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Politik Ausland
08/08/2020

Warum die Beiruter die Katastrophe meistern werden

Vieles hat die Bevölkerung Beiruts bereits erdulden müssen, doch stets haben es die Menschen geschafft, neu anzufangen – und das schlägt sich auf die Atmosphäre dieser besonderen Stadt nieder.

von Armin Arbeiter

„Willkommen in Beirut“, mit einem gekünstelten Lächeln schreitet die hochgewachsene, zierliche Libanesin durch die Gouraud-Straße im Beiruter Ausgehviertel Gemmayze, begrüßt jeden, der ihr begegnet. Drei junge Männer umkreisen sie, filmen ihr grünes Seidenkleid, produzieren ein aufwändiges Instagram-Video. Wenige Meter daneben betteln Kinder um Zigaretten. Eine Gruppe Amerikaner schiebt sich an ihnen vorbei, nimmt Kurs auf die Türe des nächsten Lokals, aus dem laute Musik zu hören ist.

Und derer gibt es in Gemmayze viele. Gab es. Denn seit der verheerenden Explosion vom Dienstag liegt die Straße, etwa 500 Meter vom Hafen entfernt, in Trümmern. Es bleibt nur die Erinnerung an bessere Tage. Statt feiernder Menschen standen beim Besuch des französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Donnerstag verzweifelte, wütende Bürger am Straßenrand, schrien ihren Frust hinaus. „Ihr seid alle Mörder“, rief eine Frau von ihrem Balkon.

Zeugen alter Zeiten

Die Bürger schaufeln den Schutt von der Straße, schaffen zertrümmerte Autos weg. Die Beiruter haben in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, sich wiederaufzurichten. Nicht umsonst gilt die Stadt neben Tel Aviv als Partyzone des Nahen Ostens. „Wir haben viel Schlimmes erlebt und wollen es genießen, wenn gerade nichts passiert“, erklärte noch vor der Explosion ein älterer Herr das ausgelassene Nachtleben der Stadt.

Überall finden sich noch Gebäuderuinen aus der Zeit des Bürgerkriegs (1975–1990), bezeugen die Schrecknisse der damaligen Zeit. Maschinengewehreinschüsse, zerborstene Dächer, gesprengte Fassaden. Doch daneben erheben sich moderne Wolkenkratzer und Wohnhäuser, Banken und Hotels.

Im Verkehrschaos Beiruts hupen Maseratis und Porsches auch nach der Katastrophe in großer Zahl, Männer in teuren Anzügen stolzieren durch die Straßen. Durch seine liberale Steuerpolitik zieht der Libanon reiche Unternehmer an, vor allem aus Golfstaaten. Die haben mit der Bevölkerung allerdings nicht viel zu tun. Gut ausgebildete, junge Menschen teilen sich kleine Wohnungen in brüchigen Häusern. Oft fällt der Strom aus, von einer fixen Anstellung können viele nur träumen. Schuldige dafür sind rasch gefunden: Politik, Korruption, Vetternwirtschaft.

Jahrelang hat sich der Frust der Libanesen aufgestaut, vergangenen Herbst entlud er sich. Als der damalige Premier Saad Hariri im Oktober seinen Rücktritt erklärte, war die Hoffnung auf bessere Tage groß. Märtyrerplatz, stadteinwärts von Gemmayze. Im Schatten der Al-Amin-Moschee haben Aktivisten Ende November dort ihre Zelte aufgeschlagen.

Vor Weihnachten stellen dort die christlichen Libanesen Weihnachtsbäume auf dem Platz auf – nur wenige Meter neben der Moschee steht die St. Georgs-Kathedrale, der ganze Stolz der Griechisch-Orthodoxen. Wer dort einmal die Ostermesse besucht hat, wird sich sein Lebtag an die Begeisterung der Menschen, ihren festen Glauben erinnern. Wenn Tausende mit dem Friedenslicht in der Hand durch die altehrwürdigen Straßen der Beiruter Altstadt von der Messe nach Hause gehen, hat das etwas Ergreifendes.

Ohne Glauben, mit viel Wut

Sturm aufs Außenministerium

Ihren Glauben haben die Demonstranten mittlerweile verloren, ihre Wut nicht. Am Samstag wurden bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften  mindestens 130 Menschen verletzt, auch von Todesopfern ist die Rede. Einige Wütende  drangen ins Außenministerium ein, hissten  ein Plakat „Beirut ist die Hauptstadt der Revolution“, es fielen Schüsse.  Das dürfte ein Vorgeschmack auf das sein, was kommt, wenn es die Regierung nicht schafft, das System der Korruption und der Blockade zu zerstören. 

Premier Diab, selbst erst seit  2019 im Amt, kündigte darum vorgezogene Neuwahlen an. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die Lage sich beruhigt. Der religiöse Proporz lähmt das Land, ist jedoch gleichzeitig der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Nach dem Bürgerkrieg hat jede große Konfession das Anrecht auf gewisse Ämter. Auch wenn auf Sozialen Medien viel vom „unglaublichen Zusammenhalt der Gesellschaft“ geschwärmt wird – selbst in Beirut leben die Menschen in religiösen Lagern. 

Religiöse Unterschiede

Hochzeiten zwischen Paaren mit unterschiedlicher Religion sind eine absolute Seltenheit.

Eine muslimische Frau darf etwa keinen Christen heiraten. Der Unterschied wird auch deutlich, wenn man die eleganten, französischen Häuser der Innenstadt, wo überwiegend Christen und Sunniten wohnen, verlässt und sich in Richtung schiitischem Süden aufmacht. Die Müllberge wachsen, die Häuser werden grauer, Fassaden bröckeln. Immer wieder stehen bewaffnete Männer mit Sturmhauben an Hausecken.

Die Menschen sind freundlich, bieten Kaffee an – doch hier herrscht ein gewisses Misstrauen gegenüber Fremden. Frauen sind häufig verschleiert. Es geht weiter, zu einem klobigen Gebäude – einer alten Radiostation der schiitischen Partei Hisbollah.

Dort hat ihre Führung ein Quartier eingerichtet, dessen Ausstattung so gar nicht zur rissigen Fassade des Hauses passt. Prunkvolle Räume, gepolsterte Sessel, mit feinsten Linnen überzogen, kunstvolle Gemälde. Prächtige Gärten, elegante Paläste – alle anderen Parteien halten es ähnlich.

Es war nicht die erste Explosion, nicht die erste Demonstration in Beirut und vor allem in den Köpfen der älteren Generation ist das Grauen des Bürgerkriegs noch stark verankert. Fast alle hohen Politiker waren zu jenen Zeiten namhafte Kämpfer ihrer Fraktionen, werden diese Macht nicht so rasch aufgeben.

Und Beirut? Beirut wird wieder aufstehen, so wie es die Stadt schon viele Male getan hat. 300.000 Menschen haben ihr Obdach verloren, die Armut nimmt rasant zu. Doch sowohl die Proteste, als auch die schaufelnden Menschen in der Gouraud-Straße zeigen: Die Beiruter haben den Willen, weiter für ein gutes Leben zu kämpfen. Und vielleicht wird es nicht mehr lange dauern, ehe in Gemmayze wieder Musik und Lachen zu vernehmen sein werden.

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