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Kultur
05/24/2019

Marie-Luise Stockinger: Zwischen "Welpenschutz" und Konkurrenz

Die 26-jährige Burgschauspielerin aus OÖ über Jungsein am Theater, Konkurrenzdenken, autoritäre Regisseure, das Ausgehen. Maria Theresia, Frauen in Führungspositionen und das dritte Schaf.

von Guido Tartarotti

KURIER: Es geht in diesem Interview um das Thema Jugend. Sie haben schon früh mit dem Schauspielen begonnen. Erinnern Sie sich …

Marie-Luise Stockiger: Ich wollte gerade sagen, dabei fühle ich mich schon alt… Als ich an der Burg begonnen habe, war ich einige Zeit die Jüngste. Das ist jetzt peu a peu nicht mehr der Fall. Man genießt als Junge ja immer Welpenschutz, was ich gar nicht so mag. Ich wollte mich messen, ja, nach oben orientieren.

Ich dachte eher, dass man es als Neuling an einem Theater schwer hat.

Nun. Mein erstes Stück hier war gemeinsam mit Ignaz Kirchner, und ich hatte wahnsinnig Respekt, wenn nicht gar Angst vor ihm. Wir haben später Gefallen aneinander gefunden. Aber er hat dich richtig geprüft, richtig hart auf seine Weise unterrichtet, wenn er dich mochte. Da konnte schon mal ein Buch in die Garderobe fliegen mit den Worten „Lies das. Hilft.“ Das sind die Kollegen von der ganz alten Schule. Grundsätzlich sind die Kollegen am Burgtheater aber welpenfreundlich.

Schließt man unter Schauspielerkollegen leicht Freundschaft? Da gibt es doch sicher auch ein Konkurrenzdenken.

Ich brauche einen freundlichen, wohlgesonnenen Arbeitsplatz. Und wenn man den sucht, dann findet man ihn auch.

Es gab ja den offenen Brief von Burgtheater-Künstlern, in dem es unter anderem hieß, manche Regisseure seien übergriffig und sehr autoritär. Haben Sie auch unangenehme Produktionen erlebt?

Der Brief bezog sich auf eine Direktionszeit, unter der ich noch nicht am Haus war. Ich kann sagen: Über mich wurde nie „drübergefahren“. Die Generation, die jetzt mit diesem Beruf begonnen hat, die ist auch ganz anders aufgestellt. Die lernen schon in der Schule, wo sind meine Grenzen, wo ist mein Raum?

Sie haben schon vor der Schauspielschule zu spielen begonnen.

Ja, in Jugendclubs. Und da auch nicht mehr als drei Sätze. Da war es eher wichtig, bei etwas dabei zusein. Wie das eben so ist, wenn man jung und unsicher ist..

Was hätten Sie gemacht, wenn es nicht geklappt hätte?

Ich habe öfter überlegt, das Schauspiel-Studium abzubrechen. Um dann Jus zu studieren. Das ist klar, übersichtlich und man kann es alleine in einer Kammer machen, man muss mit niemandem sprechen. Ich mag es ruhig. Aber auf meine Lebensjahre blickend, mache ich das dann doch schon so lange,dass es leider schon identitätsstiftend ist.

Erinnern Sie sich noch an ihren allerersten Auftritt?

Da war ich das dritte Schaf beim Krippenspiel im Kindergarten. Im Gymnasium hat ein Lehrer von mir Schillers „Räuber“ umgeschrieben auf „Die Räuberinnen“. Da war ich Franziska Moor.

Klingt nach einer modernen Inszenierung. Waren Sie gut?

Das müssen andere beurteilen. Der Abend war sehr lang, wenig Striche. Ich weiß noch, dass ich während des „Warum bin ich nicht die Erste“-Monologs einen Krautkopf gehackt habe und dachte, das ist so toll, ich kann diese Worte sprechen UND dabei Kraut schneiden. Das war ein poetischer Moment für mich (lacht). Da war ich 16, sehr grün hinter den Ohren. Diesem Theaterlehrer verdanke ich sehr viel, er hatte damals gemeint, probiere doch dieses Reinhardt-Seminar in Wien, das wäre etwas für dich!

Fühlen Sie sich Ihrer Generation verbunden?

Ja. Auch wenn die Burgmauern fest und wuchtig sind: hier am Theater gibt es ja Kollegen meines Alters, die auch alle fest in ihrer Umwelt stehen. Dann der eigene Freundeskreis, wo es thematisch von der Regierung, über -ismen bis hin zur neusten Game of Thrones-Folge rast. Und das finde ich wichtig, denn das Leben muss gegensätzlich, lustvoll, angereichert bleiben – sonst ist es witzlos, hier in diesen Räumlichkeiten etwas zu erzählen zu versuchen.

