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Politik Ausland
11/29/2020

Eingeheiratet in den Machtzirkel: Ehrgeizige Schwiegersöhne

Orbán, Putin, Trump, Erdoğan. Am Familientisch mit Staatslenkern von Washington bis Ankara. Wie profitierten die Schwiegersöhne? Und wie hart wird das Leben nach der Macht?

von Konrad Kramar, Walter Friedl, Evelyn Peternel, Karoline Krause-Sandner

Die Märchenhochzeit mit der Prinzessin, das ist in vielen Märchen der Gebrüder Grimm von Dornröschen bis zum klugen Schneiderlein das schönste aller möglichen Enden. Heiratspolitik nach diesem Muster war – „du glückliches Österreich heirate“ – zumindest nominell das politische Motto der Habsburger. Doch wie steht es heute um jene jungen Männer, die in die Familie eines Staats- oder Regierungschefs eingeheiratet haben? Und wie geht es ihnen, wenn der Herr Schwiegerpapa seinen Amtssitz räumen muss? So wie etwa demnächst Donald Trump das Weiße Haus.

Der KURIER hat sich die Schwiegersöhne einiger der mächtigsten Staatschefs angesehen. Bettelarm wie viele ihrer Schicksalsgenossen im Märchen waren sie alle nicht. Ob es nun um Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner geht, oder um den Ehemann von Putins Tochter, Kirill Schamalow, meist stammen sie aus guten, oder zumindest vermögendem Haus. Jared Kushner etwa regiert anders als sein Schwiegervater, der ja viele Konkurse durchgestanden hat, ein ausgesprochen lukratives Immobilienimperium. Ganz gesetzestreu aber waren auch die Geschäftspraktiken der Kushners nicht immer.

Profitiert aber haben die Herren allesamt von ihrer Ehe mit den höheren Töchtern. Besonders großzügig bedacht wurde etwa Viktor Orbáns Schwiegersohn, dem der ungarische Regierungschef großzügig Aufträge zuschanzen und sich dabei auch von internationaler Kritik in den Medien wegen Vetternwirtschaft nicht abhalten ließ. Ähnlich freigiebig war auch Russlands Präsident Wladimir Putin gegenüber seinem Schwiegersohn. Als der allerdings der Tochter untreu wurde und die beiden zuletzt geschieden wurden, war es mit der Großmut vorbei. Viele der stattlichen Beteiligungen an staatsnahen russischen Unternehmen lösten sich offensichtlich sehr bald danach in Luft auf. Kirill kann sich aber trotzdem noch getrost zu Russlands Reichen zählen. Jared Kushner und seine Ivanka müssen sich ebenfalls keine Sorgen machen. Für ihren Jetset-Lebensstil brauchen die beiden jedenfalls kein Geld vom Schwiegervater.

Jared Kushner: Immobilienimperium mit nicht ganz  sauberer Buchhaltung

 Eine Sorge muss man sich um Donald Trumps Schwiegersohn auf keinen Fall machen: Dass ihm und seiner Ehefrau Ivanka das Geld ausgeht. Der 39-Jährige führt seit Jahren das familiäre Immobilienimperium. Was in den 1990ern mit billigen Familienwohnungen in New Jersey begann, ist heute ein vor allem Mittelwesten expandierendes Milliardenunternehmen. Den guten Ruf der über Jahrzehnte bestens politisch und gesellschaftlich vernetzten Familie hat allerdings schon Vater Charles verspielt. Der verstrickte sich 2003 in einen handfesten Skandal rund um Steuerhinterziehung, illegale Parteispenden und eine Prostituierte, die er seinem Schwager zuführte, um ihn dann mit anstößigen Aufnahmen zu erpressen. Charles Kushner musste für mehr als ein Jahr ins Gefängnis. Der Status der orthodox-jüdischen Familie war dahin. Bis dahin waren die Kushners, die aus Weißrussland stammen und dem Holocaust  entkommen konnten, hoch angesehene Mitglieder der jüdischen Aristokratie New Yorks gewesen.  Von da an hatte man allerdings – ganz ähnlich wie auch die Trumps –  ein Imageproblem. „Der Status der Kushners in  der New Yorker Society hat sich mit dieser Affäre in Luft aufgelöst“, schrieb ein Gesellschaftskolumnist der New York Times. 
Den geschäftstüchtigen Jared konnte das allerdings nicht bremsen. Der machte mit 26 seinen ersten Wolkenkratzer-Milliardendeal in New York und hat das Familienunternehmen seither konsequent ausgebaut. Inzwischen werden Ivanka und Jared auch schon bei den Milliardären eingereiht. Entsprechend opulent ist auch ihr Lebensstil. Die Villa in Washington, die man gerade verlässt, kostete immerhin 15.000 Dollar pro Monat. Demnächst zieht man ins Landhaus in New Jersey. Das wird gerade ausgebaut – mit Helikopter-Landeplatz.

