SPÖ-Stiftungsrat Heinz Lederer befürchtet, dass bei einem möglichen Führungswechsel  der ORF stärker an die Kandare genommen werden könnte 

© David Bohmann

Interview
08/05/2021

SPÖ-Stiftungsrat Heinz Lederer: „Dann wird es richtig übel"

Der Partei-Vertreter über den ORF als Partner der Bürgergesellschaft, die Causa Ischgl auf orf.at und Generalsekretäre

von Christoph Silber

Es ist für den ORF-„Wahltag“  am 10. August angerichtet: General Alexander Wrabetz, Chefproducer Roland Weißmann, ORF1-Chefin Lisa Totzauer und Online-Chef werden Thomas Prantner favorisiert. Nominiert fürs Hearing ist auch Harald Thoma. Für Stiftungsräte wie SPÖ-Vertreter Heinz Lederer rückt die Entscheidung nahe.

KURIER: Oberflächlich betrachtet sind die Unterschiede in den Bewerber-Konzepten nicht so rasend groß, ist es egal, wer auf dem Küniglberg sitzt?

Heinz Lederer: Ist es nicht, es geht ja nicht nur darum, was möglicherweise in die Zukunft projiziert passieren wird, sondern auch darum, was schon gemacht wurde und was jemand zu verantworten hat. Diese Leistung nach allen relevanten Parametern – Quoten-Entwicklung, Budget-Entwicklung, inhaltlicher und Meinungspluralismus etc. – stützt natürlich ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz deutlich und wird auch das sein, worauf Stiftungsräte zunächst für ihre Überlegungen für den 10. August ins Kalkül ziehen.

Was halten Sie von den Konzepten?

Jedem der Bewerberinnen und Bewerber ist eine ehrliche Ambition für das Amt des Generaldirektors nicht abzusprechen. Vision ist wichtig für ein Unternehmen wie dem ORF, der in einem harten Wettbewerb steht, das aber auch starke gesellschaftspolitische Verantwortung in Österreich trägt. Deshalb kommt es dann sehr auf die Nuancen an, durch die sich Zukunftskonzepte unterscheiden, aber auch auf die jeweiligen Aktivitäten als Managerin oder Manager. Ich sage: Man hüte sich vor einem Danaergeschenk. Ich will niemanden etwas unterstellen, aber der ORF ist eine zentrale Institution dieser Republik. Da ist es eben nicht egal, wie man sich dort verhält und was berichtet wird, ob jetzt in der Finanzkrise 2008, während der Pandemie-Zeit usw. Das kann unmittelbare Auswirkungen haben auf die Konsumenten haben, aber auch bis hinein in die Zivilgesellschaft.

Wie meinen Sie das?

Der ORF ist ein wichtiger Partner, wenn es um Öffentlichkeit geht und damit für die Anliegen und Aktivitäten etwa von NGOs, aber auch von Aktionen von z. B. Zeitungen. Ich erinnere an die Aktion „Mutter Erde“ für den Klimaschutz, die „Lange Nacht der Museen“, „Lange Nacht der Kirchen“. Das hat einen Gegenwert von einem zweistelligen Millionen-Euro-Betrag. Und natürlich spielte der ORF eine große Rolle, nicht nur als Berichterstatter. Bei Covid – ich habe selbst das im Stiftungsrat zur Diskussion gebracht, dass nur noch das Rote Kreuz als Organisation zu existieren schien, auch im ORF, mit Auftritten gemeinsam mit dem Bundeskanzler, mit Präsenzzeit in den Informationssendungen usw. Zurecht wurde das von anderen Hilfsorganisationen, von Samariterbund bis Caritas, moniert. Das zeigt, wie schnell etwas kippen kann, wie Relevanz verschoben wird. Bei vielleicht einmal sehr klein gewordenen Hürden im ORF liegt das dann wohl beim Medienbeauftragten des Kanzlers, Gerald Fleischmann. Wie man NGOs dort sieht weiß man. Mein Argwohn sagt mir einfach nur, man muss aufpassen, welches „Geschenk“ man wählt, das sei allen Kolleginnen und Kollegen, die am 10. August freien Herzens ihre Entscheidung treffen, ins Stammbuch geschrieben. Einen aktuellen Anlassfall gibt es überdies auch wieder.

