Leben
27.06.2017

Frei und gebunden: Die Zukunft der Liebe

Wie viel Platz hat die Liebe in einer technisierten Welt? "Ohne Liebe stirbt die Menschheit aus", sagt der Autor Matthias Horx und zeichnet ein Bild, wie Beziehungen abseits von Standardmodellen für ein Leben lang glücklich gelingen können.

Liebe ist in ihrem Wesen auf Veränderung aus – doch die Liebe selbst verändert sich in ihrem Wesen nicht. Während sich die Vorstellungen von Partnerschaft und Familie wandeln, während sich die Welt immer schneller dreht und die Menschen in die Individualisierung drängt, hat sich der Zukunftsdenker Matthias Horx in seinem Buch "Future Love" mit der Zukunft von Liebe, Sex und Familie befasst.

"Das große Problem ist, dass wir den Freiheitscharakter der Liebe nicht wahrnehmen wollen", erklärt Horx im Gespräch mit dem KURIER. Und warnt davor, die Liebe als garantierte Dienstleistung zu sehen. "Dann entsteht das tiefe Unglück, das sich Menschen im Namen der Liebe antun können."

KURIER: Das Internet strotzt nur so vor Dating-Möglichkeiten, Seitensprung-Portalen und Pornografie – ist die Liebe angesichts dieser Versuchungen noch zu retten?

Matthias Horx: Die Liebe ist mit Sicherheit zu retten, weil sie das ursprünglichste Menschliche darstellt, was es überhaupt gibt. Es gibt in der Tat all diese Verwirrungen und Versuchungen in der digitalen Liebe, aber das, was wirklich menschliche Liebe und Zuneigung ist, wird davon praktisch nicht berührt. Es gibt beide Welten nebeneinander. Jeder erlebt in seinem Lebens- und Beziehungsalltag Gesetze, die wahrscheinlich schon seit der Urzeit existieren. Liebe ist das, was uns am meisten verwirrt. Was uns bindet und gleichzeitig frei macht. Was uns euphorisiert und gleichzeitig unendlich in die Traurigkeit stürzt. Und daran hat sich nichts geändert.

Wir lieben genauso wie in Urzeiten?

Helen Fisher – die größte Expertin der Liebesanthropologie – sagt, es gibt in uns allen eine Liebeskaskade, die immer gleich ist und sich auch durch Technologie nicht verändert. Das ist der Dreiklang von Begehren, Fixieren auf eine Person und sich selbst überwinden, indem man die Welt mit den Augen eines anderen sieht. Wenn das aufhören würde, würde die Menschheit aussterben. Nicht nur wegen der Fortpflanzung. Wenn es diese Kräfte nicht in uns gäbe, wären wir nicht lebensfähig. Alle Technologie – auch Sexroboter in der Zukunft – werden dieses tiefe Bedürfnis in uns, gesehen, gehalten, bestätigt und begehrt zu werden, nicht abschaffen können.

Die Welt im Internet suggeriert uns durch Social Media oder etwa Online Dating, dass wir immer mehr Möglichkeiten haben, neue Menschen kennenzulernen. Ist das wirklich so?

Auf dieser Ebene, ja. Wir haben heute einen viel größeren Radius. Vor 100 Jahren hat ein Bursche in Österreich seine Partnerin im Dorf oder im Nachbardorf gefunden. Höchstens in der nächsten Kleinstadt. Das war stark begrenzt durch die Wahl der Eltern, durch den Status des Vaters, durch Konventionen und Alter. Heute haben wir plötzlich die Möglichkeit, Hunderttausende von potenziellen Partnern zu erreichen. Dabei gibt es zwei Erfahrungen: 80 Prozent der Menschen, die im Internet Partner suchen, suchen im Umkreis von 20 Kilometern und nach Grundvorstellungen, die ähnlich sind wie früher im Dorf. Insofern ändert sich durch das Digitale gar nicht so viel. Man kann zwar neue und mehr Leute kennenlernen, aber das Internet eignet sich nicht dazu, dass man besser lieben kann. Verlieben und Lieben ist ein viel zu komplexer Prozess, als dass es durch ein paar Algorithmen oder Tabellen beschreibbar wäre. Da haben die Menschen oft das Gefühl, dass Partnersuche so etwas wie Katalogaussuchen ist. Und dann kann ich nach dem Ranking den Besten aussuchen. Da ist die Erfahrung: Das funktioniert so nicht. Das führt in die Einsamkeit, weil man dann immer den Partner mit den Augen der Skepsis misst – es könnte ja im Netz ein anderer oder besserer mit einem noch besseren Score auftauchen.

