Einst gemiedene No-go-Area, jetzt der wohl urbanste Fleck Wiens.

© mikeinlondon/IStockphoto.com

Donaukanal
04/29/2018

Wiener Donaukanal: Konsummeile oder urbaner Freiraum

Am Donaukanal gärt es: Ein umstrittenes Vergabeverfahren sorgt für Kritik – und fördert Diskussionen über seine Entwicklung.

von Julia Schrenk, Stefanie Rachbauer, Paul Batruel

Eine Mutter schiebt den Kinderwagen vor sich her, zwei alte Männer sitzen auf der Bank beim U-Bahn-Ausgang – in beigen Bügelfaltenhosen und mit nacktem Oberkörper. Gleich daneben trainieren muskelbepackte junge Männer. „Komm’, mach ma Körperspannung“, sagt Nasar zu seinem Freund Khalid. Dann gleiten  Nasar (auf dem Metallbarren) und Khalid (auf dem Gerüst daneben) in einen Felgeaufschwung, von dem sie in den Kerzenstand gehen.  Die beiden Afghanen kommen mit Freunden fast täglich zum Trainieren.

Mit den ersten warmen Sonnentagen wird es wieder eng am Wiener Donaukanal. Vor allem bei der U4-Station Roßauer Lände tummeln sich  wieder Läufer, Radfahrer, Spaziergänger, Inline Skater, Roller- und Skateboardfahrer, Menschen mit Kindern, Menschen mit Kinderwägen und Menschen mit Hunden.

„Es steht ja nicht umsonst Fairness-Zone da auf dem Asphalt“, sagt Clemens (28), der an diesem Tag mit dem Rad unterwegs ist. Was er am Donaukanal am meisten schätzt? „Dass alle hier ihren Platz haben. Man weiß, wo die Hippies sitzen, wo sich die Kiffer aufhalten  und so weiter.“

Während es im Norden der Stadt, in Richtung Friedensbrücke und Spittelau,  eher um den sportlichen Zeitvertreib  und den konsumfreien Genuss geht, ist die Uferpromenade weiter stadteinwärts fest in gastronomischer Hand.  Eine Beachbar reiht sich an die nächste: Vom Tel Aviv Beach gehts zur neuen Casa Canale (wie berichtet, kündigte Badeschiff-Chef Gerold Ecker den Szenegastronomen vom Figar den  Pachtvertrag) und zur  Adria.

Auf der anderen Seite liegt das Badeschiff, auf dessen Vorfläche sich ab Mai  am Standort des ehemaligen Burger-Lokals „It’s all about the meat, baby“  ein „Urban Biergarten“ gesellt.  Von der Strandbar Herrmann geht’s zum Central Garden und zur Hafenkneipe. Morgen, Montag, kommt die Blumenwiese dazu.

Der neue Beachclub mit 272 Plätzen  stand bereits in der Kritik. Denn während sich die  Betreiber  von Tel Aviv Beach, Adria, Feuerdorf, Badeschiff-Vorfläche, Central Garden und Hafenkneipe um die bisher schon von ihnen gepachteten Flächen in einem  aufwendigen, mehrstufigen  Vergabeverfahren für die Zeit ab Herbst 2018 bewerben müssen, soll Blumenwiese-Betreiber Philipp Pracser seine Fläche für 20 Jahre bekommen haben. Und zwar ohne Ausschreibung. 

Die zuständige Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) wollte diesen Umstand nicht kommentieren. Die Eigentümerin der Fläche, die Donauhochwasserschutz-Konkurrenz (DHK), beruft sich auf den Datenschutz.

Darüber, wie  der Donaukanal künftig genutzt werden soll, gibt es immer wieder Diskussionen. Gastronomen haben andere Interessen als Studenten, die ihr Dosenbier selbst mitbringen. Rennradfahrer haben andere Ansprüche an die Strecke als Spaziergänger. Dabei gibt es kaum jemanden, der die Ufer nur auf eine Art und Weise nutzt.

Linda und Barbara sitzen an diesem Tag auf den Stufen  gegenüber des Flex. Die Sonne im Gesicht, die Schuhe ausgezogen, die Jausenbox auf dem Asphalt. Dass gleich danach eine Bar auf die nächste folgt, sei „ein bissl too much“, sagen sie. Die Gastronomie habe  ihren Anteil an der Belebung der Promenade, aber: „Wenn da noch eine Bar wäre, würde ich  nur noch da vorne sein“, sagt Linda und zeigt flussaufwärts. Die beiden wollen der Zwangsbeschallung entkommen.

Jener vom Tel Aviv  Beach zum Beispiel. An sonnigen Tagen füllt es sich dort spätestens am  Nachmittag. Die Menschen sitzen bei  einem Minze-Spritzer  im Plastikbecher, die Zehen im Sand, die Lounge-Musik  im Ohr.  In  der ersten Reihe, fußfrei, haben es sich Sarah (23) und Söhret (24) bequem gemacht. 

Sie wissen, dass man ganz rechts sitzen muss, um die maximale Wärme zu bekommen. Der Tel Aviv Beach ist die erste Adresse, die die jungen Frauen am Kanal ansteuern. „Ein Club hier wär’ noch gut“,  finden sie. Oder ein „Klyo- oder Le-Bol-artiges“ Frühstückslokal am Wasser.

An Tagen, an denen es so warm ist, wie heute, und das Ufer einem einzigen Gewusel gleicht, sind die Adidas Runners, die ihren Stützpunkt im Badeschiff haben, angehalten, ganz rechts zu laufen. „Es wird schon eng jetzt“, sagt Martina Tragenreif. Drei bis vier Mal pro Woche trainiert sie am Kanal:  Tempo Run am Dienstag, After-Work-Lauf am Donnerstag,  Long-Jog am Sonntag.

„Wenn so viel los ist, nutzen wir den Donaukanal aber nur noch als Verbindungsstrecke in den Augarten oder in den Prater“, sagt die 27-Jährige.  Gut sei, dass der Kanal sein „heruntergekommenes Flair“  abgelegt habe.

An einer Stelle  hat sich das aber doch gehalten. Das Wasser unterhalb der Urania sei gar ein „Schandfleck“, findet Wolfgang Stoimaier, der dort  mit seiner Angel anzutreffen ist. Seit 22 Jahren fischt er, immer wieder auch am Donaukanal. „Die Stadt muss was machen“, sagt er. Alles sei verschlammt, der Dreck gehöre ausgehoben. „Schau’, die Blaserl“, sagt Stoimaier und zeigt ins Wasser. „Das sind Sauerstoffblasen von den Fischen. Sie finden keine Nahrung mehr.“

Selten, aber doch, kauft sich Stoimaier   nach getaner  Freizeit ein Bier. „Aber 4,30 Euro für ein kleines Bier? Des is’ a Witz.“ Dass die Preise in den Lokalen am Kanal „eine Spur zu hoch“ sind, empfinden viele so. „Aber man nimmt das in Kauf und zahlt’s halt“, sagt Läuferin Martina, die sich nach der Anstrengung auch einmal ein Getränk im Liegestuhl gönnt. „Weil die Atmosphäre einfach so super ist.“

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