Hier auf einem Foto 1982: Thomas und Thea Gottschalk trennten sich nach 47 gemeinsamen Jahren.

© imago images / Rolf Hayo/via www.imago-images.de

Leben
03/21/2019

Nach Gottschalks Ehe-Aus: Wie lange hält die Liebe?

Über das Ende von Langzeitehen: Warum Paare es verdienen, dass man an sie glaubt. Und wann es Zeit ist, zu gehen.

„Meine Abreise wird Dich betrüben.“

Mit diesem Satz kündigte der russische Schriftsteller Leo Tolstoi seiner Frau Sofja nach 48 Jahren Ehe und 13 Kindern an, dass er sie verlassen werde. Der 82-Jährige war schwer depressiv. Der vor einigen Jahren veröffentlichte Briefwechsel der beiden belegt, dass die Ehe alles andere als harmonisch verlaufen sein muss.

Ganz anders soll das bei den Gottschalks gewesen sein, wenn man den jahrelangen Beteuerungen des Boulevards glaubt. Der Showmaster und seine Frau Thea gaben dieser Tage ihre Trennung nach mehr als 47 gemeinsamen Jahren, 42 davon verheiratet, bekannt. Sie hatten als Vorzeigepaar in der krisenanfälligen Showbranche gegolten.

Ebenso wie Hollywood-Star Robert de Niro, 75, und seine Frau Grace Hightower, 63, die sich im Herbst nach über 20 Jahren Ehe und zwei gemeinsamen Kindern getrennt hatten. Muss man sich jetzt Sorgen um andere Super-Beziehungen der Branche machen? Kurt Russell und Goldie Hawn, seit 1983 ein Paar, oder Meryl Streep und Don Gummer, seit 1978 verheiratet, und das kolportierterweise auch noch glücklich?

Ein Grund, zu gehen?

„Wenn sich Paare nach vielen gemeinsamen Jahren trennen, dann liegt ein fundamentaler Grund vor: Etwa Krankheit oder ein Todesfall in der Familie. In den meisten Fällen hat eine Trennung nach einer langjährigen Beziehung jedoch mit einer Affäre zu tun“, sagt Paartherapeut Roland Bösel. Und er schränkt ein: „Man kann auch eine Affäre mit seiner Arbeit haben und der Partner vereinsamt daneben.“

Grundsätzlich gelte: Je länger man zusammen ist, desto eher schafft man es auch, zusammenzubleiben.

Das zeigen auch die Zahlen der Statistik Austria: Die meisten Ehen, nämlich fast 40 Prozent, werden nach zehn bis maximal  25 Jahren geschieden, hat man es einmal darüber hinaus geschafft, ist die Wahrscheinlichkeit gering. Finanzielle Situation, Religiosität sowie ein klares Stadt-Land-Gefälle spielen ebenso eine Rolle bei der Frage nach bleiben oder gehen: Was sagen die Nachbarn? 

Die  Gründe für das Bleiben liegen zwischen Angst um die Existenz und Hoffnung auf Verbesserung. Die Ursachen für Trennungen liegen oft weit zurück. Etwa jahrelang nicht aufgearbeitete Verletzungen, wie ein  Beispiel aus Bösels Praxis zeigt: Ein Ehemann berichtet nach 40 Jahren Ehe von einem „kleinen Flirt“. Der Therapeut fragt nach: Gibt es tatsächlich nur diesen „kleinen Flirt“ zu beichten? Was war denn sonst noch los in den vergangenen 40 Jahren?

Seine Frau, erzählt der Mann, sei gleich zu Beginn der Beziehung schwanger geworden. Plötzlich habe sie sich zwei Wochen Bedenkzeit genommen, sei sich nicht sicher gewesen, ob sie diese Beziehung auch führen wolle. Der Mann war schwer betroffen. Noch 40 Jahre später bricht er bei der Erinnerung daran in Tränen aus, er schämt sich, sagt, er wisse wohl, dass das lächerlich sei, aber er könne nicht anders. Manches, mehr noch, vieles, das heute passiert, hängt mit dem Vergangenen zusammen. „Die Psyche funktioniert nicht linear, sie hat ihre eigenen Gesetze“, sagt Bösel. „Ich schlage Paaren immer vor: Schauen wir, was ihr einander nicht vergeben habt.“

2.500 Paare hat das Therapeutenpaar  Sabine und Roland Bösel begleitet, darunter viele vermeintlich „hoffnungslose“ Fälle, die andere bereits aufgegeben hatten. „Manche von ihnen hätten einfach noch ein paar Wochen mehr Therapie gebraucht. „Paare verdienen es, dass man an sie glaubt.“

Der Dritte im Bunde

Flirt, Affäre, außereheliche Beziehung: Wie immer man es nennt, die Hauptgründe für das Eindringen einer  dritten Person in eine  Beziehung liegen oft in der Beziehung selbst. Etwa in den unterschiedlichen Bedürfnissen nach körperlicher Nähe. Und dann ist da natürlich die banalste Erklärung von allen: die Gelegenheit – ob sie nun Dienstreise oder Weihnachtsfeier heißt. Hier gilt: Schauen, dass man darüber hinweg kommt. Ob und wie, das muss jedes Paar für sich selbst entscheiden.