Das erleben wir in manchen großen Städten als eine Art Single-Einsamkeit, die dazu führt, dass man sich vor lauter Optimierung nicht mehr wirklich auf jemanden einlässt. Liebe heißt aber immer, sich auf jemanden einzulassen, radikal zu riskieren, ohne ihn dauernd zu beurteilen. Dann liebt man jemanden so wie er ist, auch mit seinen Fehlern. Das Internet gaukelt uns vor, dass es einen fehlerlosen Partner gibt und das ist das, woran heute viele Beziehungen scheitern – an den Überansprüchen. Dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, Verzicht zu leisten und lebenslang von unserem Partner erwarten, dass er uns alles gibt, was es gibt: heißen Sex, tiefes Verständnis, beste Freundschaft usw.

Wie finden Paare angesichts dieser Auswahl noch zueinander?

Das ist das Wunderbare und das Geheimnisvolle, dass es dann doch wieder klappt. Das tiefe Bedürfnis, jemandem wirklich nahe zu sein, hört ja nicht auf. Das hat gewissermaßen eine Urkraft, die sich immer wieder durchsetzt. In unserer modernen und immer städtischeren Gesellschaft passiert das in immer variantenreicheren Formen. Auch in der familiären Beziehungswelt ist die Vielfalt größer – es gibt Patchwork-Familien, homosexuelle Familien, Alleinerziehende, die vielleicht mit ihren Freundeskreisen tiefer vernetzt sind. Es gibt eine größere Toleranz – das führt dazu, dass man heute andersartiger lieben kann.

Und das macht glücklicher?

In der modernen Kultur gilt: Alle glücklichen Familien brauchen einen ganz und gar eigenen Weg, mit den Widrigkeiten und den Großartigkeiten der Liebe umzugehen. Weil Liebe kann man nicht nach einem Standardentwurf leben. Sie ist immer das Ergebnis einer Kreativität untereinander. Deshalb haben wir heute die umgekehrte Situation: Unglückliche Familien ähneln sich sehr in ihren Streitstrukturen und in ihrer Unglücklichkeit, aber jede gelungene Liebe und Familie ist ganz einzigartig geworden.

Erklärt das, warum die hohen Scheidungsraten in den vergangenen Jahren sinken?

Das liegt daran, dass wir heute und in der nahen Zukunft immer mehr Liebespraxis erleben. Das Heiratsalter liegt heute vor allem in Großstädten fast bei Mitte Dreißig – das heißt, wir sind mindestens 15 bis 20 Jahre auf dem freien Liebesmarkt. Im Durchschnitt hat ein Mensch, der eine Familie gründet und um die 40 Jahre alt ist heute sieben bis acht Beziehungen in seinem Leben hinter sich. Das heißt, er hat gewissermaßen Liebe oder Partnerschaft geübt. Das Entscheidende ist, dass man aus diesem Üben auch lernt. Das ist auch eine der wichtigsten Erkenntnisse für die drei Zukunftsszenarien in meinem Buch: dass wir nur dann besser lieben können, wenn wir lernen, uns selbst zu verstehen und uns selbst zu lieben.

