Robert Dornhelm setzt den finalen Film zu "Maria Theresia" unter erschwerten Corona-Bedingungen in Tschechien um

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Interview
04/11/2021

Regisseur Dornhelm über "Maria Theresia 5": "Ein Tanz auf des Messers Schneide"

Die Erfolgsserie geht ins Finale. Regisseur Dornhelm prophezeit Ursula Strauss einen Schock, spricht über Querelen um die Historie und über seine "Heimat".

Fortsetzung folgt. Unter diesem Motto steht das aktuelle Filmschaffen des österreichischen Regisseurs Robert Dornhelm. Nach Staffel 2 der britisch-deutsch-österreichischen Erfolgsserie "Vienna Blood“ bewegt sich der 73-Jährige dieser Tage erneut auf den Spuren der österreichischen Monarchie: für den fünften, finalen Teil von „Maria Theresia“.

Vier Jahrzehnte lang, von 1740 bis zu ihrem Tod im Jahre 1780, hatte sie als Frau das von Böhmen bis nach Norditalien reichende Imperium der Habsburger regiert und damit alle Geschlechterklischees einer harten Belastungsprobe unterzogen. Die zeitgenössische PR verklärte sie als fürsorgliche Landesmutter mit immerhin 16 eigenen Kindern. Beleuchtet man ihre Historie näher, so zeigt sich eine knallharte Machtpolitikerin, die ihren männlichen Gegnern in nichts nachstand.

Vor allem in der ersten Staffel, in der Marie Louise Stockinger die junge Maria Theresia mimte, ging es noch in erster Linie um Liebe. Stefanie Reinsperger gab in den nächsten Folgen eine heranreifende Frau, die lernte, sich zwischen Ehemann, Kindersegen und hochadeligen Intrigen zu behaupten.

Titel-Rolle

Wie beim Serienhit „The Crown“ über das britische Königshaus trägt man dem Älterwerden von „Maria Theresia“ ebenfalls mit einem erneuten Besetzungswechsel Rechnung: die vielfache ROMY-Preisträgerin Ursula Strauss übernimmt bei dieser Koproduktion von MR Film Wien, Beta Film und Maya Film mit ORF, Česká televize, Slovak RTVS die Titel-Rolle.

Wie man den optisch wie gewichtsmäßig enormen Unterschied zwischen Schauspielerin und Herrscherin hinbekommt, welche Streitigkeiten es über die historische Darstellung von Joseph II. gab und was es mit dem Gerücht auf sich hat, dass Dornhelm den USA den Rücken kehrt, erzählt der Erfolgsregisseur im Interview. Von Gabriele Flossmann.

 

Ursula Strauss

KURIER: Nach vier Episoden wollten Sie ursprünglich Ihre TV-Serie über das Leben der Maria Theresia beenden. Was hat Sie dazu bewogen, noch einen fünften Teil zu drehen?

Robert Dornhelm: Das Leben der Maria Theresia in einem romantisierenden „Sissi“-Stil weiterzuerzählen, wäre vielleicht publikumswirksamer gewesen, aber das wollte ich nicht. Bisher haben wir uns auf ihre Triumphe konzentriert – privat, wie auch politisch. Aber an einer Monarchin, wie sie es war, sind natürlich auch die Schattenseiten interessant. Es ist natürlich keine Doku-Drama. Dazu eignet sich ein Programm, das für den Fernseh-Hauptabend geplant ist, ohnehin nur bedingt. Das können Historiker besser. Aber natürlich basieren auch unsere Drehbücher auf Recherchen und Originaldokumenten. Ich habe gelernt, dass schriftliche Dokumente aus dieser Zeit ohnehin nur im Sinne der Auftraggeber gesäubert und geschönt vorliegen. Und gerade Maria Theresia war für ihre Zensur berüchtigt. Sie war es ja, die als Teil ihrer Reformen erstmals die systematische Zensur im Habsburger Reich eingeführt hat, um sich der Nachwelt so perfekt wie möglich zu präsentieren. Dass sich die amerikanischen Ureinwohner wie die Navajos oder die Lakotas den Brauch der mündlichen Überlieferung vom Stammesältesten an den -jüngsten pflegten, hatte so gesehen einen tiefen Sinn.

