Magda & Bernhard Bauer

© /Luiza Puiu

Leidenschaft
10/16/2016

Nach 46 Jahren die Sexualität neu entdeckt

Wann ist man eigentlich zu alt für Sex? Niemals, finden Magda & Bernhard Bauer. Mit Ende 60 haben sie ihre Lust noch einmal neu erforscht – und ihre Erlebnisse in ein Buch verpackt.

von Julia Pfligl

"Kommen Sie herein, wir haben extra den Kachelofen eingeheizt!" Ein Besuch bei Bernhard und Magda Bauer, beide 70, fühlt sich ein bisschen so an wie ein Besuch bei den eigenen Großeltern. Das Häuschen am Stadtrand von Wien ist gemütlich, der Kachelofen warm, der Kaffee ebenso. Allein der Grund des Besuchs ist ein ungewöhnlicher. Denn das Ehepaar Bauer hat ein Buch geschrieben – ein Buch über Sex und wie es ist, nach 46 Jahren Ehe im Bett noch einmal so richtig durchzustarten. Der Titel, "Liebes Leben", ist eigentlich viel zu zahm für den Inhalt. Denn da geht es um Swingerclubs, um Callboys und Sexspielzeug. Aber dazu später.

Beim Kaffeetrinken im Wohnzimmer erzählen die Bauers erst einmal von ihrer Goldenen Hochzeit. Seit Juli sind sie 50 Jahre verheiratet, vergangene Woche wurden sie dafür vom Wiener Bürgermeister geehrt. "Wir haben immer zusammengehalten", erzählt Magda Bauer und lächelt ihren Mann verliebt an. Wenige Monate nach der Hochzeit im Jahr 1966 war ihr Sohn zur Welt gekommen. Dann vergingen die Jahre – Bernhard arbeitete in der Werbebranche, Magda als kaufmännische Angestellte. Sie bauten ein Haus, erzogen ihr Kind – und die Leidenschaft, die anfangs so groß gewesen war, verebbte. Langsam, aber sicher. "Man betrachtet das als normal", sagt Bernhard Bauer. "Wenn man mit befreundeten Paaren spricht, geht es denen ja nicht anders."

Premiere im Swingerclub

Ein Tag im Herbst 2012 änderte alles. Die Bauers verbrachten die kalte Jahreszeit in ihrem Haus auf Teneriffa, alles war wie immer. Bis Magda Bauer bei einem Fernsehbeitrag hängen blieb. "Es ging um eine Razzia in einem Swingerclub. Ich wusste zwar, dass es so etwas gibt, aber nicht, was da genau passiert." Am nächsten Morgen erzählte sie ihrem Mann davon – "er war gleich sehr interessiert".

Tagelang sprachen sie am Frühstückstisch über Swingerclubs, überlegten, ob sie einen gemeinsamen Besuch wagen sollten. "Dann haben wir es einfach getan", erzählt Bernhard Bauer. Natürlich nicht ohne Vorbereitung: Im Sex-Shop auf Teneriffa kleideten sie sich ein (bzw. aus), im Internet suchten sie nach dem geeigneten Etablissement. Der erste Besuch war ernüchternd – aber er löste etwas aus. Die Leidenschaft in der Ehe, die seit 46 Jahren andauerte, war neu entfacht worden.

Das erotische Geplänkel am Frühstückstisch wurde zum morgendlichen Fixpunkt, der (mehrmals) tägliche Geschlechtsverkehr ebenfalls. Mit der Zeit wurden die 70-Jährigen immer experimentierfreudiger, kauften Dildos und bestellten einen Callboy in die Wiener Vorstadt. "Den haben wir aber wieder heimgeschickt, weil er uns nicht gefallen hat", erzählen sie lachend.