Eines meiner Zukunftsszenarien heißt liquid love, also flüssige Liebe und geht davon aus, dass wir andere Partnerschaftsverträge haben werden. Es gibt in Frankreich eine Eheform, die heißt "Ehe light". Die wurde vor zehn Jahren für die Homosexuellen eingeführt. Das ist eine Ehe, in der nicht alles für immer miteinander geteilt wird. Und diese Ehe light wird heute von 60 Prozent der heterosexuellen Paare eingegangen. Daran sieht man, dass es heute eine andere Art von Bedürfnissen im Leben und in der Liebe gibt. Die Schwierigkeit, einen Menschen ein ganzes Leben lang zu lieben – und das ist ja der Anspruch, den die meisten Menschen heute haben – das ist sehr schwierig. Darauf müssen wir als Individuen und als Gesellschaft reagieren.

Wie haben sich die Ansprüche an Beziehung und Ehe verändert?

Die Liebe funktioniert heute wie ein Religionsersatz. Wo uns früher die Gottesliebe erlösen sollte, ist heute die Vorstellung der ganz großen, romantischen Liebe eine Massenvorstellung geworden und das kann im gewissen Sinne nur schiefgehen. Wir wissen aus der anthropologischen Forschung, dass die erotische Phase einer Beziehung ungefähr vier Jahre dauert. Das ist kein Zufall, weil in der Urzeit die Liebe dazu erfunden worden ist, zwei Menschen für vier Jahre aneinander zu binden – das ist die Zeit, in der man einen Säugling aufziehen kann bis man ihn dem Stamm übergibt. Aber heute gibt es keine Stämme mehr, denen wir die Kinder übergeben können und auch die Kindergärten werden diese Funktion nicht übernehmen. Die Menschen erwarten aber nicht, dass in einer Beziehung nach vier Jahren die Sexualität zu Ende geht.

Was für viele ein Scheidungsgrund ist, oder?

Ein großer Grund ist der Mangel an Erotik und der andere ist die Entfremdung, die durch zivilisatorische Effekte gesteigert werden kann. Deshalb ist es wichtig, dass wir lernen, moderne Formen von Partnerschaft besser zu erlernen. Mein Vorschlag dazu ist ein Modell, in dem sich die beiden Partner als eigenständige Individuen empfinden und sich in der Partnerschaft in sich selbst weiterentwickeln. Die Erfahrung zeigt, wenn das passiert, kann man lebenslang aufeinander neugierig bleiben. Die Sexualitätsforschung zeigt, dass Sexualität eine gewisse Fremdheit braucht. Mark Twain hat einmal gesagt: Gewohnheit macht Kinder und Verachtung.

Stichwort Entfremdung: In unserer technisierten Gesellschaft gibt es immer wieder den Vorwurf, dass Menschen in ihren Smartphones versinken, was zur Entfremdung und Vereinsamung beiträgt. Wie wirkt sich das auf die Liebe aus?

Das halte ich für ein oberflächliches Argument. Weil erstens muss ein Liebespaar nicht dauernd in seine Smartphones reinstarren. Und zweitens macht Kommunikationstechnik Familienleben leichter. Man kann eine Familie und Freundeskreise mithilfe der Technologie leichter in Kontakt oder zusammenhalten. Das hat also durchaus einen positiven Effekt. Ich glaube, da schieben wir der Technologie etwas zu, was in Wirklichkeit das Problem in der menschlichen Psyche ist. Unsere innere Verletztheit und Verkommenheit führt dazu, dass wir uns oft mit Pseudokommunikation begnügen.

Angesichts von Technisierung und dem Trend zu Individualisierung sehen Sie keinen Widerspruch zu dem Gefühl der Verbundenheit?

Man kann natürlich die Einsamkeit in manchen Großstädten sehen – aber Einsamkeit gab es auch früher in der traditionellen Gesellschaft. Die Menschen auf dem Land waren oft einsam – die waren oft gemeinsam einsam. Das Standardmodell der Beziehung vor 50 oder 100 Jahren war ja nicht die glückliche, erfüllte Ehe – das waren oft sich aneinander abgerieben habende, stumme Menschen, die nebeneinander auf der Parkbank saßen, aber die in ihrem Leben ein Stück weit stagniert waren. Heute sehen wir die Liebe – völlig zu Recht – als einen Impuls der Veränderung. Liebe ist das, was uns dem Leben und der Gesellschaft hin öffnet, was uns über unsere Grenzen hinaus treibt. Das ist der Impuls, der uns lebendig hält.

