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Porträt
07/19/2020

Assad: Vom Hoffnungsträger zum Kriegsverbrecher

Wie aus dem Augenarzt Bashar al-Assad ein Massenmörder wurde, der seit genau 20 Jahren an der Macht ist.

von Michael Hammerl, Karoline Krause-Sandner

Bashar al-Assad war so einer: scheinbar liberal und europäisiert, Hoffnungsträger für den Westen. Vergleichbar mit Wladimir Putin zu Beginn. Viele hielten Assad für ein geringeres Übel als seinen Vater, Hafiz al-Assad. Als Hafiz nach 30 Jahren Herrschaft 2000 nach einem Herzinfarkt starb, übernahm der 35 Jahre alte Sohn – und sollte Jahre später alle schockieren.

Denn heute trägt der 54-Jährige den Spitznamen „Schlächter von Damaskus“. Unpassend, bei dieser schlaksigen Figur und dem leicht melancholischen Blick. „Er wirkte bei seinen Auftritten ungeschickt, fast wie ein 17-jähriger Bub“, meint der britische Ex-Diplomat Sir John Jenkins, von 2006 bis 2007 britischer Botschafter in Syrien, gegenüber dem KURIER.

Heinz Fischer nahm als Nationalratspräsident am Begräbnis von Hafiz al-Assad teil. Bashar habe er als jemanden in Erinnerung, „dem man das Studium in Europa anmerkte und der sich sehr für moderne Technologien interessierte“, so Fischer. „Er hatte sicher eine Modernisierung im Sinn, vielleicht auch eine Veränderung der Machtstrukturen, aber sicher keine Demokratisierung im europäischen Sinn.“

Charmanter Stadtführer

Als Fischer das nächste Mal in Damaskus war, 2007, führte ihn Assad durch die Stadt und zeigte ihm die weltberühmte Ummayyaden-Moschee. „Er erwies sich als kenntnisreicher Fremdenführer.“ Heute würde Fischer nicht mehr zu Assad fahren: „Es würde für ein Staatsoberhaupt aus einem EU-Land keinen Sinn machen, Damaskus zu besuchen, solange sich die Verhältnisse nicht wesentlich verändert haben.“

Dabei beginnt alles so verheißungsvoll. Bashar studiert in London Medizin, promoviert als Augenarzt. Sein Blick fällt auf die syrische Investmentbankerin Asma, seine spätere Ehefrau. In London lernt Bashar exzellentes Englisch, wie Jenkins später bei Besuchen im Präsidentschaftspalast erkennen wird: „Er hat manche Besucher hypnotisiert, weil er so gut und flüssig Englisch spricht. Sie hielten seine Aussagen dann für berechtigt.“

Unerwartete Erbfolge

1994 ändert sich Bashars Lebensplan. Der älteste von drei Brüdern, Basil al-Assad, stirbt bei einem Autounfall. Bashar ist nun Erbfolger – ein enthusiastischer Computer-Fan ohne jede militärische Erfahrung. Er lässt sich schnell zum Panzerkommandanten ausbilden. Das wäre wohl nicht nötig gewesen. Bashar setzt sich ins gemachte Nest. Jahre später übernimmt er ein System mit 15 Geheimdiensten, die für ihn spitzeln, verhaften, foltern. Das Militär ist den Assads hörig, hat kein Interesse an einem Machtwechsel.

Die Assads gehören zur schiitischen Minderheit der Alawiten, die elf Prozent der 17 Millionen starken syrischen Bevölkerung stellen. Sie regieren das Land seit Jahrzehnten streng, mit Verbündeten in allen Schlüsselpositionen. Alawiten gelten als liberaler Flügel des (schiitischen) Islam. Daher ist Syrien kein Gottesstaat, sondern eine säkulare nationalistische Diktatur.

70 Prozent der Syrer sind Sunniten. Zu ihnen gehört offiziell Bashars Ehefrau Asma. Das verbirgt sie gut: Sie trägt ihr Haar offen, kauft ihre Kleidung in Londoner Designerläden. Der Boulevard tauft sie anfangs „Königin Diana des Orients“. „Dieses Paar war nie das liberale verwestlichte Vorzeigemodell im arabischen Raum, als das sie viele gerne gesehen hätten“, sagt Jenkins.

„Das sind Gangster“

Bashar verspricht zu Beginn Reformen – für alle: „Der demokratische Gedanke ist das Fundament.“ Reine Illusion sei diese Annäherung an Europa gewesen, meint Jenkins. „Wenn man einen genauen Blick auf die Taten des syrischen Regimes wirft: Das sind Gangster. Das war damals so, das ist heute so.“

Der Präsident startet dennoch mit Reformen, erlaubt Pressefreiheit, lässt politische Gegner frei und lockert die rigide Planwirtschaft. Er entfacht Aufbruchsstimmung, Intellektuelle sprechen vom „Damaszener Frühling“. Assad handelt mit Kalkül. Er weiß, er sitzt auf einem Pulverfass: einer tief gespaltenen, unterdrückten Mehrheitsbevölkerung. Parallel zu seinen Scheinreformen verschwinden Oppositionelle im Gefängnis. Korruption und Misswirtschaft blühen, Syrer leiden Hunger, Assad hat gelogen.

Grausamer Herrscher

Ende 2010 gibt es erste Aufstände in Tunesien, Ägypten. Im Frühjahr 2011 glauben auch die Syrer an ihre Chance. In Homs und Daraa rebellieren sie. Assad lässt die Proteste blutig niederschlagen. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie so grausam sind. Wir hätten es eigentlich vorhersehen müssen. Bashar wollte einfach nicht so enden wie Gaddafi“, sagt Jenkins – Libyens Machthaber war 2011 gestürzt und gelyncht worden.

Assads Brutalität löst eine Kettenreaktion aus. Politisch-religiöse Gruppen mischen sich unter die Rebellen. Terrormilizen wie der IS oder al-Nusra erobern weite Landesteile. Ein Krieg beginnt, Diktator Assad hält sich mit aller Brutalität an der Macht. Selbst vor Giftgas schreckt er nicht zurück. Doch er verliert immer mehr an Boden. Nur mit Putins Hilfe erobert er zuerst Aleppo, dann die restlichen Hochburgen zurück.

Wenn Assad heute sagt, dass die Bevölkerung in puncto „Zusammenhalt und Integration“ besser dastehe als vor dem Krieg, zeigt sich die zynische Fratze eines Mannes, dem Jenkins eine „bipolare, labile Persönlichkeit“ attestiert. Fassbomben, Chemiewaffen, Geheimgefängnisse: Assad ist ein Kriegsverbrecher. Fast 500.000 Menschen sind im Bürgerkrieg seit 2011 gestorben, zwölf Millionen Menschen geflohen.

Assad ist militärisch abhängig von den Verbündeten, Russland und Iran. Die USA verhängten weitreichende Wirtschaftssanktionen gegen Syrien. Eine neue Strategie, um Assad zu stürzen? Möglich. Das Land leidet unter einer massiven Wirtschaftskrise, das syrische Pfund bewegt sich Richtung Hyperinflation, Preise explodieren. Im Volk brodelt es. Nach neun Jahren Bürgerkrieg fehlt aber die Kraft für jede Rebellion.

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