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Politik Ausland
07/02/2020

Koloniale Spuren in Deutschland: "Mit offenen Augen durch die Stadt gehen"

Deutschland hat viele Straßen mit kolonialem Bezug – eine interaktive Landkarte macht sie sichtbarer. Die Initiatoren setzen sich für eine neue Erinnerungskultur ein.

von Sandra Lumetsberger

Sobald die Punkte über dem „o“ weg sind, findet sich immer jemand, der die Namensschilder in der U-Bahn-Station in Berlin-Mitte wieder ändert und daraus die "Möhrenstraße" macht. Für Simone Dede Ayivi ist dennoch jede Fahrt "äußerst unangenehm" – allein, wenn der Name beim Halt durch die Lautsprecher tönt, den die Künstlerin und Theaterregisseurin nur als M-Straße bezeichnet.

Er geht auf das Jahr 1707 zurück, als im Palais an der angrenzenden Markgrafenstraße Menschen afrikanischer Herkunft Dienste verrichten mussten, sie wurden als Minderjährige auf Sklavenmärkten gekauft. Es ist nicht die einzige Straße in Berlin bzw. in Deutschland, die an die Zeit des Sklavenhandels und deutschen Kolonialismus erinnert.

"Wen ehren wir im öffentlichen Raum?"

Kürzlich haben die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), bei der Simone Dede Ayivi aktiv ist, und das Künstlerkollektiv Peng! eine Webseite erstellt (tearthisdown.com), wo jeder Straßennamen oder Plätze eintragen kann, die nach abwertenden Begriffen für schwarze Menschen heißen oder an Kolonialisten erinnern. Das soll anregen "mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen", betont Ayivi, und sich fragen: Wen ehren wir im öffentlichen Raum? Ist das vereinbar mit der Gesellschaft, in der wir leben wollen?"

Ginge es nach ihr, würde die M-Straße, die erst nach dem Mauerfall zur U-Bahnstation wurde (als Ersatz für die nach dem Kommunisten Ernst Thälmann benannte Station), längst einen anderen Namen tragen. Etwa den von Anton Wilhelm Amo (1703-1759), erster preußischer Gelehrter afrikanischer Herkunft. Oder jenen von Audre Lorde (1934-1992), US-amerikanische Schriftstellerin und Gastprofessorin an der FU Berlin, die die Bewegung schwarzer Frauen in Deutschland beeinflusste.

Neue Erinnerungskultur

"Es wird oft behauptet, mit Umbenennung würde man Geschichte vernichten, das stimmt nicht", erklärt Ayivi. Es solle an die Menschen erinnert werden, die sich gegen Kolonialismus und Rassismus eingesetzt haben. Eine Gedenkstele würde daran erinnern, warum die Straße umbenannt wurde. So geschehen im Bezirk Kreuzberg. Dort heißt das Gröbenufer heute May-Ayim-Ufer. Statt dem Mann, der beteiligt war, mehr als 30.000 Sklaven aus Ghana zu verschiffen, wird eine Dichterin mit ghanaischen Wurzen geehrt.

Späte Aufarbeitung der kolonialen Geschichte

In Deutschland spielte dieser Teil der Geschichte lange kaum eine Rolle - nicht in der öffentlichen Diskussion, noch im Unterricht. Der Völkermord an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 im heutigen Namibia wird von Historikern als erster Genozid des 20. Jahrhunderts gesehen. Doch Deutschland sprach zweitweise nur von "Gräueltaten". Seit 2015 wird über eine Wiedergutmachung verhandelt. Drei Jahre später schrieb sich die amtierende Regierung die "Aufarbeitung des Kolonialismus" in den Koalitionsvertrag.

Raubgut aus dieser Zeit findet sich trotzdem nach wie vor in den Vitrinen sämtlicher Museen. Genauso wie die Namen von Kolonialisten und afrikanischen Ländern auf Straßenschildern stehen, ohne jeglichen Hinweis. Im Berliner Bezirka Wedding liegt etwa das sogenannte Afrikanische Viertel, in dem die Straßen nach verschiedenen afrikanischen Ländern benannt sind. Es war einst als Anlage geplant, um Menschen und Tiere aus den Kolonien auszustellen.

Seit den 2000er Jahren setzt sich die ISD dort etwa für die Umbenennung der Petersallee ein. Vor drei Jahren entschied sich der Bezirk dafür, dennoch müssen zwei Klagen von Anwohnern abgewartet werden.

Manche Menschen reagieren so, als würde man ihnen etwas wegnehmen, oder ihnen persönlich einen Vorwurf machen, berichtet Ayivi – "vielleicht kommt das aus einem schlechten Gewissen heraus, weil sie sich nie damit beschäftigt haben, in welcher Straße sie wohnen".

Weniger aus böser Absicht, denn aus Unwissenheit haben ihr einst auch Kollegen empfohlen, in die Togo-Straße zu ziehen. Ayivi war da gerade nach Berlin gezogen und hat am Ballhaus Naunynstraße das Stück eines togoischen Autors inszeniert, also wurde viel darüber gesprochen, auch weil sie in dem Land Familie hat. Dennoch war sie irritiert über den Vorschlag. "Da merkt man, wie wenig manche wissen, die keinen Afrikabezug haben. Die Menschen in Togo wissen aber, dass die Deutschen da waren."

Rassismus nicht mehr "beweisen"

Dennoch hat sie Hoffnung, dass sich nun etwas ändert. Das Bewusstsein für die Problematik ist vorhanden, die breite Diskussion über strukturellen Rassismus, der auch die Straßennamen miteinschließt, längst angestoßen. Das zeige auch die enorme Resonanz auf der Webseite, sagt sie und ortet "einen politischen wie emotionalen Moment". Es müsse nun endlich der Wechsel zum aktiven Handeln gelingen, wo man die Strukturen in Behörden überprüft und sich damit beschäftigt, warum es etwa zu Racial Profiling kommt.

Bisher verlief sich die Debatte - egal, ob nach den Protesten gegen Polizeigewalt in den USA oder der Kolumne einer taz-Journalistin, die der deutsche Innenminister Horst Seehofer zur Anzeige bringen wollte, meist darin, dass man Rassismus "beweisen" müsse, erklärt die Aktivistin. Doch da gäbe es nichts mehr zu erklären, die Beweise sind sichtbar - und das auf vielen Straßen.

 

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