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Politik Ausland
05/01/2022

Künstlerin Soli Kiani: "Frauen werden mundtot gemacht"

Die iranischstämmige Künstlerin Soli Kiani hat lange mit sich gerungen, bevor sie sich mit ihrer drastischen Kunst an die Öffentlichkeit wagte. Jetzt will sie "keine halben Sachen mehr".

von Barbara Beer, Martina Salomon

Menschenrecht und Menschenwürde. Das sind die Themen der 1981 in Shiraz im Iran geborenen Künstlerin Soli Kiani. Im Kunstforum zeigt die Multimedia-Künstlerin, die seit 2000 in Wien lebt und arbeitet, nun ihre Solo-Ausstellung Ossian – Rebellion. Im Zentrum der von Lisa Ortner-Kreil kuratierten Schau stehen Arbeiten zu Unterdrückung, Zensur und Rebellion. In drastischen Bildern und Skulpturen führt sie die soziale, politische und religiöse Alltagsrealität von Menschen, die sich dem Regime im islamischen Iran nicht beugen wollen, vor Augen. Eindringlich sind etwa ihre Fotoserien: Frauengesichter, mit Gummischläuchen umwickelt oder von Plastiksäcken umhüllt – um sie zum Verschwinden zu bringen.

Mit dem KURIER sprach die Künstlerin darüber, wie sich ihr Leben in ihrem Werk widerspiegelt, was ihre Familie zu ihren Arbeiten sagt und wie sie unsere Debatten über Kopftuch und Co. empfindet. Und sie erzählt, was sie – trotz allem – am Iran vermisst.

KURIER: Sie sind im Iran geboren, leben seit mehr als 20 Jahren in Wien. Viele Ihrer Werke setzen sich mit der Unterdrückung von Frauen in der islamischen Welt auseinander. Inwiefern spiegelt sich Ihre Biografie in Ihrem Werk?

Soli Kiani: Ich habe mich erst durch die zeitliche und räumliche Distanz getraut, mich damit auseinanderzusetzen. Schon früher habe ich mich diesem Thema gewidmet, aber es nicht gewagt, an die Öffentlichkeit damit zu gehen. Mein Onkel wurde nach der islamischen Revolution aus politischen Gründen hingerichtet, und ich wollte daher lange nichts mit Politik zu tun haben.

Sind Sie deshalb nach Wien gekommen?

Nein, aus privaten Gründen. Mein damaliger Mann hat in Wien studiert, ich habe mich hier an der Universität für angewandte Kunst beworben, meine Familie ist im Iran geblieben.

Ist Ihre explizit politische Kunst ein Problem für Ihre Familie im Iran?

Jein. Vielleicht bin ich das schwarze Schaf der Familie. Als ich noch im Iran lebte, fehlte mir der Mut auszusprechen, dass ich Künstlerin werden will.

Was sagt Ihre Familie zu Ihrer Arbeit?

Ich habe 2016 mit diesen sehr politischen, gesellschaftskritischen Arbeiten begonnen. Es gibt eine Fotoarbeit von mir, wo man den nackten Unterkörper einer Frau sieht. Ich habe mich zunächst aus Respekt und Angst vor meiner Familie nicht getraut, dieses Bild in sozialen Medien zu posten, da ich wusste, dass sie es nicht verstehen würden. Dann habe ich vor einigen Jahren im Akademietheater ein Theaterstück über einen muslimischen Taxifahrer gesehen, dessen Tochter ein islamkritisches Buch schreibt und nicht wagt, ihm das zu sagen. Ich war sehr berührt davon, denn ich habe mich darin erkannt. Und ich hab’ mir gedacht: Ab jetzt keine halben Sachen mehr. Ich habe fast siebzehn Jahre gebraucht, um überhaupt so ein Foto zu machen – jetzt poste ich es also auch auf Facebook und Instagram. Eine Stunde später hatte ich wer weiß wie viele Anrufe in Abwesenheit aus dem familiären Umfeld.

War das eine Art familiäres Coming-out für Sie?

Ja. Aber Facebook und Instagram haben die Bilder ohnehin keine 24 Stunden später gelöscht. Auch dort gibt es Zensur wegen Nacktheit. Mit meiner Familie war dann einige Wochen Funkstille. Heute sind wir wieder versöhnt, aber wir sparen das Thema aus. Sie wissen nur zum Teil, was ich mache und sind bestimmt auch aus Angst um die Konsequenzen für mich, sollte ich jemals wieder in das Land reisen, nicht einverstanden. Aber wir sprechen nicht darüber.

Kennt man Sie als Künstlerin im Iran?

Nein, ich glaube nicht. Ich will etwas Sinnvolles machen, Bekanntheit ist zweitrangig. Und die Sorge um meine Familie ist natürlich immer im Hinterkopf.

Wann waren Sie das letzte Mal im Iran? Ich war das letzte Mal vor mehr als einem Jahr dort. Derzeit würde ich mich nicht hin trauen, weil die iranische Regierung oft Doppelstaatsbürger einsperren lässt und ihnen bewusst irgendetwas anhängt: Propaganda oder Ähnliches, um sie als internationale Druckmittel gegen Sanktionen zu verwenden.

Zu Ihrer aktuellen Ausstellung: Wie empfinden und gestalten Sie diesen doch sehr speziellen, fensterlosen Raum im Kunstforum, der tatsächlich ein ehemaliger Bank-Tresorraum ist?

