grünen Regierung wieder ein "Grund-Basisvertrauen" zu haben, "damit wir wieder zusammenarbeiten können".

"Desaströses Bild der Politik"

Die Politik habe sich in den vergangen Tagen "eindeutig nicht von ihrer besten Seite gezeigt. Wir werden versuchen, das wieder zu korrigieren". Seine Hand sei ausgestreckt zum Koalitionspartner wie zur Opposition. Er sei sich dessen bewusst, dass "das Bild, das von der Politik gezeichnet wurde, desaströs ist". 

Was Schallenberg tut, sollte Sebastian Kurz angeklagt und verurteilt werden, beantwortet er ausweichend. Er sei nun Bundeskanzler und müsse "die Bundesregierung wieder in die Arbeit bringen. Alles andere, also Klagen oder Rechtsverfahren" seien "außerhalb. Das Wichtigste ist: Die Regierung muss stehen. Das erwarten sich die Menschen".

Des Kanzlers Plan sei nun, "Ruhe reinzubringen, weil, wie gesagt: Die Politik hat sich wirklich nicht von ihrer besten Seite gezeigt. Wir müssen alle warten, bis der Staub sich legt".

"Brüche und Risse"

Bis wann sich der Staub legen wird, das beantwortet der Kanzler wie folgt: "Wir sind alle Menschen. Hier sind Brüche und Risse entstanden, die müssen gekittet werden und das geht nicht über Nacht." Sein Wunsch sei es, dass man "wieder auf Augenhöhe" redet. 

"Keinen Plan im weiteren Sinne für den Fall der Anklage"

Dies werde "Zeit brauchen"; sowohl, was die Koalition als auch die Öffentlichkeit und Bevölkerung betreffe. Einen Plan für den Fall der Anklage habe er nicht.

"Ich habe keinen Plan im weiteren Sinne", so der ÖVP-Regierungschef, und: "Mein Plan ist, wieder in die Arbeit kommen". Die türkis-grüne Koalition habe einen Auftrag - "von der Pandemie bis zum Klima". Schallenberg habe sich zum Ziel gesetzt, in den kommenden Tagen "viele Gespräche zu führen, weil ich Menschen zusammenführen will. Da hilft mir hoffentlich meine 20-jährige diplomatische Erfahrung". 

Zwischen Moral und Strafrecht

Seine umstrittene Antrittsrede als Kanzler bereut er nicht. "Ich würde es wieder tun. Ich glaube, dass sich die strafrechtlichen Vorwürfe aufklären lassen." Er persönlich sei weiterhin der Meinung, dass an den Vorwürfen "nichts daran bleiben wird" Und: "Ich habe vollstes Vertrauen in die Justiz, unsere Gewaltenteilung und es wird auch funktionieren. Seien wir ein bissl selbstsicherer in Österreich. Wir sind ein tolles Land, das gut funktioniert". 

"Chats zeigen kein schönes Bild"

Wie Kindern Moral erklären, wenn sich Politiker solche Nachrichten schicken, will ein zweifacher Familienvater wissen. "Die Chats zeigen kein schönes Bild, das ist ganz klar. Ich habe öffentlich auch nicht gesagt, dass ich sie für normale politische Kommunikation halte." Schallenberg mutmaßt, dass jeder mal "im Affekt oder der Emotion bei wichtigen Verhandlungen Nachrichten geschickt, die er nicht gerne in der Öffentlichkeit sähe. Er hoffe betreffend der Vorwürfe "auf rasche Aufklärung, weil - so lange sie im Raum stehen ist es mühsam für alle Beteiligten".

Über die Twitter-Panne am Donnerstag habe er geschmunzelt, so der Kanzler. Es sei von den Mitarbeitern "16 Stunden am Tag durchgearbeitet" worden. Man dürfe nicht zu streng sein. "Fehler geschehen. Ein zweites Mal sollte es nicht geschehen."

Er habe derzeit nicht die Zeit, Medien wie auch Twitter zu konsumieren. Das werde er rückblickend tun. 

"Ein zweites Mal sollte es nicht geschehen"

Ob er gedenkt, seine Social-Media-Präsenz zu erweitern, will hernach ein Hörer wissen. Schallenberg will es als Kanzler wie als Außenminister halten, als er einen Ministeriums-Twitter-Account und keinen persönlichen Twitter-Account hatte. Als Außenminister habe er es vorgezogen, "die Arbeit in den Vordergrund zu stellen. Jetzt werde ich es ähnlich handhaben. Ich möchte weniger, dass über mich als Person, sondern über die Arbeit geredet wird". Sein Social Media-Team werde gerade aufgebaut, vom Außenministerium habe er ein" paar wirklich gute Leute mitnehmen können".

Was er in der Pandemie für die Jugend tun will, das beantwortet der Vater von vier Kindern mit der Corona-Impfung. "Das Exit-Ticket ist die Impfung." Es gebe genug Impfstoff in Österreich. "Es geht nicht nur um die eigene Gesundheit, es geht auch um die Familiengesundheit."  Zudem wolle er, dass der Wirtschaftsaufschwung auch bei der Jugend ankomme. Laptop-Klassen sind nach Dafürhalten Schallenbergs ein erster Schritt in das 21. Jahrhundert.

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Als Lied wünscht sich der Neo-Kanzler "Start me up" von den Rolling Stones, im Wordrap entscheidet er sich in der Frage 
E-Bike oder Elektroauto für das Zweirad. 

"Türkise ÖVP"

Er gehe in den Supermarkt, nicht auf den Wochenmarkt und entscheidet sich bei der Frage der Farbe der Volkspartei für "die türkise" ÖVP.

Zwischen Ibiza und Mallorca entscheidet er sich für Mallorca. Er zieht zudem James Bond der Figur des Batman, Licht dem Schatten und Essen gehen einer Essenslieferung vor.

Bei "Singen oder tanzen" entscheidet sich Schallenberg für "beides". Geht es nach dem Wordrap, so ruft Schallenberg lieber an als zu chatten.

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