Worum handelt es sich?

Wenn auf der orf.at-Seite sich binnen kurzer Zeit Überschriften ändern und damit gravierend Tendenzen in der Berichterstattung, dann macht mich das hellhörig. Mitverantwortlich für ORF On ist Roland Weißmann als Co-Geschäftsführer, ohne dass ich ihm hier konkret etwas unterstellen möchte.

Auf orf.at wurde die Änderung der Überschrift von „Profil: Platter belastet in Causa Ischgl Kurz“ auf „Causa Ischgl: Platter laut profil von Isolation überrascht“ mit einem neuen Erkenntnisstand der Tiroler Kollegen. Auch sei der erste Artikel nicht überschrieben worden, also nicht verschwunden, sondern ein neuer Artikel angelegt worden.

Ich werde mir das natürlich noch sehr genau erläutern lassen, es geht da immerhin um die Unabhängigkeit der Berichterstattung im ORF. Da macht hellhörig. Das wird Fragen an den Generaldirektor wie an Weißmann geben. Ich hoffe und glaube, dass es eine plausible Erklärung gibt. Ich will hier daraus auch kein politisches Kleingeld schlagen. Auch nicht gegenüber Weißmann – er ist eine lautere Person. Bei Wrabetz weiß man aus Erfahrung, dass sich alle gesellschaftspolitischen Gruppen, NGOs, Parteien und damit Gesinnungen im ORF wiederfinden und es keine Verschmälerung der Zugänge gibt.

Dass der aktuelle ORF-Chef immer nur der unüberwindbare Schutzwall war – und zwar bis hinein in die Information – wage ich anzuzweifeln.

In den vielen Jahren als ORF-Generaldirektor sind sicher auch Fehler passiert, aber er hat immer die Pluralität im ORF, in der Berichterstattung, aber auch bei Kooperationen etc. gewährleistet. Das weiß man.

 

Apropos Information: Wie sehen Sie da die Ansätze der Bewerber?

Skeptisch sehe ich, dass Lisa Totzauer einen Informationsdirektor und einen Generalsekretär neu einrichten möchte. Das sind zunächst einmal zusätzliche Kosten, die in die Hundert Tausende gehen. Ich denke da allein an den Generalsekretär, der ja auch kurz bei Weißmann diskutiert wurde, wobei ich seiner Aussage Glauben schenke, dass er den nicht einführen will. Bei Prantner ist ebenfalls ansatzweise ein Info-Direktor im Konzept vorhanden. Aber beides, also Info-Direktor und Generalsekretär, heißt, ein stärkeres An-die-Kandare-nehmen des ORF und seiner Journalisten. Bei Wrabetz, der die Info samt Personal bei sich behält, weiß ich, das ist in guten Händen. Ein Generalsekretär ist eine mehr als sensible Sache, wie wir selbst aus Erfahrung wissen. Dieser hat zwei Funktionen: Entweder soll er das Wort des Generaldirektors oder anderer Einflüsterer rascher und präziser zum Durchbruch im ORF verhelfen. Oder der Generaldirektor ist zu schwach, hat nicht die Qualität, die es für dieses Amt braucht. Wenn dann auch noch jemand dort platziert würde, der seine Direktiven aus dem Bundeskanzleramt vom Medienbeauftragten bekommt, dann wird es richtig übel. Eine solche Konzeption erinnert an die Zeiten von Werner Mück als Chefredakteur unter Monika Lindner. Das passt ganz und gar nicht zu Unabhängigkeitsbeteuerungen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.