Halten Stoffbeutel als Alternative zu Plastiksackerl ihr Öko-Versprechen?

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Leben
01/13/2019

Öko-Schmäh? So nachhaltig sind Stoffsackerl, Mandelmilch und Co.

Ist Mandelmilch der beste Kuhmilchersatz? Hält das Stoffsackerl, was es verspricht? Der Faktencheck.

Das Umweltbewusstsein der Bevölkerung steigt, Nachhaltigkeit boomt: Für viele Produkte gibt es mittlerweile ökologisch wertvollere Alternativen. Das macht sich auch die EU zunutze, um beim Plastikmüll durchzugreifen: Einwegprodukte aus Plastik, für die es umweltfreundlichen Ersatz gibt, werden ab 2021 vom Markt verschwinden. Das Verbot soll sukzessive auf andere Produktkategorien ausgeweitet werden.

Durch die steigende Nachfrage hat sich ein eigener Markt für Nachhaltigkeit entwickelt. Etablierte Unternehmen setzen verstärkt auf ökologische Produktion, Start-ups werben mit Produktinnovationen um umweltbewusste Kunden. "Unternehmen haben erkannt, dass sie mit veränderten Produktionsweisen bei Energie und Ressourcen sparen können. Und sie wissen, dass sie mit nachhaltigen Produkten neue Käuferschichten ansprechen können", erklärt Bernhard Wohner von der FH Wien für Verpackungstechnologie und Ressourcenmanagement.

Den Konsumenten bringt das in eine neue Situation: "Ihm steht eine immer größer werdende Auswahl an nachhaltigen Produkten zur Verfügung." Wie stark diese angenommen wird, hänge in erster Linie von Produktkategorie und Preis ab. In vielen Bereichen sei es aber gelungen, den Preisabstand zwischen nachhaltigen und weniger nachhaltigen Waren zu verringern und erstere damit attraktiver zu machen.

Doch nicht überall, wo „öko“ draufsteht, ist Nachhaltigkeit drinnen. "Zu bestimmen, wie umweltfreundlich ein Produkt ist, ist ein komplexer Vorgang. Am Ende gibt nur die Ökobilanz Aufschluss darüber, wie sehr es die Umwelt belastet." Nicht zuletzt hänge es auch vom Konsumenten ab, wie dieser mit langlebigen Produktalternativen umgeht. "Nachhaltig zu leben heißt auch, den Konsum zu überdenken und Neuanschaffungen bewusst zu tätigen."

Lesen Sie im Folgenden, wie es in puncto Nachhaltigkeit um Stoffbeutel, Pflanzenmilch und Co. bestellt ist.

Lebensmittel: Lunchbox schlägt Alufolie?

Im Supermarkt stellt sich so mancher immer öfter die Frage, welchen Schaden man der Umwelt mit dem Kauf verpackter Nahrungsmittel zufügt. Auch übrig gebliebene Speisen oder überschüssige Kochzutaten wickeln viele nur mehr mit schlechtem Gewissen in Alu- oder Frischhaltefolie ein. Zu Recht?

"Grundsätzlich spielt die Verpackung eines Lebensmittels, im Vergleich zum Lebensmittel selbst, ökologisch eine untergeordnete Rolle", erklärt Nachhaltigkeitsexperte Wohner. Die Verpackung sei für fünf bis zehn Prozent der Umweltwirkungen eines Nahrungsmittels verantwortlich. "Wenn die Verpackung dabei hilft, das Lebensmittel zu schützen, und hier sind wir auch beim Thema Alu- und Frischhaltefolie, dann ist sie wichtig und auf jeden Fall vertretbar. Das Lebensmittel hat immer Vorrang."

Zero-Waste-Läden, in denen Kunden Lebensmittel unverpackt kaufen oder in mitgebrachte Behälter abfüllen können, begrüßt Wohner dennoch: "Hier kann man genauso viel kaufen, wie man braucht. Diese Möglichkeit gibt es in normalen Supermärkten oft nicht. Ist die verpackte Menge zu groß, fördert das wiederum Lebensmittelabfall." Wer Nahrung auch nachhaltiger lagern möchte, kann zu wiederverwendbarem Wachspapier oder Edelstahl-Behältern greifen.

Apropos Nahrungsmittel: Um die Ernährung nachhaltiger zu gestalten, sollte man "saisonal, regional und bevorzugt Bio-Produkte einkaufen", erklärt Michaela Knieli von der Umweltberatung. Wichtig sei auch, weniger verarbeitete Lebensmittel zu erwerben und stattdessen selbst und mit frischen Zutaten zu kochen.

Wer seinen Fleischkonsum zudem etwas einschränkt, tut der Ernährungswissenschafterin zufolge noch mehr für die Umwelt– und profitiert auch gesundheitlich. Geht mit dem teilweisen Verzicht auf Fleisch ein erhöhter Konsum von Fisch einher, ist laut Knieli Vorsicht geboten: "Mit guten Gewissen kann man zum Beispiel Karpfen und Fische aus heimischer Zucht genießen." Welche Arten darüber hinaus in puncto Nachhaltigkeit vertretbar seien, hänge von der jeweiligen Fangmethode und dem Fanggebiet ab. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man vor dem Fischkauf die Fischführer von Greenpeace und WWF beachten.

Strohhalme: Lieber aus Stahl schlürfen?