Dafür luden sie später ein (ebenfalls im Internet gefundenes) Paar zu sich nach Hause. Sex zu viert, noch dazu mit Jüngeren – wird man da nicht eifersüchtig? "Nein", sagen die beiden unisono. "Es besteht nicht die Gefahr, dass sich einer von uns in einen anderen verliebt."

Reden, reden, reden

Ihr Buch wollten sie zuerst unter einem Pseudonym veröffentlichen, aber der Verlag stellte ein Ultimatum: "Sie haben gesagt, wir müssen zu unserer Geschichte stehen. Dann haben wir uns gedacht: Pfeif drauf, wir sind eh schon alt. Und ist der Ruf erst ruiniert..."

Dabei, so die Eheleute, gehe es ihnen nicht darum, ihr Gesicht in den Auslagen der Buchgeschäfte zu sehen. Sondern um die Botschaft: "Wir wollen andere Paare ermutigen, wieder miteinander zu reden. Sprechen ist das Allerwichtigste. Man muss ja nicht alles in die Tat umsetzen. Es geht darum, die Fantasie am Köcheln zu halten." Einmal, erzählt, Magda Bauer, habe sie in einem Restaurant ein Paar beobachtet, dass 20 Minuten nicht miteinander gesprochen hat. "Wenn sie sich da schon nichts zu sagen haben – was soll dann noch im Bett passieren?"

Wichtig sei, den Partner nicht zu überfordern, sagt Bernhard Bauer. "Man muss Antennen dafür entwickeln, worauf der andere anspricht. Wenn ich merke, dass ein Thema meine Frau nicht interessiert, lasse ich es." Auf einen liebe- und respektvollen Umgang legt man im Hause Bauer auch nach 50 Ehejahren noch großen Wert. Wie bewahrt man sich diesen – nach mehreren Jahrzehnten des Zusammenseins? "Man darf keine bösen Worte sagen, nie", ist Bernhard Bauer überzeugt. "Das beginnt schon mit den Kosenamen: Wenn ich höre, dass ein Mann ‚Meine Alte‘ sagt, dreht sich mir der Magen um. Viele Männer reißen Zoten, schaffen es aber nicht, ihre Frau zu fragen, ob sie einen guten Orgasmus hatte."

Im Einklang

Was das betrifft, haben die Bauers ein Agreement – kein Akt endet mit einer Enttäuschung, sprich, ohne Orgasmus. Wenn es "in seltenen Fällen" nicht geht, greift der rüstige Senior zu Hilfsmitteln. "Vielen Männern ist egal, ob die Frau beim Sex etwas empfindet. Das gab es bei uns nie. Wir waren so aufeinander eingestellt, dass wir in 99 Prozent gemeinsam zum Höhepunkt gekommen sind. Das kann man lernen."

In den Swingerclub gehen die Bauers seit jenem Morgen auf Teneriffa immer wieder. "Man kann sich dort gut unterhalten. Es geht sehr souverän zu, überhaupt nicht schmuddelig." Nur einmal machte Magda Bauer eine verstörende Entdeckung. "Da war ein Paar, das hatte Geschlechtsverkehr. Sie hat währenddessen ein Buch gelesen! Wo ist da bitte die Liebe?"

Vier Jahre nach ihrem Neustart ist für die Bauers noch lange nicht Schluss. "Wir haben heute besseren Sex als früher – länger, genussvoller." Ab und zu gebe es auch Flauten – "aber uns gelingt es durch die gemeinsamen Frühstücksgespräche immer wieder, eine erotische Spannung zu erzeugen" .

Der 50-jährige Sohn reagierte übrigens gelassen auf das erotische Tagebuch seiner Eltern – lesen werde er es aber nicht. "Bei den eigenen Eltern geht das nicht, hat er gesagt. Das verstehen wir natürlich." Magda und Bernhard freuen sich jetzt schon darauf, ihr Buch als 80-Jährige wieder in die Hand zu nehmen. "Dann werden wir lesen, was für tolle Leut’ wir waren."

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