Style
12.08.2018

Nachhaltige Mode: "Neukauf sollte an letzter Stelle stehen"

Wer sich ökologisch korrekt kleiden möchte, muss nicht unbedingt ein großes Budget haben.

Ein Einkaufsbummel endet selten mit leeren Händen. Zu groß sind die Verlockungen, die bei Zara, H&M und anderen Modeketten warten. Fast wöchentlich kommen neue Kollektionen in die Filialen – die Stücke sind meist so günstig, dass sie ohne viel Überlegen sofort gekauft, um nach einer Saison wieder aussortiert zu werden. Schließlich muss im Kleiderschrank wieder Platz für neue Trendteile gemacht werden.

"Sehr billige Mode sehen wir äußerst kritisch", sagt Kirsten Brodde, Textil-Expertin bei Greenpeace, im Gespräch mit dem KURIER. "Sie ermöglicht, unendlich viel zu kaufen und es bedenkenlos wieder wegzuwerfen." Ohne Folgen bleibt dieser Kreislauf nicht.

Die Textilindustrie gilt als eine der umweltschädlichsten der Welt. Zahlreiche giftige Substanzen kommen bei der Produktion in Kleiderfabriken zum Einsatz und verschmutzen das Grundwasser. Viele Kleidungsstücke sind aufgrund ihres hohen Anteils an Polyester nicht sortenrein recycelbar. Je mehr Kleidung hergestellt wird, desto größer wird die Belastung für die Produktionsländer – und jene, die sie verkaufen. Deshalb appelliert Brodde: "Wenn etwas gekauft wird, dann sollte es ökologisch und fair sein." Wer die Umwelt schonen will, sollte dies nicht nur durch die Reduktion von Plastikmüll tun, sondern auch gezielt zu nachhaltiger Kleidung greifen. Nicht nur das Material ist ausschlaggebend, sondern auch die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter.

Mode nachhaltig zu konsumieren, heißt für die Greenpeace-Expertin jedoch nicht, den kompletten Kleiderschrank auszumisten, um ihn dann mit Öko-Labels wieder aufzufüllen. "Ganz im Gegenteil: Der Neukauf sollte immer an letzter Stelle stehen", sagt Brodde. "Zuerst sollte Vorhandenes neu entdeckt, wenn nötig repariert oder beim Schneider verändert werden." Erst im nächsten Schritt rät sie zum Besuch von Secondhand-Stores und Tauschpartys. "Wird man auch hier nicht fündig, sollte nach gut gemachter Öko-Mode gesucht werden." Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist jedoch nicht einfach.

Nur Imagepolitur?

Neben Designern, die sich auf verantwortungsvoll hergestellte Kleidung spezialisiert haben, springen auch immer mehr große Modeketten – darunter C&A sowie H&M – mit einzelnen Stücken auf den Nachhaltigkeits-Trend auf. Reines Greenwashing, also Vorgaukeln von nicht vorhandenem Umweltbewusstsein zu Image-Zwecken, lautet häufig der Vorwurf. "Das würde ich nicht sagen", so Kirsten Brodde. "Es bedeutet zwar nicht, dass diese Unternehmen gleich vom Saulus zum Paulus werden, jedoch zeigt es, dass sie sich sehr wohl Gedanken zu besseren Produktionsentscheidungen machen."

Mit ihrem Onlineshop The Wearness will Jennifer Dixon, die ehemalige Modechefin des Magazins InStyle, die Suche nach nachhaltiger und stylisher Mode erleichtern. Seit April 2018 betreibt sie gemeinsam mit zwei Freundinnen die Website, auf der ausschließlich Kollektionen von ökologischen Marken angeboten werden. "Für uns als Mode-Redakteurinnen hatte Nachhaltigkeit früher ein verstaubtes Image. Jetzt können wir Kreationen anbieten, die wir selbst gerne tragen", sagt die Expertin. Zwar wird jede Firma, die in den Onlineshop aufgenommen wird, vorab streng kontrolliert, bekannte Textil-Siegel wie GOTS (Global Organic Textile Standard) und IVN Best (Siegel des Internationalen Verbands der Naturtextilwirtschaft) sind jedoch keine Voraussetzung. "Viele Firmen produzieren zwar nachhaltig, können sich so eine kostspielige Zertifizierung aber nicht leisten", weiß Dixon.

Dass ein Pullover bei The Wearness nicht selten 500 Euro kostet, findet die Unternehmerin gerechtfertigt: "Der Kunde soll verstehen, warum etwas teuer ist. Deswegen erzählen wir zu jedem Produkt die Geschichte dahinter. Normalerweise ist alles so günstig, da fällt es schwer, wieder eine Relation zu Preisen zu bekommen." Dass sich diese hochpreisige Mode nicht jeder leisten kann, weiß Kirsten Brodde: "Dann sollte man zumindest zur grünen Linie der Modeketten greifen. Das ist auf jeden Fall ein Anfang“. Dennoch gibt die Greenpeace-Expertin zu bedenken: „Die konventionell gemachte Mode ist eigentlich viel zu billig – und nicht die ökologisch hergestellte zu teuer."