© APA/AFP/RONALDO SCHEMIDT

Politik Ausland
01/15/2021

Die härtesten Lockdowns der Welt

Der Lockdown wurde rasch für viele Länder zum Mittel der Wahl gegen das Coronavirus – doch war er nicht immer ein Erfolgsgarant. Ein Überblick über rigide Maßnahmen, Desaster und Siege.

von Armin Arbeiter

Weltweit arbeiten Impfstoffproduzenten auf Hochtouren, die Hoffnung, auf diesem Weg das verheerende Coronavirus zu bezwingen, steigt. Doch im Augenblick muss sich die Welt gedulden. In Europa steigen die Infektionszahlen an, die englische Mutation des Virus vergrößert die Angst vor weiteren oder verlängerten Lockdowns.

Wer allerdings glaubt, Europa habe die härtesten Maßnahmen ergriffen, irrt.

Argentinien: Der längste Lockdown

233 Tage. So lange dauerte der Lockdown in Buenos Aires an. Zum Vergleich: In Österreich halten wir bei 150 Tagen, allerdings mit dem "Lockdown light". Vom 20. März bis zum 8. November galten in der argentinischen Hauptstadt strenge Regeln, die die Regierung erst nach massiven Protesten lockerte. Bereits im Sommer hatten sich immer weniger Bürger an die Ausgangsbeschränkungen gehalten, die Infektionszahlen schossen hoch. Argentinien überholte in der Sieben-Tages-Inzidenz sogar Brasilien, das vergleichsweise laxe Maßnahmen ergriffen hatte.

In der Hauptstadt gelten seit Ende November erneut schärfere Regeln: Nach einem erneuten heftigen Anstieg der Infektionen verhängte die Stadt Anfang des Jahres etwa ein Fahrverbot in der Nacht.

Volle Härte auf den Philippinen

Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte ist für seinen gnadenlosen Kampf gegen die Drogenkriminalität bekannt, Tausende sollen widerrechtlich erschossen worden sein.      

Diese Rhetorik pflegte Duterte auch im Kampf gegen Corona: "Meine Befehle an Polizei und Militär sind: Wenn es Ärger gibt oder sie sich widersetzen, Euch bedrohen: Schießt sie tot. Meine Soldaten werden nicht zögern, zu schießen. Und sie werden nicht zögern, Euch festzunehmen. Und wenn Ihr eingesperrt seid, werde ich es Euch selbst überlassen, Essen zu finden", drohte der Präsident denjenigen, die sich nicht an die harten Lockdown-Maßnahmen halten wollten.

Von März bis Juni galt in der Hauptstadt Manila ein totaler Lockdown, der nach wenigen Wochen wieder verhängt wurde. Tausende, die gegen die Auflagen verstießen, landeten in Gefängnissen, die längst überfüllt sind, einige – darunter ein Betrunkener – wurden tatsächlich bei Kontrollen erschossen.

Die vielen Monate in den eigenen vier Wänden bescheren den Philippinen einen Babyboom: Mehr als 200.000 Geburten werden für 2021 zusätzlich zu den durchschnittlich 1,7 Millionen jährlich erwartet.

Australiens erfolgreiche Strategie

Eine Infektion genügte, um in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Brisbane einen dreitätigen Lockdown auszurufen. Australien agiert mit voller Härte, aber erfolgreich: Bisher haben sich weniger als 30.000 Menschen infiziert, im Herbst vergingen ganze Monate ohne lokale Infektionen. Der Preis dafür sind lange und konsequente Ausgangsbeschränkungen, wie etwa in Melbourne. 112 Tage mussten die Bürger Zuhause bleiben, "We beat the bastard", skandierten Fußballfans, als sie zurück ,in die Stadien durften.

Das Beispiel Brisbane, das seinen kurzen Lockdown am Montag beendete, zeigt, dass „der Bastard“ noch nicht besiegt ist, dennoch kommt Australien vergleichsweise ungeschoren durch die Pandemie.

China, der Weltmeister

Tausende Feiernde im Pool, ein DJ am Beckenrand: Die Fotos der Corona-Siegesparty in Wuhan gingen um die Welt, Peking brüstete sich mit dem Erfolg der harten Maßnahmen gegen das Virus. Mittlerweile muss es diese wieder umsetzen: 23 Millionen Chinesen in der Region um die Hauptstadt dürfen keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Zuletzt wurden laut offiziellen Zahlen rund 500 Infektionen in der Provinz Hebei nachgewiesen – es sind die höchsten Zahlen seit Juli.

Allerdings gibt es immer wieder Zweifel an der Richtigkeit der von Peking veröffentlichten Daten. Dennoch hat sich die Volksrepublik so gut erholt, dass sie die USA voraussichtlich im Jahr 2028 als größte Volkswirtschaft der Welt überholen dürfte.

Europa im Lockdown

Nach wie vor hat die zweite Welle Europa fest im Griff, in vielen Ländern gelten harte Lockdowns, die noch für einige Wochen bleiben dürften. In Portugal gelten etwa ab heute, Freitag, scharfe Ausgangsbeschränkungen: Die Bürger dürfen für einen Monat nur noch aus dringendem Anlass wie etwa zum Einkaufen, zur Arbeit oder für Arztbesuche vor die Türe gehen.

Die Niederlande verlängerten ihren seit Mitte Dezember geltenden Lockdown bis zum 9. Februar, Dänemark bis zum 7., ebenso das deutsche Bundesland Sachsen. Mit Blick auf die Ausbreitung der hochansteckenden Virusmutation wird in der Bundesrepublik derzeit sogar über eine Verlängerung und Verschärfung diskutiert, berichten deutsche Medien. Darüber will Bundeskanzlerin Angela Merkel demnächst mit den Ministerpräsidenten der Länder sprechen. Dabei solle auch über eine mögliche Einstellung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs beraten werden. Entschieden sei eine solche Maßnahme aber nicht. Derzeit hält Deutschland bei insgesamt 102 Lockdown-Tagen.

Trauriger europäischer "Spitzenreiter" ist England mit 172 Tagen harter Maßnahmen. Irland, vor kurzem noch Corona-Musterschüler, versinkt derzeit im Corona-Chaos. Ein dritter Lockdown könnte auch in Frankreich kommen – die Zahl an Neuinfektionen sind zwar nicht so hoch wie im Herbst, aber die Impfkampagne läuft schleppend an, die Angst vor der Virusmutation ist groß. Ab diesem Samstag gilt zunächst eine Ausgangssperre ab 18 Uhr. Auch die Schweiz verschärft ihre Maßnahmen deutlich: Ab Montag bleiben alle Geschäfte geschlossen, die keine Güter des täglichen Bedarfs verkaufen.

Kalifornien: Mehr als 500 Tote am Tag

Fast täglich vermelden die USA traurige Rekorde an Infektionen und Corona-Toten. Kalifornien ist einer der Bundesstaaten, die das Virus am härtesten getroffen hat. Seit Mitte Dezember gelten wieder strikte Ausgangsbeschränkungen, doch die Infektionen und vor allem die Todeszahlen steigen – und bringen das Gesundheitssystem an den Rand des Kollapses. Rettungskräfte im Bezirk Los Angeles sind angewiesen, Patienten mit geringer Überlebenschance nicht mehr in Kliniken zu bringen, am Mittwoch starben 520. "Das Schlimmste liegt fast sicher noch vor uns", sagte die Chefin des Gesundheitsamtes, Christina Ghaly. Die Behörden hoffen auf die Impfung – bisher haben knapp 900.000 Kalifornier den Impfstoff erhalten.

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