Sie leben also auch nicht anders als ein anderer Mensch in Ihrem Alter.

Nein, überhaupt nicht.

Naja, es könnte ja sein, dass Sie sagen, Sie befassen sich nur mit Rollen und Stücken. Also Sie gehen auch gerne aus?

Natürlich! Am Ende des Tages bin ich halt immer noch 26 (lacht)!

Es heißt ja oft, dass junge Menschen sich wenig für das Theater interessieren. Wie ist das in Ihrem Freundeskreis?

Meine Schwester sagt, Theater interessiert sie eigentlich nicht, sie geht nur, „wenn die Marie was hat in die Burg“. Das ist dann aber auch das ehrlichste Publikum. Wenn sie sagt, „das sah so aus, als hätte es ein frauenfeindlicher Mann inszeniert“, dann kann man das auch als Summe des Abends nehmen. Sie hat als theaterferner Mensch einen ganz anderen Blickwinkel drauf und versteckt sich nicht hinter Branchenbegriffen. Ich mag das. Weil es konkret ist.

Sie wurden hoch gelobt für Ihre Darstellung der jungen Maria Theresia im Fernsehen.

Ja … Entschuldigung, Danke!

Es war ja so. Wie wichtig ist für Sie Film und Fernsehen?

Drehen ist oft schwierig. Jeder Schauspieler will heute in einer Serie oder im Kino sein. Ich ja auch! Manchmal muss man diesen Theater-Beruf aber ganz monogam betreiben. Wenn man mit Andrea Breth oder Barbara Frey arbeitet, dann ist es klar, man kriegt keine Zeit zum Drehen. Dafür hat man dann aber intensive Wochen mit intensiven Menschen. Es werden auch wieder andere Zeiten kommen.

Wie haben Sie sich hineingefühlt in die Lebensrealität einer jungen Kaiserin? Sie ist zwar vom Alter her in Ihrer Nähe, kommt aber aus einer ganz anderen Ära und Welt.

Die damalige Umwelt kann ich sowieso nicht abstrahieren. Das ist aber für mich gar nicht vorrangig. Wichtig ist, ich muss einen konkrete Bezug finden, nicht nur Gedankenräume abschreiten. Maria Theresia war auch nur eine junge Frau, die unterschätzt wurde und sich ihren Raum erobert hat. Und mit den Jahren ist sie „a bissl a Bissgurn“ geworden. Kontrollsucht aus früherem Kontrollverlust. Mein Zugang – ganz pragmatisch und unromantisch.

Ist sie ein role model für moderne Frauen?

Role model weiß ich nicht, aber dass sie ihre Stimme und Positionierung in dieser Welt gefunden hat, das sei ihr hoch angerechnet. Einige Klischees hat sie bewusst bedient, andere abgelehnt. Ihr dominantes Thema war aber Machtgewinn und -erhalt und nicht die Neuerfindung der Weiblichkeit oder ähnliches..

Sie war eine Frau, die sich in einem männerdominierten „Beruf“ durchsetzen hat müssen.

Sie war ein Mondkalb damals! Jemand, den es nicht hätte geben dürfen. Ich erlebe immer mehr Frauen, Performerinnen, Politikerinnen, die eine ganz eigene Radikalität an den Tag legen, um den durch die Sozialisierung auferlegten Rahmen zu sprengen.

Wie erleben Sie das Theater, was Frauen betrifft? Es gibt viele große Regisseurinnen, die Burg hatte zuletzt eine Direktorin. Aber in den Führungspositionen sind schon noch mehr Männer, oder?

Wenn das Pool dünn besiedelt, muss man es auffüllen. Dass die Frau kommt und sich ihre Hälfte holt, daran glaube ich.Aber es dauert seine Zeit, bis Frauen ihre Geschichten schreiben, ausgebildet werden und sich auch Führungspositionen zutrauen, ihre Sozialisierung ablegen und Geschlechterklischees in den Müll werfen.Ich habe auch immer wieder Momente, in denen ich gegen mein eigenes Geschlecht denke und mich abwerte. Rote Fahne!

Bleiben Sie weiter an der Burg? Sie haben mit dem neuen Direktor Martin Kušej ja schon gearbeitet.

Ja, ich bleibe. Ich kenne Martin vom Reinhardt-Seminar und bin sehr neugierig. Ich denke, er wird Regisseurinnen und Regisseure ans Haus holen, die hier noch nie gearbeitet haben. Und dass es polarisieren wird