#babykatzengate: Sargnagels Reinwaschung von der Dummheit

BACHMANN-PREIS: 1. TAG DES WETTLESENS
Foto: APA/GERT EGGENBERGER Sargnagel beim Bachmannpreis. Am Montag saß sie in der Grellen Forelle

Nach dem Krone-Skandal lasen Sargnagel, Haider und Hofer Hasspostings und ihr Reisetagebuch vor.

Stefanie Sargnagel springt in ihren Facebook-Posts, Tweets und Texten unverzagt von Ironielevel zu Ironielevel. Anfang März krachte die Wiener Autorin plötzlich auf eine harte Betonplatte: Richard Schmitt von Krone.at hatte einen ihrer provokanten Texte zu wörtlich genommen und skandalisierte ihn, dass Thomas Bernhard neidisch geworden wäre. „Babykatzengate“ war geboren.

Gemeinsam mit ihren schreibenden Kolleginnen Lydia Haider und Maria Hofer war Sargnagel nämlich zu einer mit öffentlichen Geldern unterstützten Reise nach Marokko aufgebrochen und hatte von dort in Tagebuchform literarisch berichtet. In den kurzweiligen Texten war unter anderem davon die Rede, man habe „Hasch“ gekauft und eine Babykatze weggetreten. Schmitt nahm das wörtlich und verursachte einen tagelangen Shitstorm gegen Sargnagel. Unter anderem hielt er es für eine Tatsache, die drei hätten wirklich kleine Katzen getreten.

Vertrauter Boden

Literatur halt. Und ein kleiner „Heldenplatz“-Moment für die Generation Y, den die Autorinnen am Montagabend gekonnt auskosteten. Auf vertrautem Boden, dem Wiener Club Grelle Forelle, lasen die drei Reisegefährtinnen Hasspostings vor, ließen sich vom Publikum zu den Ereignissen befragen und verließen dabei nie den Boden der literarischen Überhöhung: Jede Antwort war überzeichnet, witzig, ironisch und reizend nachsichtig gegenüber den Hetzern. Die öffentliche Verunglimpfung hat da etwas äußerst Charmantes freigelegt – wer hätte das gedacht?

In den von Sargnagel, Haider und Hofer vorgelesenen Postings fielen Stilblüten wie „rauschgiftbesudelt“, „der Pranger am Dorfplatz hatte in der Vergangenheit auch seine guten Seiten“ oder „gehört in eine Grube gestoßen mit lauter Vergewaltigern“. Das ist hart gemeint, soll persönlich tief treffen und liest sich bedrohlich. Werden solche Sätze jedoch von den Adressaten vorgetragen, kostet es das Club-Publikum nur kollektive laute Lacher. Das Schrifstellerinnentrio veranstaltete ein Reinigungsritual von der Dummheit der Welt. Am Ende drängt sich eine harte Frage auf: Wie bescheuert werden wir eigentlich, wenn wir online miteinander kommunizieren?

Das Pferd war schuld

Aber, was war da eigentlich wirklich los in Marokko? „Das Pferd hat das Steuergeld veruntreut“, erklärte man auf der Bühne trocken (das Huftier hatte in einer Textpassage über einen Haschischdeal eine etwas unklare Rolle gespielt).

Sargnagel, die den Shitstorm stellvertretend für ihre beiden Kolleginnen mit ausbaden musste, hat sich übrigens zu der Zeit als sogenannte Stadtschreiberin in Klagenfurt aufgehalten – eine Folge ihres Publikumspreises bei den Tagen der deutschen Literatur im Vorjahr. Auch in Kärnten hetzte die Krone in ihrer Lokalausgabe gegen die junge Frau und bezeichnete sie unter anderem als „willig“.

Ist ihr trotz aller bösen Postings eigentlich etwas passiert? Sargnagels trockenes Fazit: „Nur weil die Leute einen auspeitschen, ausbluten und vergewaltigen lassen wollen, heißt es nicht, dass sie einen im echten Leben nicht freundlich grüßen.“

Die Autorin ist übrigens auch als Entertainerin empfehlenswert. Eigentlich hat man ihre Texte erst dann verstanden, wenn sie sie in ihrem stets leicht verhatschten Slang vorträgt. Sargnagel und die Sprache – das ist eine sehr eigenwillige Liebesbeziehung.

Wenig Skandalträchtiges

Auch das Reisetagebuch wurde im Anschluss verlesen – ein sehr launiger Text, der vorgetragen von den drei Autorinnen eigentlich wenig Skandalträchtiges birgt. Aber im Publikum hat man ja auch verstanden, dass man es hier mit Literatur zu tun hat und sogar brav Eintritt bezahlt. Auch eine weitere Lektion brachten die vergangenen Wochen: Man muss seine Künstler auch manchmal durch harte Zeiten tragen. Sie lehnen sich für uns aus dem Fenster.

Die Pointe zum „Babykatzengate“ kam kurz vor dem Schluss: Verena Bogner, Journalistin bei Vice, berichtete von einem Anruf Richard Schmitts. Er, der mehrere Tage lang öffentlich behauptet hatte, die Frauen hätten wirklich Katzen getreten,  habe sich bei ihr für das ganze Theater entschuldigt.

Jammerschade, dass er die Uraufführung seines Stücks am Montag versäumt hat.

Veranstaltungstipp: Am 19. April gibt´s im Rabenhof Theater die Uraufführung von "JA, EH! –  Beisl, Bier und Bachmannpreis" von Stefanie Sargnagel. Selbstverständlich werden dabei die aktuellen Ereignisse – im O-Ton – Eingang finden. Inklusive den schönsten Kronen Zeitung-Hasspostings und den sexiesten Thomas Glavinic-Nacktfotos. Katzenbabys werden demnächst gecastet.

(kurier) Erstellt am
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