Ob aus Edelstahl, Glas, Bambus oder Bio-Roggen: Nachhaltige Strohhalme scheinen die Innovation der Stunde zu sein. Nicht ohne Grund, immerhin handelt es sich bei den Plastikhalmen um ein Wegwerfprodukt in Reinstform. Milliarden Röhrchen landen weltweit täglich im Müll, aber auch in der Umwelt. Dort brauchen sie bis zu 450 Jahre, um zu verrotten - und richten großen Schaden an.

Auf Alternativen zu setzen, kann Wohner zufolge sinnvoll sein. Er gibt zu bedenken, dass bei Produkten aus Edelstahl und Glas eine lange Verwendungsdauer Voraussetzung für eine gute Ökobilanz ist. Bei Naturprodukten gilt es, Herkunft und Anbaubedingungen zu prüfen. Besser wäre es, gänzlich darauf zu verzichten: "Wenn man nicht, wie etwa Kinder oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität, auf Strohhalme angewiesen ist, sollte man sie einfach weglassen."

Milchprodukte im Glas: Sinn oder Unsinn?

"Wie früher", so werden Milch und Joghurt derzeit vermehrt angeboten. Statt in Plastikbecher und Getränkekartons lassen einige Hersteller wieder in Glasflaschen abfüllen. Bei Umweltschützern hält sich die Freude darüber in Grenzen. Denn in den meisten Fällen handelt sich um Einwegflaschen. Diese werden für den einmaligen Verbrauch produziert. Statt wie Mehrwegflaschen wiederbefüllt zu werden, werden sie eingeschmolzen und zu neuem Glas recycelt. Das ist energieintensiv.

Doch es gibt auch Argumente gegen das Mehrwegglas: Mit der Wiederverwendung seien erhebliche Kosten für Sammlung, Reinigung und Wiederverwertung verbunden. Bei der Umweltberatung kann man diese Einschätzung nicht nachvollziehen: "In allen Ökobilanzen ist das Ergebnis eindeutig: Glas-Mehrweg ist umweltfreundlicher." Richtig sei, dass der Waschvorgang einen Aufwand an Energie, Wasser und Reinigungsmitteln verursacht. Dieser sei in den Berechnungen allerdings berücksichtigt. Im Übrigen müsse auch Einwegglas vor dem Einschmelzen gereinigt, sortiert und zermahlen werden.

Fleisch vs. Tofu: Nachhaltiger Ersatz?

Die Produktion von einem Kilo Rindfleisch belastet die Umwelt so stark wie eine 250-Kilometer-Autofahrt. Ökologisch gesehen schneidet Fleischersatz jedenfalls besser ab. In der Kritik stehen pflanzliche Fertigprodukte wie paniertes Seitanschnitzel, Tofulaibchen und Co. aber aufgrund ihrer hohen Salz- und Fettgehalte. Knieli empfiehlt daher, pflanzliches Fast Food nur ab und zu essen.

Pflanzendrink statt Kuhmilch: Mit gutem Gewissen?

Pflanzliche Milchalternativen wie Soja-, Kokos- oder Mandeldrinks verkaufen sich hervorragend. Nicht alle dieser Produkte sind so gut wie ihr Ruf, weiß Michaela Knieli. "Sieht man sich etwa bei Mandeldrinks im Vergleich zu Kuhmilch nur die CO₂-Emissionen an, schneidet das Tierprodukt schlechter ab. Trotzdem ist Mandelmilch alles andere als nachhaltig", sagt die Ernährungsexpertin. Die Hauptanbaugebiete für Mandelbäume liegen in den trockensten Regionen der Erde, etwa in Kalifornien. Entsprechend lang sind die Transportwege nach Europa. Bis zur Reife braucht eine Mandel rund neun Liter Wasser. Der hohe Wasserverbrauch verschärft das Dürreproblem.

Eine ähnlich schlechte Klimabilanz haben von weither importierte Reis- und Kokosgetränke. "Beim Reisanbau emittiert auch klimaschädliches Methan und die Kokosmilchproduktion geht oft auf Kosten des Regenwaldes." Der umweltfreundlichste Milchersatz sind laut Knieli heimische Soja- und Hafermilch aus Bio-Produktion. Viele würden Soja mit der Abholzung des Regenwaldes assoziieren, "das trifft aber hauptsächlich auf Soja für Tierfutter zu".

Plastiksackerl adé: Was bringen Stoffbeutel wirklich?

Statt Plastiksackerln nutzen viele Supermarktkunden mittlerweile langlebige Stoffbeutel. Mit dem Plastiksackerlverbot, das in Österreich 2020 in Kraft treten soll, werden wohl noch mehr Menschen auf diese Alternative zurückgreifen. In jüngster Vergangenheit haben Studien die Umweltfreundlichkeit des Stoffbeutels aber in Zweifel gezogen. Für die Produktion würden Unmengen an Wasser verbraucht; die Produkte müssten sehr oft verwendet werden, damit sie ökologisch mit Plastiksackerln mithalten können.

Stimmt, sagt Experte Wohner: "Je nach Studie muss man ein Stoffsackerl bis zu 80 Mal benutzen, damit es so gut ist wie eines aus Recycling-Kunststoff." Das sei durchaus machbar, jedes Monat einen neuen Beutel anzuschaffen allerdings "nicht drinnen". Das beste Sackerl sei außerdem ohnehin das, "das man schon hat".