Nachhaltigkeit ist für österreichische Konsumenten zunehmend relevant.

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Leben
06/04/2019

Konsum in Österreich: Wegwerfen ist out, aufheben ist in

Die Österreicher wollen Produkte länger nutzen. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist da – die Umsetzung nicht immer einfach.

von Marlene Patsalidis

Wann haben Sie zuletzt einen neuen Computer gekauft? Eine neue Couch fürs Wohnzimmer? Wie alt war Ihr altes Smartphone, als Sie es durch ein moderneres Modell ersetzt haben? Letzteres nutzen die Österreicherinnen und Österreicher immer nachhaltiger. Das zeigt eine Studie zum Konsumverhalten der Bevölkerung.

Im Vergleich zu vor fünf Jahren verwenden wir Gegenstände demnach deutlich länger, aber es ginge noch mehr – das ist die Kernerkenntnis der repräsentativen Erhebung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und der Nachhaltigkeitsinitiative "Mutter Erde".

Aufheben ist angesagt

Die gute Nachricht zuerst: In einigen Lebensbereichen haben sich Nachhaltigkeitsgedanken bereits durchgesetzt. Wie das Handy werden auch andere Alltagsgegenstände wie Elektrogeräte, Spielzeug oder Kleidung im Schnitt seltener nachgekauft. Erfreulich ist das, weil jede neue Anschaffung Ressourcen kostet. Global gesehen verbraucht die Bevölkerung mehr natürliche Ressourcen (Rohstoffe, Wasser, saubere Luft, Energie und fruchtbarer Boden, etc.) als je zuvor.

Ein Zustand, der Umweltschäden verursacht: Das Klima verändert sich; Trinkwasserreserven, Fischbestände und Wälder schrumpfen; Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Wie verschwenderisch der Mensch mit der Natur umgeht, zeigt der Welterschöpfungstag ("Earth Overshoot Day"). Er markiert den Zeitpunkt eines Jahres, an dem alle natürlichen Ressourcen verbraucht worden sind, die die Erde von Anfang Jänner bis Ende Dezember liefern kann. Das passiert immer früher: Im Jahr 2016 fiel er auf den 3. August, 2017 auf den 2. August – und vergangenes Jahr schon auf den 1. August.

Zurück zum Positiv-Trend in Österreich. Auch bei geplanten Neukäufen spielen ökologische Gedanken eine zunehmend wichtigere Rolle. Handys werden nicht nur länger genutzt, sondern auch häufiger repariert oder gebraucht angeschafft. Und immer mehr Menschen wissen Bescheid, dass es nachhaltigere Alternativen, wie etwa das Fairphone, gibt. "An der Studie sehen wir deutlich, dass der Nachhaltigkeitsdiskurs wirkt", sagt Franzisca Weder, Kommunikationswissenschafterin und eine der beiden Studienleiterinnen von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Ersehnte Langlebigkeit

Die Nutzungsdauer eines Produkts (wie lange man eine Couch besitzt) und die vom Konsumenten gewünschte Lebenszeit (wie lange man eine Couch besitzen möchte) klaffen in vielen Kategorien weit auseinander (siehe Infografik weiter oben). Bei Möbeln ist der Unterschied zwischen Erwartung und tatsächlicher Nutzung am größten: gewünscht werden 21 Jahre, genutzt werden sie im Schnitt knapp 13 Jahre. Auch bei Autos, großen Haushaltsgeräten und TV-Geräten gibt es eine große Lücke.

Eher deckungsgleich ist gewünschte und reale Nutzung bei Kleidung. Keinesfalls ein gutes Zeichen, erklärt Nachhaltigkeitsexpertin Renate Hübner: "Von Kleidungsstücken wie Hosen, Shirts oder Pullovern ist man Langlebigkeit gar nicht erst gewöhnt, daher die niedrigere Erwartung."

Diese Erkenntnisse verstehen beide Studienleiterinnen jedenfalls als Appell an die Industrie: "Dass Konsumenten gewisse Produkte gerne länger verwenden würden, zeigt ein großes Maß an Unzufriedenheit – und Handlungsbedarf – auf."

Wiederbefüllen ist in

Auch ein klassisches Wegwerfprodukt wurde in der Untersuchung berücksichtigt – die Plastikflasche. Immerhin: Jeder Zweite verwendet diese mittlerweile wieder. 44 Prozent der Befragten befüllen gekaufte Plastikflaschen zumindest hin und wieder mit eigenen Getränken oder Leitungswasser. Unter den jüngeren Befragten besitzen viele wiederverwendbare Alternativen aus Hartplastik, Glas oder Edelstahl.

Ein aus Umweltsicht wichtiger Trend: Auf Basis der Befragung errechneten die Forscherinnen, dass in Österreich pro Jahr noch immer rund 2,9 Milliarden Plastikflaschen entsorgt werden.

Stichwort Jugend: Zwischen den Generationen zeigten sich in puncto Nachhaltigkeitsbewusstsein Unterschiede. Eher ältere und eher jüngere Menschen verwenden Konsumgüter am längsten, bei 70er- und 80er-Jahrgängen sinkt die Nutzungsdauer. Dazu kommt eine Kluft zwischen Stadt und Land. Die Bevölkerung in ländlichen Regionen hat Produkte kürzer in Gebrauch als Stadtbewohner.

Informationen über Nachhaltigkeit holt sich der Großteil aus den Medien, bei den tatsächlichen Kauf- und Konsumentscheidungen orientiert man sich am Umfeld. "Werbung und Medien schaffen Aufmerksamkeit für Nachhaltigkeitsthemen. Was als nachhaltig gilt und wie man sich entsprechend verhält, wird aber in der Familie oder im Freundeskreis definiert", sagt Weder.

Ohnmachtsproblem

Hat sich der Konsument zu mehr Nachhaltigkeit durchgerungen, steht er vor dem nächsten Problem: Überforderung. "Menschen, die sich intensiv mit bewusstem Konsum auseinandersetzen, empfinden eine Art Ohnmacht und geraten in eine Abwägesituation: Lieber die Bio-Kekse in Plastik oder die mit Palmöl in Papier kaufen, lautet da oft die Frage", berichtet Weder.

Hier kommt die Industrie ins Spiel. Zwar kann der Einzelne mit seinen Kaufentscheidungen den Gesamtverbrauch mitformen, "die Verantwortung für Klimaschutz und Ressourcenschonung kann aber nicht allein auf ihn abgewälzt werden", sagt Andrea Johanides von der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF.

Die Menschen seien zum Umdenken bereit: "Jetzt müssen auch Produzenten, Handel und Politik einsteigen und Alltagshürden beseitigen, mehr Alternativen schaffen, Mehrwegsysteme etablieren und Produkt-Recycling sicherstellen."