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Chronik Wien
06/30/2020

Rassismus: Was tun mit der Mohrengasse?

Aktivisten fordern eine Umbenennung zweier Gassen in Wien-Leopoldstadt. Der Bezirk will zunächst eine Info-Zusatztafel anbringen.

von Josef Gebhard

Immer weitere Kreise zieht die Debatte um möglicherweise rassistische Symbole und Bezeichnungen im öffentlichen Raum, die von den "Black Lives Matter"-Protesten angestoßen wurde.

Nachdem sich, wie berichtet, die Betreiber der Mohren Apotheke im 1. Bezirk dazu entschlossen haben, ihren Arzneimittel-Handel umzubenennen, geht es jetzt um zwei gleichnamige Straßen in der benachbarten Leopoldstadt: Die Große und Kleine Mohrengasse.

Auch sie müssen umbenannt werden, lautet die Forderung einer Online-Petition, die bis Dienstagvormittag von bereits knapp 750 Personen unterschrieben wurde.

Gestartet wurde die Unterschriften-Aktion von der Initiative "Re-Define Racism". Obwohl die Herkunft des Begriffs "Mohr" nicht zu hundert Prozent klar sei, "kann die rassistische Natur seiner Verwendung nicht angezweifelt werden", betonen die Aktivisten.

Geschichte des Namens

Doch wie kamen die beiden Straßenzüge im 2. Bezirk zu ihrem Namen, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts vielen als äußerst problematisch erscheint? Die Bezeichnungen erinnern an das Haus "Zum großen Mohren", in der Rotensterngasse, dessen Geschichte sich bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

Dessen Name leitet sich möglicherweise vom Afrikaner Joseph Mahlizky ab, der hier gelebt haben soll, heißt es im Geschichte-Wiki der Stadt Wien. Für die rund 100 bis 200 Afrikaner, die damals in Wien lebten, war die Bezeichnung "Mohr" üblich. Heute gilt sie als abwertend und diskriminierend.

Uschi Lichtenegger: "Es ist sehr, sehr, sehr schwierig"

Dessen ist man sich auch in der Bezirksvorstehung der Leopoldstadt bewusst. Demnächst sollen die Straßenschilder mit Zusatztafeln versehen werden, die zumindest auf die Herkunft der umstrittenen Bezeichnung hinweisen. "Auf die Problematik des Begriffs ,Mohr‘ wird man allerdings auf so einer kleinen Tafel nur schwer im Detail eingehen können", schildert ein Sprecher von Bezirksvorsteherin Uschi Lichtenegger (Grüne) das Dilemma, vor dem die Bezirkspolitik steht.

Dilemma

Nicht weniger heikel wäre eine Umbenennung, die mit einem beträchtlichen organisatorischen Aufwand verbunden wäre: Über Nacht hätten dann alle Bewohner der beiden Gassen eine neue Adresse. Gemeinsam mit der zuständigen Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) will man eine gangbare Lösung finden.

"In Zeiten von ,Black Lives Matter‘ sollte man die beiden Gassen Kleine Mohrengasse und Große Mohrengasse keinesfalls mehr unkommentiert lassen", betont sie. Man suche jetzt den Dialog zwischen Bezirk, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, sagt die Stadträtin.

Erklärende Infos statt Umbenennung lautete jedenfalls bisher das Credo der Stadt im Umgang mit heiklen Straßennamen, etwa solchen, die an NS-Sympathisanten erinnern. Eine Neubenennung würde die Auslöschung von Teilen der Stadtgeschichte bedeuten, lautet das Argument.

Zuletzt wich man nur einmal von diesem Grundsatz ab. Der nach dem antisemitischen Bürgermeister benannte Karl-Lueger-Ring wurde 2012 in Universitätsring umbenannt. Zu groß war die Kritik auch internationaler Forscher daran gewesen, dass ausgerechnet die Uni an so einer problematischen Adresse beheimatet ist.

Historikerbericht
Im Auftrag der Stadt Wien starteten Historiker 2011 eine Analyse von personenbezogenen Straßennamen. 2013 lag das Ergebnis vor: Von den 4.379 untersuchten Bezeichnungen sind159 (3,6 Prozent) als historisch kritisch einzustufen

Folgen
Bei vielen betroffenen Straßen wurden erklärende Zusatztafeln angebracht. Weiters will die Stadt bei künftigen Neubenennungen historische Vorabprüfungen durchführen und mehr Wert auf Diversität legen

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