Ich hatte gleich sehr viele Ideen. Ich wollte die Zuschauer einbinden und den Raum auch ein bisschen verändern. Unter anderem mit getrennten Ein- und Ausgängen für Frauen und Männer. Sie sollen selbst entscheiden, welchen sie nehmen. Ich wollte die Geschlechtertrennung dadurch erfahrbar machen.

Können Sie zum Titel der Schau, „Rebellion“, etwas sagen?

Die Tatsache, dass ich kritische Arbeiten mache, ist im iranischen Kontext an sich schon Rebellion. Aber es geht in der Ausstellung auch um die Konsequenzen von Rebellion. Ich zeige in meinen Malereien und Fotoarbeiten, wie man sich fühlt, wenn man in so einer Gesellschaft aufwächst. Das Bild mit dem Plastiksack auf dem Kopf aus der Serie „Breathe“ beschreibt das sehr gut. Und die Seile, die ich für meine Skulpturen verwende, werden im Iran für öffentliche Hinrichtungen benutzt. Für die meisten Iraner ist das die erste Assoziation, wenn sie ein Seil sehen.

Sie sprechen in Ihrer Kunst das Thema Zensur sehr bewusst an. Im heutigen KURIER zeigen Sie eine Collage, die sich diesem Thema widmet. Können Sie die erläutern?

Es geht in dieser Arbeit unter anderem darum, dass westliche Kunstgeschichte im Iran zensuriert wird. Außerdem will ich Aktivistinnen und Frauen aus Kunst und Kultur zeigen, die sich für Menschenrechte im Iran einsetzen und das Land verlassen mussten wie Shirin Ebadi, Menschenrechtsaktivistin und erste iranische Richterin. Sie erhielt 2003 als erste muslimische Frau den Friedensnobelpreis und lebt im Exil in Großbritannien. Oder die Journalistin Masih Alinejad, die Gehaltszettel von Mullahs veröffentlicht hat, um deren Doppelzüngigkeit zu zeigen: Sie behaupten das eine und tun das andere. Auch sie musste den Iran verlassen, lebt im Exil und ist weiterhin politische Aktivistin. Sie ist eine wirkliche Stimme für Menschen im Iran, die selbst keine Stimme haben. Sie schicken ihr Fotos und Videos, die sie dann veröffentlicht. Sie ist sehr aktiv und ein wirkliches Vorbild, denn obwohl man sie und ihre Familie unter Druck setzt, bleibt sie stark. Auch anhand von Biografien wie ihrer will ich darauf hinweisen, wie Frauen bewusst von der Gesellschaft zensuriert werden.

Wenn wir von Zensur sprechen, geht es nicht nur darum, dass ein Werk nicht erlaubt wird, sondern dass das gesamte Tun gleichsam ausradiert wird.

Ja. Menschen, vor allem Frauen werden mundtot und unsichtbar gemacht. Das Thema Unsichtbarmachung von Frauen hat stark mit Verhüllung zu tun.

Wie empfinden Sie dann eigentlich unsere Kopftuch-Debatten?

Ich bin gegen jeglichen Zwang. Wenn es erwachsene Frauen gibt, die sich verhüllen wollen, dann sollen sie. Aber Kinder darf man auf keinen Fall zwingen. Ein neunjähriges Mädchen macht so was nicht freiwillig. Ich musste das als Kind und ich weiß, wie sich das anfühlt. Außerdem erscheint mir der Grund, warum sich Frauen verhüllen sollen, reichlich unpassend für das 21. Jahrhundert: Es geht angeblich um die männliche Sexualität und um den Schutz der Frauen. Das ist nicht ganz zeitgemäß.

Und was empfinden Sie, wenn Sie in Österreich verhüllte Frauen sehen?

Eine Mischung aus Mitleid und Verwunderung: Warum machen sie das? Es ist eines der ersten Zeichen von Unterdrückung.

Sehen Sie eine Chance auf bessere Zeiten im Iran? Absehbar ist das zumindest nicht. In Ländern, in denen Politik und Religion eins sind, funktioniert Demokratie nicht. Unser größtes Problem sind die Mullahs, die Geistlichen, die an der Macht sind. Ihr Gesetz ist die Scharia. Eine Frau gilt nur halb so viel wie ein Mann, die Aussage einer Frau zählt nur halb so viel wie die eines Mannes. So lange sie an der Macht sind, glaube ich nicht, dass es einmal besser wird. Es herrscht ein Klima der Angst, und das bewusst von der Regierung geschürt. Ich bin ein selbstbewusster Mensch. Aber im Iran habe ich Angst.

Trotz allem: Haben Sie manchmal Heimweh nach dem Iran?

Ja, sehr. Das Thema ist für mich omnipräsent. Ich lebe seit 22 Jahren in Österreich. Die ersten Jahre war ich froh über den Abstand. Aber je älter ich werde, desto mehr vermisse ich das Land. Insbesondere im Sommer. Ich vermisse den Geruch der Straßen, den Staub, die Einfachheit. Der Iran erdet mich. Ich habe ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Iran. Ich fühle mich dort eingesperrt. Aber ich liebe dieses Land und vermisse es sehr.

Dieses Interview erschien in der von der Künstlerin Soli Kiani gestalteten KURIER-Ausgabe über Frauen-, Menschenrechte und Pressefreiheit. 

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