Die Stöberbox mit alten Fotos  wirkt wie ein  Magnet. 

© Kurier/Juerg Christandl

Chronik Wien
12/17/2021

Vintage-Fotografie: Im Fundus der anonymen Alltagsfotografie

Im Milaneum in der Westbahnstraße kann man alte Fotos kaufen, verkaufen oder tauschen. Fotos von Amateuren werden dort zu einer Quelle der Inspiration – ganz ohne Algorithmus.

von Nina Oezelt, Jürg Christandl

Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, sagt Forrest Gump. Aber manchmal ist das Leben auch wie eine Box alter Fotos. Auch hier weiß man nie, was man bekommt.

Wenn man beim Geschäft Milaneum in der Westbahnstraße (die für ihre vielen Fotografie-Shops bekannt ist) vorbeigeht, wird man genau davon – einer Box voller Fotos – magisch angezogen. Sie steht vor dem Eingang des Shops – einfach so. Jedes Foto darin kostet einen Euro. Und schon steht man da und betrachtet alte Fotos vom fremden Menschen.

Plötzlich hält man etwa ein schwarz-weißes Bild in der Hand: Es zeigt junge Fischer im Badeanzug, auch Männer trugen damals noch Einteiler. Das nächste Foto, das zwischen den Fingern hängen bleibt, ist eine alte Aufnahme einer Silvester-Feier. Vier Personen sitzen an einem Tisch, eng nebeneinander, lachen und prosten einander zu. Alle tragen Hüte: die Männer einen Pilz- und einen Matrosenhut, die Frauen kleine Zylinder.

Man wird nostalgisch, neugierig und stöbert weiter. Und schließlich wagt man den Schritt ins Milaneum.

Milaneum
In Mila Palms Galerie kann man alte Fotos kaufen, verkaufen oder tauschen. Es gibt auch antike  Postkarten und Grafiken.
7., Westbahnstraße 40

Antiquariat Bücher Ernst
1,4 Millionen alte Tageszeitungen gibt es hier. Geburtstagszeitungen sind Kassenschlager.
6., Gumpendorfer Straße 84

Iraneus Kraus
Alte Werbeplakate und Lehrtafeln aus den Bereichen wie Zoologie, Botanik, Technik, Medizin und Ernährung verkauft dieser Vintage-Shop.
7., Burggasse 28 bis 32

Bis zu 100 Jahre alt

„Genau darum geht es: Dass die Menschen hereinkommen“, sagt Inhaberin Mila Palm. Die 32-jährige Wienerin ist eine geborene Sammlerin. Ihre Eltern und Großeltern sammelten Antiquitäten. In der Pubertät ging Palm lieber zum Flohmarkt als ins Spielzeug-Geschäft. Nicht Spielplätze, sondern Familienalben faszinierten sie. „Das sind Zeitzeugen einer anderen Generation“.

In ihr Geschäft kommen Künstler, Werber, Nostalgiker. „Die Fotografie ist für die Besucher eine Quelle der Inspiration“, sagt Palm. Sie studierte Kunstgeschichte und Restaurierung in Wien. In Paris spezialisierte sie sich am Institut national du patrimoine (Nationales Institut für Kulturerbe) auf Fotografie. „Aussterbende Medien sind meine Spezialität“, sagt Palm. Fotos sammelt sie seit 15 Jahren, seit einem Jahr auch Grafiken. Die meisten Aufnahmen sind 50 bis 100 Jahre alt, manche Grafiken sogar 600 Jahre.

„Durch die Digitalisierung werden uns Bilder einfach vor die Nase gesetzt, das entscheiden Algorithmen. Man stößt nicht mehr zufällig auf etwas, so wie hier bei mir“, so Palm.

In ihrem Geschäft können Besucher einfach mit Fotos vorbeikommen. „Ich kann sagen, aus welchem Jahrzehnt das Bild ist und mit welcher Technik gearbeitet wurde.“ Manche Fotos kauft Palm für ihre eigene Sammlung. „Manche wollen tauschen“, sagt sie. Hier geht es nicht um berühmte Fotografen, sondern um anonyme Alltagsfotografie. „Wenn jemand vorbeikommt mit Fotos und die Geschichte der Fotos kennt, dann ist das höchste der Gefühle“, sagt sie. Es gehe auch darum, welche Emotionen die Aufnahmen erzeugen.

Fledermaus-Schau

Palm sammelt auch Industriefotos sowie Bilder von Fleischereien – etwas, dass es immer weniger gibt. Früher sei das rohe Fleisch in den Schaufenstern ausgelegt gewesen, sogar Fettskulpturen seien gestaltet worden. „Das kann man sich nicht mehr vorstellen“, sagt Palm.

Mit ihren Sammlungen gestaltet sie regelmäßig Ausstellungen – vier Mal im Jahr. Derzeit gibt es im Milaneum eine über Fledermäuse mit alten Fotografien und wissenschaftlichen Grafiken.

Alles, was man im Laden findet, ist die Selektion ihrer Selektion. Viele der Bilder stammen aus Nachlässen oder von Flohmärkten. „Ein Nachbar, ein älterer Fotograf ohne Nachfahren, bringt uns täglich alte Fotos“, sagt sie.

Was ist für die Auswahl wichtig? Entweder sind die Aufnahmen ästhetisch oder historisch interessant. Manchmal sieht man auch den Finger des Fotografen. „Dann sind die Fotos künstlerisch interessant“, sagt Palm. Es gehe ihr auch um die Momente, die festgehalten wurden.

„Die Ein-Euro-Boxen sind der Beginn, dann gibt es die Stöberbox mit alten Postkarten um fünf Euro. Und es gibt alte Negativbilder. Ganz neu sind die alten Filmrollen mit Lehrfilmen aus Frankreich“, sagt Palm und rollt eine der besagten Rollen ab. „La Punition du Loup“, die Bestrafung des Wolfs: die einzelnen Zeichnungen werden sichtbar.

In dem Laden findet man auch Fotos von bekannten Persönlichkeiten: etwa vom jungen Arnold Schwarzenegger beim Filmdreh von Total Recall um 160 Euro oder ein Bild von Bruno Kreisky mit Leonard Bernstein aus dem Jahr 1975 um 600 Euro.

Bei einem Besuch im Milaneum braucht man mitunter also auch Geld – aber vor allem Zeit.

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