© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
07/03/2020

Wiener Mohrengasse ist jetzt ein Fall für die Historiker-Kommission

Experten arbeiten an einem Bericht über Straßennamen, die einen „rassistischen Diskurs“ fördern. Das betrifft nicht nur die Mohrengasse.

von Stefanie Rachbauer

Welche Straßennamen in Wien problematisch sind, ist an sich ganz genau dokumentiert: auf 350 Seiten, im sogenannten Historiker-Bericht, der 2013 veröffentlicht wurde.

Zwei Jahre hat eine Kommission aus Wissenschaftern daran gearbeitet, 170 Straßennamen wurden als bedenklich eingestuft. Die meisten deshalb, weil ihre Namensgeber Antisemiten waren oder eine NS-Vergangenheit haben – etwa der Karl-Lueger-Platz in der Innenstadt.

Und doch fehlt in dem Bericht etwas.

Nicht aufgearbeitet sind Straßennamen, die einen „rassistischen oder kolonialen Diskurs“ fördern, wie es Florian Wenninger ausdrückt. Er forscht an der Universität Wien zu Zeitgeschichte und hat an dem Historiker-Bericht mitgearbeitet. „Wir werden unseren Bericht bis Herbst in dieser Hinsicht ergänzen“, sagt er im Gespräch mit dem KURIER.

Anstoß dafür ist die aktuelle Debatte um den Begriff „Mohr“ im öffentlichen Raum. Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Mohrenapotheke im 1. Bezirk eine Namensänderung plant – der KURIER berichtete.

Nun fordern Aktivisten in einer Online-Petition, dass auch die Kleine und die Große Mohrengasse in der Leopoldstadt umbenannt werden sollen. Stand Donnerstagabend haben mehr als 1.340 Personen unterschrieben. Die Bezirksvorstehung hat inzwischen angekündigt, die Straßenschilder demnächst zumindest mit Zusatztafeln zu versehen.

Columbusplatz im Visier

In ihrem Zusatz-Bericht werden die Historiker die Mohrengasse jedenfalls behandeln. Genauso wie den Columbusplatz – benannt nach dem Entdecker Christoph Columbus – in Favoriten.

Warum? „Der gesamte Columbus-Diskurs ist pro-weiß und beschönigt die Entdeckung und Eroberung Amerikas“, sagt Wenninger.

Soll heißen: Columbus ist nicht nur ein schillernder Abenteurer, sondern auch für die Unterdrückung der indigenen Bevölkerung mitverantwortlich – wobei Letzteres weniger bekannt ist.

Beispiele wie diese „liegen auf der Hand“, sagt Wenninger. Schwieriger werde es bei weniger offenkundigen Fällen: „Die Frage wird sein, wie wir Straßennamen mit Namensgebern erforschen, die nicht auf den ersten Blick einen kolonialgeschichtlichen Aspekt besitzen.“

Florian Wenninger im Interview

Der geplante Nachtrag zum Bericht, so Wenninger, werde deshalb wohl bis zu einem gewissen Grad ein Stückwerk bleiben.

Neues Bewusstsein

Dass er und seine Kollegen die Mohrengasse nicht schon im Jahr 2013 als bedenklich einstuften, hat zwei Gründe.

Erstens: Der zeitliche Fokus des damaligen Berichts lag auf Straßenbenennungen ab Mitte der 1860er Jahre. Die Große Mohrengasse hatte ihren Namen aber bereits seit Beginn des 18. Jahrhunderts erhalten.

Und zweitens: Die Forscher haben schlicht nicht damit gerechnet, dass der Name aufregen könnte. Mit ein Grund dafür sei, dass Österreich nur bedingt eine Kolonialgeschichte habe. „Wir haben da dazugelernt. Das müssen wir selbstkritisch anmerken“, sagt Wenninger.

Demos als Anstoß

Doch warum ist die Mohrengasse aktuell überhaupt Thema? „Die Black-Lives-Matter-Demos haben sie ins Bewusstsein gerückt“, sagt Wenninger. Denn: Die Teilnehmer seien gegen Alltagsrassismus und gegen rassistisch empfundene Symbolik im öffentlichen Raum auf die Straße gegangen.

Überall angekommen ist dieser Bewusstseinswandel allerdings noch nicht. Sollen Straßen umbenannt werden, dann regt das auf – wie die aktuelle Debatte zeigt. „Wenn ein Straßenname in die Kritik gerät, dann fühlen sich die Anrainer oft selbst angegriffen“, sagt Wenninger.

In der Diskussion gehe es darum, klar zu machen, dass das nicht das Ziel sei. Vielmehr gehe es darum, offen zu diskutieren. „Wenn sich jemand an der relativ hohen Anzahl an Aristokraten im öffentlichen Raum stören würde, dann wird man auch darüber sprechen.“

Tafeln erst jetzt montiert

Was der Zusatz-Bericht der Historiker für die betroffenen Straßen bedeutet, das wird jedenfalls die Stadt entscheiden. Bisher setzte sie auf erklärende Infos in Form von Zusatztafeln anstelle von Umbenennungen (auch aus praktischen Gründen).

Mit den Tafeln hatte es die Stadt bisher allerdings nicht ganz eilig: Von jenen 28 Straßen, die Historiker 2013 als besonders problematisch einstuften, hatten im Frühjahr 2019 noch nicht alle ein Zusatzschild.

Inzwischen hat die Stadt aufgeholt: Nun sind alle 28 Tafeln montiert.

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