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Chronik Wien
01/05/2022

Verschwundene Wiener Berufe: Von Wäschermädln und Bandelkrämern

Unzählige Professionen sind ausgestorben, einige davon gab es (fast) nur in Wien. Schriftsteller Rudi Palla hat ihnen Porträts gewidmet, die nun in einer Neuauflage erschienen sind.

von Stefanie Rachbauer

Arbeit ist – das wird wohl niemand bestreiten – anstrengend. Arbeit und Arbeiter zu finden auch. Letzteres    macht das  neue Jahr besonders deutlich: Für 2022 wurden in ganz Österreich 66 Berufe als Mangelberufe definiert – so viele wie noch nie. Neu dazugekommen sind unter anderem Ärzte, Köche, Fleischer, Optiker, Wirtschaftstreuhänder. 

Während in diesen Branchen händeringend nach Personal gesucht wird, kann man sich in anderen nicht einmal mehr bewerben. Der Grund: Sie sind schlicht ausgestorben. 

Verantwortlich dafür sind ganz unterschiedliche Faktoren. Zum Beispiel der technische Fortschritt – der etwa Wäschermädel durch Waschmaschinen ersetze. Oder der gesellschaftlich-politische Wandel, dem viele Professionen bei Hofe zum Opfer fielen. Und nicht zuletzt die wirtschaftliche Entwicklung, die fliegende Händler verdrängte. 

Die Stadt als Booster

Auf die Spuren derartiger Professionen hat sich der Wiener Schriftsteller  Rudi Palla  begeben. Sein Buch „Verschwundene Arbeit“, das 1994 erstmals erschien, wurde im Dezember neu aufgelegt.

Auf knapp 300 Seiten bietet  es spannende Porträts von nicht mehr existierenden Berufen – vom Laternenanzünder über den Kammmacher bis zum Fasszieher. Viele davon waren sogar ein Wiener Unikum: Städte  boten genug Absatzmöglichkeiten für Handwerker und Dienstleister – was die Entstehung neuer Berufe förderte. 

Einer dieser Wiener Spezialberufe  war der des Salamikrämers. Die aus  Italien stammenden Verkäufer traten  hier im vorvorigen Jahrhundert „mit dem unverwechselbaren Kaufruf ,Salamini, da bin i! Salamoni, geh doni‘  in Erscheinung“, schreibt Palla. Auf der Straße oder in Schenken boten sie Würste und Käse feil.

Händler dieser Art gab es in Wien viele.

Bei den Mandolettikrämern etwa bekam man Butterpasteten oder mit Mandeln verfeinerte Germkuchen. Auch sie stammten aus Italien und auch sie hatten einen Kaufruf: „Letti! Mandoletti! Bonbiletti!“.

Die Waren der Mandolettikrämer waren so beliebt, dass sie sich zu einem ernsten Problem für die hiesigen, damals nicht ganz so kunstfertigen Zuckerbäcker entwickelten – und heftig bekämpft wurden.

Bei den Lavendelweibern bekam man (im Sommer) Lavendelsträuße. Bei den Bandelkrämern gab es Bänder, Zwirn und Hemdärmelbesätze (aus dem sogenannten Bandelkramerland, dem Waldviertel). Und bei den Planetenverkäufern erhielt man Glücksbriefchen (die „Planeten“) für die Lotterie.

Ein gemischtes Sortiment hatten die Hausierer. Sie boten in  Lokalen unter anderem Seife, Hosenträger oder Bleistifte an – und hofften, dabei eine Gratis-Mahlzeit abzustauben. 

Schikane für Spielzeugmacher

Die Waren von Spielzeugmachern waren unterdessen auf  den Märkten zu haben. Sie waren „meist Handwerker, die aus den unterschiedlichsten Berufen kamen und entweder nebenbei oder ausschließlich Gegenstände zur Unterhaltung und Beschäftigung der Kinder herstellten“, schreibt Palla. 

Die teils schikanösen Zunftbestimmungen machten es den Spielzeugmachern aber nicht gerade leicht. Hafner (so wurden Töpfer früher genannt) durften zum Beispiel zwar Puppengeschirr fertigen, aber keine Schränkchen dafür.

Mit der Erlangung der Gewerbefreiheit bündelten diese Handwerker als Spielzeugfabrikanten alle erforderlichen  Tätigkeiten in einem Betrieb. 

Zweifelhafter Ruf

Ein breites, inzwischen verschwundenes Betätigungsfeld bot der kaiserliche Hof – für Dienstboten. „Das ,Livrévolk‘ wie man in Wien sagte, bestand aus Lakaien, Tafeldeckern, Portieren, Läufern, Zimmerputzern, Kammerdienern, Kammerjungfern, Stubenmädchen, Dienstmädchen, Hausknechten, Reitknechten, Vorreitern und anderen Bedienten“, schreibt Palla.

Auf ihre Tätigkeit angewiesen waren auch Adelige oder hohe Beamte – da wie dort hatten Dienstboten aber einen schweren Stand: Sie waren als stolz, faul und naseweis verschrieen.

Auf ein ganzes Regiment von Helfern konnte sich auch der sogenannte Oberstküchenmeister verlassen. Dies war der höchste Rang in der kaiserlichen Hofküche.

Wer ihn innehatte, war nicht selten dafür verantwortlich, binnen einer Stunde zwölf Gänge für 3.000 Esser auf den Tisch zu bringen. Als Letzter war dies Rudolf Munsch.

Zu seinem Abschiedsdiner im Jahr 1919 unter dem bereits entmachteten Kaiser Karl gab er sich bescheiden: Munsch servierte  Gemüsesuppe, gebackene Gemüseschnitzel und trockene Biskuits, wie Palla herausgefunden hat. 

Akribische Recherche

Als Quellen zog er allen voran die Experten und Unterlagen der Technischen Museen in Wien und München heran.  Zwei Jahre nahm er sich für die Recherche Zeit. Pallas Interesse für verschwundene Berufe ist biografisch bedingt. Sein Vater war Schriftsetzer – und damit ebenfalls Angehöriger einer mittlerweile ausgestorbenen Profession.

Dass sich so viele Menschen für alte Berufe (und sein Buch) interessieren, erklärt sich der Schriftsteller mit der Rückbesinnung auf Gewesenes: „Beim Handwerk, etwa bei der Lederbearbeitung oder bei Stoffen, lernen viele Kunden Qualität wieder zu schätzen. Da erinnert man sich dann an einstige Berufe und das damit verbundene Wissen.“

Das scheint man auch bei  der Wirtschaftskammer zu tun. In deren Online-Berufsinfoportal wird manche Profession angepriesen, die man verschwunden wähnt. Etwa den „Lebzelter und Wachszieher“.

Bei den Jobchancen ist man ehrlich: Beschäftigungsmöglichkeiten, heißt es auf der Website, gebe es meist nur in alten Familienbetrieben.  

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