Kolumnen | Paaradox
21.05.2017

Was ihr wollt

Geschmackssache. Leben und leben lassen ist in der Ehe ein Prinzip voller Tücken.

Sie

Man muss sich das so vorstellen: Als mir der Mann nebenan erstmals auffiel, hatte er Krücken. Auf die Frage, was ihm widerfahren sei, warf er sich in Positur und sprach mit diesem Ich-bin-ein-Held-und-ich-lass-das-raus-Blick: Beim Kicken. War a harte Partie. Für ihn galt: hinfallen, aufstehen, Bierkrönchen richten. Das sagt viel über seine spezielle Beziehung zum Fußballsport. Heute, Jahre später, hat sich an dieser Leidenschaft nichts geändert.

Nur heißt es jetzt: „Hinsetzen, aufdrehen, Bierkrönchen vernichten.“ Des Kickers Hingabe ans Leder ist im Herbst des Lebens angekommen. Dabei würde er doch so gerne spielen.

Die Menge tobt – oder doch nicht?

Hie und da vibriert sein Quadrizeps noch, dann tänzelt er in der Wohnung herum und verliert sich im Messi-Flow. Für wenige Sekunden wähnt er sich im Camp Nou. Die Menge tobt. Alle rufen: Hufi! Hufi! Schließlich öffnet er die Augen, merkt, dass er ein Loch im Socken hat und schaut traurig.

Als Großmeisterin des Mann-nebenan-Coachings sage ich daher seit Jahren: „Mach doch einen anderen Sport. Laufen. Rudern. Radfahren.“ Und zur Motivation füge ich einen lässigen Spruch hinzu, etwa: Radfahren kommt dem Flug der Vögel am nächsten. Da schaut er nur entgeistert und sagt: „Aber das ist alles furchtbar fad.“ Nein, der Bub spielt nicht gerne alleine. Er braucht immer einen anderen Buben, mit dem er irgendwas um die Wette machen kann. Einen Gegner, den er niederfetzen ( Tennis), austricksen (Golf), zerlegen (Badminton) oder schlicht davon überzeugen kann, dass er der Champion von allem ist. Wohl darum hängt bei uns folgender Spruch am Klo: Es ist nicht alles Gott, was glänzt.

Nächste Paaradox-Auftritte: 2. 7. Sommerzaubern in Leobersdorf, 23. 7. Wien (Summerstage), 17. 8. Linz ( Rosengarten)

Twitter: @GabrieleKuhn

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Er

Wenn meine Frau zu mir sagt, dass sie von einem Beuschel keinen Bissen runterbringt, so antworte ich, dass ich das gut verstehe, weil ja Geschmäcker verschieden sind. Wenn ich zu meiner Frau sage, dass ich Zucchini verachte, so antwortet sie: „Verstehe ich nicht, die sind doch so gut.“ Daher jubelt sie mir das Zeug mit Vorliebe in missionarischem Eifer ins Essen und rechtfertigt das mit einem „Sei nicht hysterisch, das schmeckst ja eh nicht heraus.“ Warum es dann überhaupt drin sein muss, konnte sie mir aber nie schlüssig erklären. Stattdessen lebt sie in der Hoffnung, ich könnte doch noch zum leidenschaftlichen Zucchinisten werden und lässt sich auf dem Weg der Bekehrung nicht davon irritieren, dass ich seit Jahren die Gartenkürbissschnipsel akribisch an den Tellerrand verräume.

Faszination

Das nur als Beispiel. Denn das Überzeugungsmuster von gnä Kuhn zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Ehe.
In diesem Sinne kann ich 99-mal sagen, dass ich nicht gerne mit bloßen Hände in der Erde wühle, nicht gerne fünf Bücher gleichzeitig lese, nicht gerne auf einer Matte Turnübungen mache. 99-mal, dass ich nicht gerne Jazzmusik höre, nicht gerne Liebeskomödien sehe und nicht gerne ständig in mich hineinfühle. Sie wird trotzdem 100-mal sagen: „Was ist daran so schrecklich, mir gefällt’s doch auch?“ Und wehe, ich führe aus, warum mich die Faszination des Radfahrens oder Eislaufens, Tauchens oder Surfens niemals packen wird. Dann verdreht sie die Augen und sagt: „Eh, man kann sich alles einreden.“ Könnte sein. Daher werde ich die Liebste möglicherweise demnächst mit einem feinen Beuschel überraschen.

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“, nächste Termine: 23. 6. Wien (Studio Akzent).

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