Und wie war das mit der bildlichen Darstellung Maria Theresias? Wurden auch die geschönt?

Auch die Bilder zählten zu dem, was man heute als PR bezeichnen würde. Da es damals noch keine Fotografie und Zufallsschnappschüsse gab, mussten die Porträts gemalt werden. Und dazu wurden nur Hofmaler zugelassen. Witzigerweise gibt es viele Gemälde, auf denen Maria Theresia nicht gerade zu ihrem Vorteil dargestellt ist. Ihre Fettsucht wurde nicht kaschiert. Damit dürften sie und mit ihr das Kaiserhaus keine Probleme gehabt haben.

Damit sprechen Sie gleich ein Problem an, dass sich bei einer Verfilmung von Maria Theresias späteren Lebens ergibt – das Aussehen ihrer Darstellerin. Bei der Serie „The Crown“ hat man das Problem der älter werdenden Queen Elisabeth II. damit gelöst, dass sie jeweils von anderen Schauspielerinnen gespielt wird. Bei Ihnen hat ja schon einmal Stefanie Reinsperger die Rolle von Marie-Louise Stockinger übernommen. Wie lösen Sie das in der fünften Folge?

Stefanie Reinsperger wäre bereit gewesen, die Maria Theresia auch in dieser letzten Episode zu spielen, aber wir wollten den Alterungsprozess nicht nur durch Maske, Make-up und digitale Tricks herstellen. Obwohl auf diesem Gebiet schon erstaunliche Dinge möglich sind. Aber da sich ja in diesem Film die Geschichte dieser Frau über viele Jahre erstreckt, müssen wir auch mit einigen dieser neuen Methoden arbeiten. Zum ersten Mal verwenden wir eine Maske aus flexiblem Material, wie wir sie von Gary Oldman und seiner Churchill-Darstellung kennen. Dieses Material wird direkt auf das Gesicht aufgetragen und kann durch Mimik der Schauspieler völlig überzeugend mitbewegt werden. Wir werden diese Technik für das Ende des Films erstmals einsetzen. Wir konnten Ursula Strauss für diese Rolle gewinnen und sie wird in unserem Film nicht jung und hübsch wie im wirklichen Leben aussehen, sondern wahrscheinlich an diesen Drehtagen bei einem Blick in den Spiegel einen Schock erleiden (lacht). 

Wie wird Maria Theresias Fettleibigkeit gelöst? Es gibt ja Schauspieler, die für erstrebenswerte Rollen 20 Kilos hinauffuttern oder herunterhungern.

Ursula Strauss hat zwar angeboten, für diese Dreharbeiten einiges an Gewicht zuzulegen, aber die 50 Kilos, die sie von Maria Theresia unterscheiden, hätte sie sowieso nicht geschafft. Daher arbeiten wir mit einem „Fat suit“ – also mit künstlicher Fettleibigkeit. Die körperliche Fülle ist ja einigermaßen leicht herzustellen. Aber das Gesicht und das berühmte Doppelkinn müssen synthetisch hergestellt werden. Dafür müssen vorher genaue Abdrücke von der Kinnpartie gemacht werden. Das geschieht mit einer Masse, wie sie auch Zahnärzte verwenden, wenn sie eine Brücke formen. Morgen wird sich die Ursula Strauss zum ersten Mal als alte Frau sehen (lacht).

Ihre „Maria Theresia“ entsteht – wie auch die bisherigen Folgen – als ORF-Koproduktion mit deutschen und tschechischen Partnern. Wir wissen, dass die Donaumonarchie in den Kronländern anders gesehen und beurteilt wurde als in Österreich. Gab es da auch Auffassungsunterschiede und Wünsche bei den Drehbüchern?

