Sympathischer Protest: Das Schild „Stelzhamergasse“ wurde geschickt überklebt

© Thomas Trenkler

Kultur
06/03/2019

Straßennamen: Wie Wien nach wie vor die Nazis würdigt

Trenklers Tratsch: Die Stadt wehrt sich gegen Umbenennungen. Manch einer griff nun zur Selbsthilfe - wie in der Stelzhamergasse

Vielleicht können Sie sich erinnern: Anfang Juli 2013 wurde die umfangreiche Studie über die „Wiener Straßennamen als ,Politische Erinnerungsorte‘“ präsentiert. Unter der Leitung des Zeitgeschichtlers Oliver Rathkolb hatte eine Kommission, der Peter Autengruber, Birgit Nemec und Florian Wenninger angehörten, nach zweijähriger Recherche 159 kritische Benennungen gefunden. Deren Namensgeber waren unter anderem Antisemiten oder „dem Nationalsozialismus politisch zu nahe gekommen“.

Bekanntlich wirkte Paula Wessely, nach der ein Weg im 19. Bezirk benannt ist, im NS-Propagandafilm „Heimkehr“ mit. Und der Dirigent Herbert von Karajan (Platz im 1. Bezirk) war NSDAP-Mitglied. Der Opernsänger Josef von Mandowara (Gasse im 23. Bezirk) erfreute sich bei Hitler und Göring „größter Beliebtheit“. Der Komponist Hans Pfitzner (Gasse und Brücke im 23. Bezirk) verharmloste die NS-Verbrechen. Auch noch in den 2000er-Jahren wurden Verkehrsflächen nach ehemaligen „Nazis“ benannt, etwa der Clarplatz nach dem Geologen Eberhard Clar.

Die Kommission erlaubte sich eine Einteilung in drei Gruppen: 28 Fälle mit intensivem Diskussionsbedarf, 56 Fälle mit Diskussionsbedarf und 75 weitere Fälle. Die Frage war nun: Wie sollte die Stadt auf die Ergebnisse der Studie reagieren? Gegen Umbenennungen (wie 2012 im Falle des Dr.-Karl-Lueger-Rings in Universitätsring) sprach sich der damalige Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) aus. Er plädierte für Kontextualisierung, also erklärende Zusatztafeln.

Nur 14 Zusatztafeln montiert

Wurden diese Tafeln auch montiert? Der KURIER erinnerte sich unlängst an die Studie und fragte im Kulturamt nach. Immerhin sind seit der Präsentation fast sechs Jahre vergangen. Die Antwort fiel etwas ernüchternd aus: „Obwohl für Zusatztafeln grundsätzlich die Bezirke zuständig sind, ist die Stadt in Vorlage getreten und hat für die am stärksten belasteten 28 Verkehrsflächen Zusatztafeln initiiert.“ Sie hätte die Erstellung aller Texte erarbeiten lassen, die historisch korrekt, aber auch verständlich sein sollten. Im Dezember 2016 (nach dreieinhalb Jahren!) hätten die ersten 14 Zusatztafeln montiert werden können. Laut MA 28 (Straßenverwaltung) würden die restlichen Zusatztafeln bis zum Sommer 2019 aufgehängt werden.

Zusatztafeln gibt es derzeit, so das Kulturamt, z. B. in der Robert-Lach-Gasse, in der Josef-Schlesinger-Straße – und am Dr.-Karl-Lueger-Platz. Man erfährt, dass Karl Lueger (1844–1910) Gründer der Christlich-Sozialen Partei, Bürgermeister und Mitgestalter Wiens zu einer modernen Großstadt war. Und: „Kritisch bewertet werden muss sein populistischer Antisemitismus, der ein politisches Klima förderte, welches die Verbreitung des Nationalsozialismus begünstigte.“

Ihr Tratsch-Partner unternahm einen Stadtbummel, um sich zu vergewissern. Dass die Straßenschilder mit Zusatztafeln versehen seien, stimmt leider nicht ganz. Denn jede Straße hat mehrere Schilder. Und je mehr Quergassen eine Straße hat, desto mehr Schilder gibt es. Die Zusatztafel gibt es aber nur ein einziges Mal. Pech also, wenn man sich von der falschen Seite nähert. Sonderbar erscheint zudem, dass die Erklärungen zu den untadeligen Namensgebern kurz sind, jene zu den Antisemiten u. Ä. aber ausführlich.

In der Porschestraße liest man nun, dass Prof. Dr. Ferdinand Porsche (1875–1951), Vater des Volkswagens und des Porsches, durch zahlreiche Erfindungen die Geschichte des Autos beeinflusst habe. „Problematisch in seiner Biografie sind seine Mitgliedschaft bei NSDAP und SS, die Beschäftigung von ZwangsarbeiterInnen sowie seine Tätigkeit in der NS-Rüstungsindustrie.“ Und in der Stelzhamergasse ist zu lesen, dass Franz Stelzhamer (1802 –1874) Mundartdichter, Lyriker, Autor von Novellen und Verfasser der oberösterreichischen Landeshymne war. Zudem: „Viele seiner Texte sind geprägt von antisemitischen Stereotypen.“

Ihr Tratsch-Partner fragte sich, wer eigentlich in einer Gasse leben will, mit der ein Antisemit geehrt wird. Er stellte fest: Nicht alle in der Stelzhamergasse. Denn irgendwer hat das eine der vier Straßenschilder – die Gasse ist sehr kurz! – täuschend ähnlich mit „Mare-Jonio-gasse“ überklebt.

Die „Mare Jonio“ ist ein Schiff, mit der eine NGO Flüchtlinge vor der Küste Libyens retten will. Vor wenigen Wochen wurde es im Hafen von Lampedusa beschlagnahmt.

Ihr Tratsch-Partner meint: Möge das Schild bleiben dürfen! Und mögen sich die Verantwortlichen im Rathaus überlegen, nicht nur Verkehrsflächen ohne Hausnummern umzubenennen (seit 2018 heißt der Wilhelm-Neusser-Park nach Wanda Lanzer – und der Richard-Kuhn-Weg wurde zum Stadt-des-Kindes-Weg). In der Stelzhamergasse gibt es ohnedies nur einen einzigen Hauseingang...