Stoffbeutel gelten als nachhaltige Alternative zu Plastiksackerln: Aber auch die Baumwolltaschen haben Schönheitsfehler bei der Ökobilanz.

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Leben
06/11/2019

Ökobilanz: Warum das Plastiksackerl gar nicht so böse ist

Stoff, Papier – oder doch Plastik? Welche Tragetaschen am umweltfreundlichsten sind.

von Marlene Patsalidis

Heimische Supermärkte rüsten sich für das Plastiksackerlverbot, das 2020 in Kraft treten soll – und verbannen Kunststofftragetaschen aus dem Sortiment. Ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wie umweltfreundlich sind die angebotenen Alternativen aus Papier, Stoff oder Maisstärke eigentlich?

Was kann Plastik?

Polyethylen ist der weltweit am häufigsten hergestellte und verwendete Kunststoff. Auch die meisten Plastiksackerl werden daraus gefertigt. Entsprechend groß ist sein Beitrag an der globalen Plastikverschmutzung.

Polyethylen hat durchaus Vorteile, sagt Bernhard Wohner von der FH Wien für Verpackungstechnologie und Ressourcenmanagement. "In der Produktion braucht man vergleichsweise wenig Material, für Unternehmen ist die Herstellung also günstig – der Kunde profitiert davon, dass die Sackerl leicht und reißfest sind."

Das Problem beginnt beim Recycling: "Theoretisch könnte man diese Sackerl sehr gut recyceln. In vielen Haushalten fehlt aber die Möglichkeit, sie getrennt zu sammeln." Im gewerblichen Bereich werden große Folien aus Polyethylen sehr wohl sortiert und wiederaufbereitet. Das sollte auch beim Haushaltsmüll das Ziel sein, "weil man diese dann in den Ressourcenkreislauf zurückführt".

Was wird wie abgebaut?

Neben normalen Plastikbeuteln sind am Markt auch solche aus biologisch abbaubarem Plastik erhältlich. Wer glaubt, diese am Kompost im Garten entsorgen zu können, irrt. "Im Normalfall sind solche Sackerl nicht heimkompostierbar. Das bedeutet, dass sie nur biologisch abbaubar sind, wenn sie in einer industriellen Kompostieranlage landen." Durch die höhere Temperatur baut sich das Material dort schneller ab.

Im Moment, erklärt Wohner, bringt es auch nichts, solche Sackerl in eine Biomüllsammlung zu geben, "weil sie in der Kompostieranlage aus dem Abfallstrom aussortiert und erst recht wieder verbrannt werden".

Der Grund: Die Maschine weiß nicht, ob es sich um Material handelt, das sich biologisch abbaut oder nicht. Und nimmt automatisch an, dass der Konsument das normale Plastiksackerl fälschlicherweise im Biomüll entsorgt hat. Der Vorteil der biologischen Abbauarbeit geht somit verloren.

Will man Polyethylen und biologisch abbaubares Plastik in Bezug auf die Ökobilanz (sie gibt Aufschluss darüber, wie sehr ein Produkt die Umwelt belastet) vergleichen, gilt es eine Unterscheidung zu treffen: Ob das biologisch abbaubare Sackerl auch biobasiert ist oder auf Basis von Erdöl hergestellt wurde. Letzteren werden Zusätze beigefügt, damit sie sich zersetzen. Von deren Verwendung rät Wohnen ab, "weil dadurch Mikroplastik entsteht".

Bei biobasierten abbaubaren Plastiksackerln hängt die Zeit, die es benötigt, um sich vollständig abzubauen, von Material und Temperatur ab. "Laut EU-Norm gilt ein Werkstoff als biologisch abbaubar, wenn er sich in einer Kompostieranlage nach drei Monaten zu 90 Prozent zersetzt. Auch wenn ein Sackerl in solch einer Anlage nicht aussortiert wird, ist diese Abbauzeit für viele Anlagen derzeit zu lange." Von der Ökobilanz her gebe es zudem keinen Vorteil. "Biologisch basierte Kunststoffe haben meistens einen höheren Rucksack in der Produktion." Fällt der Vorteil der biologischen Abbauarbeit weg, spricht nichts mehr dafür.

Hat man also die Wahl, zwischen biologisch abbaubaren und biologisch nicht abbaubaren Sackerln, "würde ich das herkömmliche nehmen – oder lieber zu langlebigeren Alternativen wie Stoffsackerln greifen".

Was bringt Stoff?

Stichwort Stoffsackerl: Statt Plastiksackerln nutzen viele Supermarktkunden mittlerweile langlebige Baumwollbeutel. In jüngster Vergangenheit haben Studien die Umweltfreundlichkeit dieser in Zweifel gezogen. Für die Produktion würden Unmengen an Wasser verbraucht; die Produkte müssten sehr oft verwendet werden, damit sie ökologisch mit Plastiksackerln mithalten können. Stimmt, sagt Experte Wohner: "Je nach Studie muss man ein Stoffsackerl bis zu 80 Mal benutzen, damit es so gut ist wie eines aus Recycling-Kunststoff." Das sei machbar, jeden Monat einen neuen Beutel anzuschaffen allerdings "nicht drinnen". Das beste Sackerl sei ohnehin das, "das man schon hat".

Wie öko ist Papier?

Wer erst an der Supermarktkassa merkt, dass er dieses daheim vergessen hat, greift aus schlechtem Gewissen vielleicht lieber zu Papier.

Unterm Strich hat ein Papiersackerl oft die schlechtere Ökobilanz, auch wenn es sehr gut recycelbar ist – vorausgesetzt man gibt es zum Altpapier. Das liegt daran, dass Papier in der Produktion energieintensiv ist, Erdöl verwendet wird und man vom Papier mehr Material braucht, um die gleiche Reißfestigkeit zu haben, wie bei Kunststoff. "Es gibt Studien, die sagen, dass Papier im Vergleich zu Recycling-Kunststoff fast sieben Mal so ressourcenintensiv ist", sagt Wohner.

Dass Papier sich in der Natur schnell abbaut und dabei weniger Giftstoffe frei werden, ist in Österreich eher unwesentlich: "Ein umweltbewusster Kunde würde das Sackerl so oder so richtig entsorgen. Wenn das passiert, kann man davon ausgehen, dass es nicht in der Natur landet. Insofern haben wir in Österreich dieses Problem nicht. In Ländern, die am Meer liegen, ist das ein anderes Thema."

Ist bio besser?

Und dann gibt es noch Sackerln auf Basis von Maisstärke und Zuckerrohr. "Die Ökobilanz solcher Materialien ist eher negativ zu beurteilen, weil in der Produktion auch Erdöl als Energiequelle verwendet wird." Der Anbau solcher Rohstoffe sei auch nicht ohne. Man braucht große Mengen an Land, Düngemittel, Pestizide – eventuell wird sogar Regenwald für den Anbau geopfert. Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle, etwa in Ländern mit geringem Lohnniveau. Ganz zu schweigen vom Transport, der etwa beim Zuckerrohr, das aus Brasilien kommt, Emissionen verursacht.

Das Fazit in der Sackerl-Debatte? Vorausschauendes und bewusstes Handeln lohnen sich. Korb, Rucksack oder bereits im Haushalt verfügbare Stoffsackerl sind immer die bessere Wahl. Denn: "Der Verzicht auf den Einkauf eines Sackerls hat die beste Ökobilanz."