Absolut. Natürlich sind da die Tschechen empfindlich, weil sie ja unter der Monarchie nicht nur gute Zeiten hatten, sondern auch leidvolle Erfahrungen. Sie haben sich vernachlässigt gefühlt. Und ihr Sohn Joseph II. ist zwar in Tschechien heute noch populärer als Maria Theresia, aber nicht bei unserer Drehbuchautorin (Anm.: Mirka Zlatníková/Miroslava Zlatníková). Für sie ist er offenbar eine Feindfigur und so wollte sie ihn auch darstellen, was natürlich den Österreichern und auch den Historikern gar nicht gefallen hätte. Und mir auch nicht, weil ich seine Reformen schätze. Da gab es einigen Streit. Es gab also mehrere Konflikte. Im Drehbuch muss Maria Theresia mit ihrem Sohn so manche Scharmützel austragen – und außerhalb des Drehbuchs gab es Wortgefechte über das Licht, in dem Joseph II. gezeigt werden soll und über die unterschiedlichen Auffassungen, die die koproduzierenden Länder von den zentralen Figuren der Donaumonarchie haben. Es scheint, dass Maria Theresia den tschechischen Produzenten mehr am Herzen liegt als ihr aufmüpfiger Sohn. Bei mir ist das gerade umgekehrt. So wie auch bei unserer beratenden Historikerin Monika Czernin, die gerade ein Buch über Joseph II. geschrieben hat. Aber inzwischen hat es eine Annäherung gegeben (lacht).

Können Sie Ihr Bild von Joseph II. kurz beschreiben?

Da bin ich immer noch geprägt von Miloš Forman und seinem Film „Amadeus“. Als Joseph II. vor Mozart hintritt und sagt: „Zu viele Noten“. Da hat er sich in meinem Kopf als Witzfigur eingeprägt. Aber nachdem ich erfahren habe, dass er Voltaire gelesen hat und ein Aufgeklärter war, der die Folter und die Leibeigenschaft abgeschafft hat, und gegen die Juden-Pogrome vorgegangen ist, habe ich ihn zu schätzen gelernt. Als er nach dem Tod der Mutter viele, an sich positive Reformen im Land geradezu fanatisch durchsetzen wollte, ist er am Ende seines Lebens sehr unpopulär geworden.

Das alles klingt nicht unbedingt nach einem entspannenden Hauptabendprogramm. Wie sehen Sie das?

Wir haben in der Zeitspanne, über die wir erzählen, vier Todesfälle und politisch dramatische Entwicklungen. Trotzdem – oder gerade deshalb – finde ich es wichtig, dass man diesen Teil der österreichischen Geschichte unterhaltsam erzählt. Dieser Zugang hat die Drehbuchautorin zunächst einmal entsetzt, aber ich habe darauf bestanden, dass dies alles stimmig, aber mit einer gewissen Leichtigkeit daherkommt.

Eignet sich das Liebesleben von Joseph II. überhaupt für eine unterhaltsame oder gar romantische Darstellung? Er war zwei Mal erheiratet – allerdings arrangiert von der Mutter. Vor allem der zweiten Frau gegenüber hat er sich ja alles andere als „politisch korrekt“ im heutigen Sinne verhalten.

Das ist tatsächlich eine schwierige Balance in der Darstellung seiner Persönlichkeit und da gab es auch die meisten Streitigkeiten mit der Drehbuchautorin. Denn nach ihrer ersten Buchfassung hatte ich das Gefühl: Diesen Mann will ich nicht im Fernsehen zuschauen. Da wurde seine erste Hochzeitsnacht mit der zweiten Frau beschrieben. Er teilte ihr mit, dass er nie mit ihr schlafen wolle – was er dann auch tatsächlich nie tat. Er hat ihr vorgehalten, dass sie hässlich und ekelhaft sei. Und im ursprünglichen Dialog fragte sie ihn: „Warum hast du mich dann geheiratet?“ Und er darauf: „Damit dich kein anderer bekommt. Denn für unser Land war die Verbindung mit Bayern wichtig“. Einer, der so spricht, mit dem will ich den Abend nicht verbringen. Da schalte sogar ich lieber um auf irgendein Fußballspiel. Das war das Dilemma. Aber da Joseph II.  seine früh verstorbene erste Frau offensichtlich sehr geliebt hatte, konnte es ihm wahrscheinlich gar keine Frau mehr recht machen. Diese – höchstwahrscheinlich richtige – Erklärung seines Verhaltens wollen wir daher einbringen.

