Renate Kölbl kommt seit 35 Jahren zu Rudolf Hainz. Der Allgemeinmediziner will bis 70 bleiben.

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Wissen Gesundheit
03/27/2019

Diskussion um Ärztemangel: Genügend Ärzte - aber nur am Papier

Aktuelle Zahlen belegen erneut: Obwohl es eigentlich genügend Ärzte geben müsste, können viele Stellen nicht besetzt werden.

von Josef Gebhard, Ernst Mauritz, Elisabeth Gerstendorfer

58 Prozent der heimischen Allgemeinmediziner sind bereits Frauen. Die größte Gruppe der Ärzte mit ausländischer Staatsbürgerschaft sind die Deutschen, gefolgt von Italienern und Ungarn.

Daten wie diese hält die Ärztestatistik 2018 bereit, die am Dienstag von der Kammer präsentiert wurden. Sie liefern den Standesvertretern aber einmal mehr Belege für einen drohenden Ärztemangel: „Wir haben ein eklatantes Nachwuchsproblem“, warnt Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres.

Lediglich 18,9 Prozent der Ärzte seien unter 35 Jahre alt. „Hingegen sind 29,7 Prozent jenseits der 55 Jahre und werden in den nächsten Jahren in Pension gehen.“, Aus den 14.581 Ärzten, die in den nächsten zehn Jahren das Pensionsalter überschreiten werden, ergebe sich ein jährlicher Nachbesetzungsbedarf von 1.458 Stellen , alleine, „um eine Aufrechterhaltung des Status-quo der Kopfzahl zu gewährleisten“.

Der Nachwuchs reiche für den errechneten Nachbesetzungsbedarf aber bei Weitem nicht aus. Und dabei sei noch nicht berücksichtigt, dass etwa Frauen typischerweise sogar noch früher das Pensionsalter erreichen. Szekeres: „Früher war es einfach undenkbar, dass eine Kassenstelle mehrfach ausgeschrieben werden musste, was heute fast an der Tagesordnung ist.“

Wahlärzte-Boom

Für Besorgnis sorge aber auch eine weitere Entwicklung: „Während die Zahl der Kassenärzte stagniert, in einigen Bereichen sogar sinkt, steigt die Zahl der Wahlärzte deutlich an. Die Schere ist hier schon vor knapp zehn Jahren aufgegangen und dieser Trend setzt sich fort.“

Patienten, die sich keine ewig langen Wartezeiten mehr zumuten wollen, weichen auf diese Form der Privatmedizin aus. Viele könnten sie sich aber nicht leisten, gibt Szekeres zu bedenken.

Verschärft werde die Situation dadurch, dass in den vergangenen zehn Jahren die Einwohnerzahl von Österreich um rund 510.000 auf 8,82 Millionen gestiegen sei. „In Wien ist die Einwohnerzahl in den letzten acht Jahren um 200.000 gestiegen.“ Allerdings: „In dieser Zeit ist die Anzahl der Kassenstellen in Wien und in ganz Österreich nicht nur nicht mitgewachsen, sondern sogar gesunken. In Wien gibt es im Vergleich zu damals heute 71 Hausärzte weniger.“

„Wenn die Primärversorgung als Fundament Risse bekommt, kommt das ganze System darüber ins Wanken“, sagt Patientenanwalt Gerald Bachinger. Wobei er betont: „Es gibt keinen Ärztemangel. Aber die Mediziner sind falsch eingesetzt. Wir haben zu viele Wahlärzte und wir gehen zu verschwenderisch mit der wertvollen Ressource Ärzte um, etwa in Krankenhäusern. Viele Tätigkeiten, die andere Berufsgruppen genauso ausüben könnten, sind den Ärzten zugeordnet.“

Derzeit würden die Patienten regelrecht in den Wahlarztbereich gedrängt: „Das ist in vielen Fällen nichts mehr, was man freiwillig macht, weil man sich das als Luxus leisten will. Sondern es gibt keine andere Wahl. Und die Patienten werden insofern anspruchsvoller, als sie nicht ewig warten und dann in wenigen Minuten durchgeschleust werden wollen. Sie wollen eine bessere Versorgung.“ Es sei nicht einzusehen, dass man als Versicherter für das öffentliche Gesundheitssystem zahlt „und dann beim Wahlarzt nochmals zahlen muss“.

Primärversorgung

Im Hauptverband der Sozialversicherungsträger findet man die abermals von Szekeres erhobene Forderung nach österreichweit 1300 zusätzlichen Kassenstellen unlogisch, wo es doch laut Ärztekammer jetzt schon so schwer sei, bestehende freie Stellen nachzubesetzen.

„Wo tatsächlich Bedarf besteht, haben wir in letzter Zeit massiv investiert. Etwa in Wien, und dort auch bei den Kinderärzten“, sagt ein Sprecher. Um bundesweit Versorgungslücken zu schließen, setzt man ganz auf den geplanten Ausbau der Primärversorgungseinheiten, wo mehrere Allgemeinmediziner mit anderen Gesundheitsberufen kooperieren.

Laut Hauptverband-Sprecher seien derzeit zwölf solcher Einheiten in der Pilotphase (allein vier davon in NÖ). Bis 2021 sollen es 75 sein, lautet das Ziel.

Bei dem derzeitigen Tempo werde es „noch 500 Jahre dauern, bis Österreich flächendeckend mit PHCs versorgt ist“. , kontert Bachinger. Es werde notwendig sein, außerhalb des derzeitigen Gesamtvertrags und des Stellenplans für Kassenärzte neue Versorgungsformen anzubieten.“