Leben 15.05.2018

Sex im Alter: Nicht weniger, aber anders

Symbolbild © Bild: Getty Images/iStockphoto/KatarzynaBialasiewicz/iStockphoto

Eine Umfrage der University of Michigan widerlegt die verbreitete Annahme, ältere Menschen seien sexuell weniger aktiv.

In Film und Fernsehen weitgehend zensiert, von der Gesellschaft mit Spott abgetan: Sexualität im Alter ist noch immer ein gesellschaftliches Tabu. Viele denken außerdem, dass Senioren wenig oder gar keine Lust auf Erotik haben, nicht zuletzt, weil das Thema medial stark unterrepräsentiert ist.

Sexuell aktiv im Alter

Dass das jedenfalls nicht stimmt, zeigt eine neue Erhebung des University of Michigan Institute for Healthcare Policy and Innovation. Befragt wurden über 1.000 US-Amerikaner aller Altersgruppen. 40 Prozent der Teilnehmer zwischen 65 und 80 Jahren gaben an, sexuell aktiv zu sein. Ungeachtet dessen, ob die Personen in einer Beziehung waren oder nicht, gaben zwei Drittel der Befragten an, an Sex interessiert zu sein. Über die Hälfte der Befragten bezeichnete Sexualität als wesentliche Komponente ihrer Lebensqualität.

"Obwohl es stimmt, dass unsere Sexualität sich im Alter verändert, ist die Vorstellung, dass die 'gute alte Zeit' damit vorbei ist, einfach falsch", erklärt Sexualtherapeutin Kimberly Resnick Anderson im Gespräch mit CNN. Sie selbst behandle Männer und Frauen jenseits der 80, die "ihr Sexualleben verbessern und ihre sexuelle Befriedigung aufrechterhalten wollen". "Es gibt den Mythos, dass Ältere keinen Sex mehr haben oder daran nicht mehr interessiert sind", fügt Psychologin Rachel Needle im Interview hinzu. Dabei seien Menschen "von der Geburt bis zum Tod" sexuelle Wesen – und das Sexualleben verändere sich im Alter nicht automatisch zum Schlechteren.

Nicht weniger, aber anders

Sex scheint für ältere Semester also nicht an Stellenwert zu verlieren. Die Art und Weise, wie Sex gelebt wird, ist jedoch Veränderungen unterworfen. Sexualtherapeutin Lawrence Sigel zufolge wird der Begriff "Sex" im Alter breiter gefasst. "Der Fokus liegt tendenziell mehr auf Intimität, der erotischen Verbindung, Selbstvalidierung und dem Gefühl der Befriedigung, als auf Leistung, Potenz und Orgasmen", weiß die Expertin. Bei älteren Paaren stünde daher auch der Austausch von Zärtlichkeiten im Vordergrund, vor allem dann, wenn einer oder beide Partner körperlich eingeschränkt sind. Der Orgasmus als Ziel des sexuellen Akts weicht dann der Lustbefriedigung.

Zu Frustration führt das aber keineswegs, wie Psychotherapeutin Lisa B. Schwartz schildert: "Es gibt ein Bewusstsein und eine Akzeptanz dafür, dass sexuelle Erfahrungen in Wellen kommen und, dass es nicht immer ein Feuerwerk gibt."

Aufgrund der Einschätzungen der Experten ist es kaum verwunderlich, dass fast 70 Prozent der Menschen in der aktuellen Umfrage angaben, mit ihrem Sexleben zufrieden zu sein. Besorgniserregend ist allerdings, dass nur 17 Prozent der befragten Senioren offen mit ihren Ärzten über Sex sprechen. Geschwiegen wird meist aus Scham. Problematisch ist das vor allem deswegen, weil ältere Menschen oft mich chronischen Erkrankungen, Schmerzen, Hormonschwankungen und körperlichen Beeinträchtigungen konfrontiert sind, die auch das Sexleben beeinflussen. Ein weiteres Problem sind Geschlechtskrankheiten, die unter Senioren weit verbreitet sind. Ein offener Umgang mit dem Thema Sexualität im Alter ist daher unverzichtbar – eine angemessene Darstellung der Thematik in den Medien mehr als wünschenswert.

Gut fürs Gehirn

Dass Intimität in Paarbeziehungen auch im Alter eine Priorität sein sollte, zeigt auch eine Studie, die Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde. Forscher aus Großbritannien fanden heraus, dass sich Sex im Alter förderlich auf die Hirnfunktion auswirkt (mehr dazu hier).

( kurier.at , pama ) Erstellt am 15.05.2018