Hatten Sie da Angst vor der Reaktion von Frauenbewegungen?

Dazu fällt mir nur ein, dass Maria Theresia heute von so manchen Frauenbewegungen hochgehalten wird. Vor allem weil sie trotz ihrer 16 Kinder – wie man heute sagen würde vollberuflich“ – als Herrscherin eines Reiches tätig war. Dass aber die wichtigste „Lebensweisheit“, die sie ihren Töchtern mitgegeben hat, das Streben nach Zufriedenheit ihrer Ehemänner sein sollte, das bleibt bei Feministinnen gerne unerwähnt.

Joseph II. musste sich ja Flugblätter mit Hetz- und Schmäh-Schriften gefallen lassen. Kann man diese mit den heutigen Internet-Shitstorms vergleichen?

Das kann ich so nicht ganz nachvollziehen. Damals konnte man mit Hetzschriften eine kleine Gruppe erreichen, während heutzutage mittels Twitter und Ähnlichem vor einem Millionenpublikum auf der ganzen Welt Propaganda machen oder wichtige Wahlen beeinflussen kann. Donald Trump ist dafür nur ein verheerendes Beispiel.

Maria Theresia war eine Impfpionierin, die in ihrer Zeit Impfmuffel bekämpft hat. Sehen Sie darin eine Parallele zur heutigen Zeit?

Das kommt in unserem Film auch vor. Maria Theresia hat auf diesem Gebiet die Forschung vorangetrieben. In ihrer Zeit wurde Vektorimpfstoffe entwickelt – damals aus getrockneten und abgetöteten Pockenerregern. Sie hat sich auch selbst impfen lassen und damit in ihrem ganzen Reich solche Impfungen propagiert. Nur in England gab es so etwas schon vorher.

Womit wir beim aktuellen Thema sind. Sie waren ja bereits vor Beginn ihrer Dreharbeiten zu „Vienna Blood“ an Corona erkrankt. Wie geht es Ihnen jetzt und welche Schwierigkeiten erwarten Sie für den Drehstart in Tschechien?

Mir geht es gut, danke – und ich passe auch sehr auf. In Tschechien ist die Situation natürlich besorgniserregend, aber es werden täglich alle getestet. Wir halten uns strikt an alle Sicherheitsvorkehrungen, denn niemand hat Interesse daran, dass die Produktion gestoppt werden muss. Aber es ist natürlich ein Tanz auf Messers Schneide.

Stimmt es, dass Sie nach Ende dieser Dreharbeiten Amerika den Rücken zukehren und Ihren Wohnsitz nach Österreich verlegen wollen?

Ja, das stimmt. Aber das heißt nicht, dass ich nicht mehr in die USA zurückkehren will. Ich habe dort mehr als die Hälfte meines Lebens verbracht und dort viele Obstbäume gepflanzt, die jetzt erst so richtig Früchte tragen. Von denen will ich doch noch einige ernten (lacht). Aber wenn Sie damit auf eine „Rückkehr in die Heimat“ anspielen, dann muss ich betonen, dass ich in Rumänien geboren wurde. In letzter Zeit habe ich des Öfteren darüber nachgedacht, welches der Länder, in denen ich gelebt habe, ich als „Heimat“ bezeichnen würde. Und das ist tatsächlich Österreich.

Das Interview führte Gabriele Flossmann

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