Heute erinnere ich mich daran, dass ich selbst ein Flüchtling war

AFGHANISTAN-CONFLICT-DISPLACED
Heute muss mich ein Radiosender daran erinnern, dass ich auch mal ein Flüchtling war. Ich vergesse es oft. Weil ich verwöhnt bin?
Mirad Odobašić

Mirad Odobašić

Jeden 31. Mai bekomme ich dieselbe Whatsapp: "Hey, Brudi, heute vor xy Jahren haben wir uns auf den Weg gemacht". Der Absender ist meine Schwester, die mich jährlich an den Tag erinnert, an dem unser neues Leben begann. 

Am 31. Mai 1992 nahm mich meine damals 16-jährige Schwester an die Hand und stieg in den Bus, der Richtung Rijeka fuhr. In der anderen Hand hielt ich einen Rucksack mit einer spärlichen Jause darin - mehr gab es in den Supermärkten nicht zu kaufen. Die leeren Regale waren ein Vorbote des blutigen Krieges, der nur wenige Tage später in meiner bosnischen Heimat entfacht werden sollte.  

"Ihr fahrt mal für ein paar Wochen zu eurem Onkel ans Meer", hatten uns die Eltern zuvor erklärt. Sie konnten nicht ahnen, dass sich diese "paar Wochen" in meinem Fall zu sechs Jahren strecken würden. Meine Schwester sollte gar nicht mehr heimkehren: Nach sieben Jahren in Deutschland wanderte sie nach Australien aus.

Heute sind wir beide Touristen - sie mit australischem, ich mit österreichischem Reisepass in der Tasche - in unserer Heimatstadt, in der wir außer unserer Mutter keine Verwandtschaft mehr haben. 

➤ Mehr dazu: Ehemalige Flüchtlinge erzählen: "Sie werden hierbleiben, wie wir"

Erinnerung durchs Radio

Heute, am 20. Juni, musste mich FM4 daran erinnern, dass wieder Weltflüchtlingstag ist. Dieser lässt jährlich Erinnerungen hochkommen. Erinnerungen, die man verdrängt haben möchte. Bilder von Dutzende Meter langen Schlangen, in denen ich als 11-Jähriger stand und auf eine Ration Brot wartete.

Bilder von der 20-stündigen Busfahrt, Barrikaden und Soldaten mit Gewehren, die den mit Frauen und weinenden Kleinkindern Bus nach versteckten Männern durchsuchen. Bilder von Flüchtlingsheimen in Deutschland, Gesichtern von Frauen, die ohne Hab und Gut flüchten mussten und ihre Männer hinterließen. 

Warum vergesse ich inzwischen, dass ich einst ein Flüchtling war? Vermutlich weil es mir gut geht. Wurde ich vom Wohlstand dazu verleitet? Ich weiß es nicht.

Was ich heute allerdings sehr wohl weiß: Niemand kann sich auf eine Reise vorbereiten, die sechs Jahre lang dauert. Nicht mal ein Astronaut! Und: Niemand verlässt sein Zuhause (ganz) freiwillig. Nicht ...

Sind wir nicht alle irgendwo Flüchtlinge?

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