Berat Albayrak: „Der schlechteste Finanzminister, der mir je unterkam“

An dem Tag, an dem er abtrat (offiziell aus Gesundheitsgründen), hatte die türkische Lira ihren besten Handelstag seit zwei Jahren. Das sagt alles über die Kompetenz von  Berat Albayrak, der seit 2018 als Finanzminister den freien Fall der Landeswährung und parallel dazu ein ökonomisches Desaster zu verantworten hatte. Anfang November reichte es dem türkischen Präsidenten   Recep Tayyip Erdoğan: Er nahm, wie es diplomatisch hieß,  die Demission des   Ministers an – die seines Schwiegersohns. 
„Er   verstand es einfach nicht, war zu jung und  zu unfähig“, so der türkische Politologe Hüseyin Bağci über den heute 42-Jährigen, der seit 2004 mit der Erdoğan-Tochter Esra verheiratet ist und für manche Beobachter  als „Kronprinz“ galt.  Nicht so für Bağci, der den früheren Energieminister (2015–2018) als „zynisch und arrogant“ beschreibt. Deshalb sei er in der Bevölkerung auch gar nicht gut angekommen: „Wir beten, dass er für immer weg ist.“ 
Tatsächlich soll Albayrak im türkischen Machtgefüge mit dem Rückhalt seiner familiären Bande selbst AKP-Partei- und Ministerkollegen gegenüber äußerst autoritär aufgetreten sein und sie verächtlich und herablassend behandelt haben. „Er ist eine sehr komplizierte Person“, sagte ein mächtiger Business-Vertreter  mit engen Beziehungen zu  Erdoğan der Financial Times, „er glaubte, alles zu wissen. Das war die Hybris, die zu seinem Fall führte.“
Auch ein ausländischer Investor, der Albayrak   in dessen   Funktion als „Säckelwart“ getroffen hatte, ließ kein gutes Haar an ihm: „Er ist der schlechteste Finanzminister, der mir  je  untergekommen ist.“
Jetzt ist Erdoğans Schwiegersohn politische Geschichte – am Hungertuch wird er nicht nagen müssen: Als früherer Chef eines der größten türkischen Konzerne hat er Millionen gescheffelt. 

Kirill Schamalow: Von Putin zum Milliardär gemacht – und wieder entmachtet

 Wladimir Putins Familie gilt als Staatsgeheimnis. Darum war die Hochzeit seiner jüngeren Tochter Katerina Tichonowa auch nur einem erlauchten Kreis zugänglich: Als die Kutsche mit  ihr und  Bräutigam Kirill Schamalow 2013 nahe Petersburg vorfuhr, wurden die Gäste hochoffiziell zum Schweigen verpflichtet.

Schweigsam war Putins Schwiegersohn auch, wenn es um die Herkunft seines Vermögens ging. Der 38-Jährige stammt zwar aus betuchtem Hause – er ist der Sohn von Putins Intimus und Rossija-Bank-Teileigentümer Nikolaj Schamalow –, doch das erklärt nicht, warum ihm kurz vor der Trauung  einfach mal so 4,3 Prozent  des Petrochemie-Riesen Sibur überschrieben wurden.  Zeitgleich stieg der damals erst  31-Jährige zum CEO von Russlands größtem Petrochemie-Konzern auf. Zwei Jahre später sicherte er sich mit einem 2,2 Milliarden-Dollar-Kredit weitere 17 Prozent des Giganten – das Geld kam von der Gazprombank, in der netterweise sein Bruder Vize-Vorsitzender ist. 

Branchendienste wie Bloomberg mutmaßen, dass es sich bei all dem um Hochzeitsgeschenke Putins  gehandelt haben dürfte. Ein Indiz dafür ist, dass Schamalow im Jahr 2018 die 17 Prozent an der Sibur wieder verkaufte (oder verkaufen musste) – als Nullsummenspiel für ihn. Kurz zuvor waren Gerüchte aufgekommen, dass Russlands jüngster Milliardär (das war er zu dem Zeitpunkt ) ein Verhältnis mit dem It-Girl Žanna Wolkowa haben soll; Bilder der beiden kursierten im Netz. Die  Trennung von Putins Tochter folgte  prompt – ebenso wie die Trennung von großen Teilen seines Vermögens.

Ins Bodenlose ist Schamalow dennoch nicht gefallen. Zwar findet er sich nicht mehr auf der  Forbes-Liste der Milliardäre, aber  er wird immer noch auf 950 Millionen Dollar geschätzt.

István Tiborcz: Vom Bräutigam zum Top-Unternehmer mit Auftragsgarantie

Es erinnerte fast an eine „Royal Wedding“, als Viktor Orbáns älteste Tochter Ráhel im September 2013 István Tiborcz zum Mann nahm. Die Tochter des Ministerpräsidenten heiratete den jungen, feschen und erfolgreichen Unternehmer in einer schillernden Zeremonie. Die Boulevardblätter waren mit Fotos und Storys versorgt, die Straße und die Kirche, die man auf den Fotos sehen würde, kurzerhand mit öffentlichen Geldern renoviert und verschönert worden. „Überall, wo Ráhel ihren Fuß hinsetzt, wird das Land schöner“, formulierte es das kritische Portal index.hu. 

 Machte Ráhel auch das Leben ihres Partners  zu Gold? Die Beleuchtungsfirma Elios Innovatív Ltd. von Tiborcz und Kollegen war gerade ein paar Monate als, als sie den Auftrag gewann, die kleine (Fidesz-geleitete) Stadt Hódmezövásárhely mit neuen LED-Straßenlaternen zu erleuchten – finanziert von der EU. Zufällig schien die Ausschreibung wie für Elios zugeschneidert. Der Mitbewerber sah alt aus gegen das unerfahrene junge  Unternehmen. Und verlor. 

Das Projekt in Hódmezövásárhely  öffnete die Türen für etliche weitere hoch dotierte Aufträge. Nachdem Tiborcz umgerechnet zehn Millionen Euro aus dem Laternengeschäft lukriert hat, verkaufte er seine Anteile an Elios. Er wolle mit den Anfeindungen wegen der öffentlichen Gelder nichts mehr zu tun haben, schrieben regierungsnahe Zeitungen.  

Heute ist der 34-Jährige  Mehrheitseigentümer der Immobilien Investment Firma BDPST Zrt. und zählt zu den 30 einflussreichsten Persönlichkeiten Ungarns, sein Vermögen wird auf über 100 Millionen Euro geschätzt. Immer noch taucht sein Name in kritischen Berichten auf, sei es rund um Luxusimmobilien oder Tourismusprojekte am Plattensee.
 

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