„Verliebtsein ist die schönste Form der Psychose. Und ein harter Konkurrent für eine langjährige Beziehung“, sagt Bösel.  Generell sei es heute leichter, sich zu trennen. Ältere Paare finden sich nach langer Ehe einfach ab. Und in 90 Prozent der Fälle sei eine Trennung eine Art Davonlaufen: „Viele Paare glauben, mit Paartherapie und dranbleiben lässt sich alles gestalten. Aber man braucht auch Glück, um es sich zu verbessern.“

Die Macht der Gewohnheit

Es macht einen Unterschied, an welchem Punkt des Lebens man verlässt oder verlassen wird. Und spätestens mit Fünfzig weiß man, dass man nicht ewig lebt. Dennoch sind es, abgesehen von finanziellen Zwängen, meist die Macht der Gewohnheit, die Bequemlichkeit oder Angst vor Einsamkeit, die ältere Paare davon abhalten, sich aus unglücklichen Beziehungen zu lösen.

„Junge Menschen trennen sich, weil sie glauben, es kommt etwas Besseres nach. Wenn ein Partner das große Versprechen von Leidenschaft nicht einlöst, dann sucht man den nächsten“, berichtet Paartherapeut Harald Picker. „Junge Menschen hetzen ständig einem Idealbild nach. Langjährige Ehen gehen seltener auseinander, weil man sich mit dem bisserl Unglück abfindet.“ Oft sind es Frauen, die sich nicht damit abfinden wollen. „Sie kommen langsam drauf, dass sie etwas Besseres verdient haben.

Ältere Frauen sind oft fitter, selbstständiger und unternehmungslustiger als ihre Männer“, berichtet Picker. Mit dem Alleinsein per se haben sie weniger Probleme als Männer. Ob er Tipps hat, wie man langfristig ein Paar bleiben kann? „Vom Konto einer Ehe kann man nicht nur abheben. Man muss auch einbezahlen.“ Die viel zitierte Arbeit an der Beziehung, sie bleibt einem also nicht erspart. 

Große Erwartungen

Das Haus ist abbezahlt, die Kinder sind aus dem Haus, jetzt haben wir endlich Zeit für uns. Klingt nach friedlichem Lebensabend. Und plötzlich sagt der andere: „Ich möcht’s noch einmal wissen.“ Frauen ebenso wie Männer.

Es sind Situationen, die Paartherapeutin Birgit Maurer nicht selten erlebt. Maurer begleitet Menschen in Liebesbeziehungen, bei Liebeskummer und bei Trennungen. Darunter öfter auch Paare, die sich mit 75 Jahren nach jahrzehntelanger Ehe trennen. Ein solches Ehe-Aus kann, muss aber nicht zu einer Verschlechterung der Lebensqualität führen. „Wichtig ist, die alte Beziehung vernünftig aufzuarbeiten. Alles, was in der Vergangenheit war, kann die neue Liebe beeinflussen.“

Die Erwartungen an das, was das Leben zu bieten hat, sind immer größer geworden. Wer nicht glücklich ist, hat etwas falsch gemacht. „Früher ging es um die Existenz“, sagt Maurer. „Heute geht’s um Selbstverwirklichung.“ Es lohnt sich, damit nicht auch noch die Beziehung zu überfrachten.

Bleiben oder gehen? 

Konkrete Tipps, ob ihre Klienten  in einer Beziehung bleiben oder gehen sollen, geben Therapeuten selten. Sie helfen ihnen  aber dabei, selbst Entscheidungen zutreffen. Nur so viel: Nicht immer ist eine Affäre „nur“ eine Affäre, sagt etwa Therapeutin Maurer.

Paartherapeut Roland Bösel appelliert, nicht zu schnell aufzugeben. „Paare verdienen es, dass man an sie glaubt.“ Gemeinsam mit seiner Frau Sabine Bösel bietet er in Workshops, Seminaren und Coachings Paaren Rat und Hilfe an.

Allgemeine Therapeuten-Infos finden Sie hier.