Sie widmen sich in Ihrem Buch auch dem Gebiet der Techno-Erotik. In Labors wird längst an Liebesrobotern gearbeitet. Können Roboter die Sehnsucht nach Sexualität oder sogar die nach Liebe befriedigen?

Nein, aber wenn Sie Sexroboter im Internet eingeben, bekommen Sie zehn Millionen Einträge, weil uns das offenbar fasziniert. Es gibt auch Filme über die Robotisierung von Liebe. Das ist eine uralte Vorstellung, dass man Untoten begegnet oder dass man von Geistern und Hexen überfallen wird. Und es gibt immer Menschen, die so beziehungsgestört oder einsam sind, dass sie lieber eine Maschine im Haushalt hätten, weil sie die bei einem Beziehungsstreit einfach abstellen könnten. Aber es ist letztendlich fürchterlich traurig. Genauso sehr, als würde man sich vorstellen, dass wir Altenpflege ausschließlich mit Robotern betreiben würden – weil es den menschlichen Kontakt verweigert.

Welchen Zweck hätte so ein Sexroboter?

In dem Moment, in dem wir einen Sexroboter nach Haue geliefert bekommen, wissen wir, dass wir unser Leben verloren haben. Dass wir für einen anderen Menschen nicht begehrenswert und nichts wert sind. Wenn andere darüber fantasieren, sage ich: Stell dir vor, du kommst in 20 Jahren mit dem neuesten XRS-Erotikmodell auf die Party und gibst damit an. Dieses Wesen sieht atemberaubend aus und kann wunderbar Konversation pflegen und dann sagt der Kollege nebenan: "Der kann sich offenbar keine Echte leisten." Das ist eine Prothese – egal, wie menschenähnlich das ist. Wir wissen, dass Menschen, wenn sie mit menschenähnlichen Robotern konfrontiert sind, einen extremen Angstreflex haben – dann gruselt es uns. Deshalb glaube ich, das ist Science-Fiction-Fantasie, die darauf hinweist, dass viele Menschen ein Stück weit beziehungsgestört sind.

Sie haben am Anfang des Interviews angedeutet, ohne Liebe stirbt die Menschheit aus. Welche Zukunft hat die Liebe denn?

Die Liebe ist Zukunft und umgekehrt. Das, was uns nach vorne treibt, was uns mit der Welt in Verbindung bringt, ist nichts anderes als Liebe. Es geht nicht nur um die Fortpflanzung, sondern um die menschliche Empathie, die Fähigkeit sich in einen anderen Menschen zu verlieben und seine Qualitäten wahrzunehmen – das sind die größten Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens machen kann. Wenn man sich einmal in seinem Leben verliebt hat, weiß man ja, welche ungeheure Kraft dahinter steckt. Welche Energie das gibt und welche Verbundenheit es nicht nur zum begehrten Partner gibt, sondern zur gesamten Welt.

Wie konstant kann Liebe sein?

Liebe ist kein Gefühl. Wirkliche Liebe ist die Gewissheit der Verbundenheit. Angst, Furcht, Unsicherheit – das sind oft flüchtige Gefühle. Die Liebe selbst ist ruhig und konstant. Wenn man einen Menschen wirklich liebt, dann hat man eine Gewissheit im Herzen. Das erleben Sie auch, wenn Sie Kinder haben: Manchmal hätte ich meine Söhne auf den Mond schießen können. Aber trotzdem liebe ich sie. Da entzieht sich die Liebe dem Flatterhaften. Wir müssen lernen, zwischen den Oberflächlichkeiten der Verliebtheit, der Faszination, der inneren Unruhe und diesem tiefen Gewissheitsgefühl der Verbindung zu unterscheiden.