Markus Reiter liebt die Show. Er gräbt den halben Bezirk um.

© Kurier/Gerhard Deutsch

Porträt
06/24/2020

Umstrittener Pool am Gürtel: Markus Reiter auf dem Sprung zu höheren Weihen

Der Bezirksvorsteher von Neubau gräbt den halben Bezirk um. Bei den Hipstern kommt das gut an. Doch er will mehr.

von Stefanie Rachbauer, Christoph Schwarz

Markus Reiter ist erst relativ kurz im Amt. Einer Wahl hat er sich noch nicht gestellt: Vor zweieinhalb Jahren übernahm er den Posten in der grünen Hochburg von Langzeit-Bezirkschef und Partei-Urgestein Thomas Blimlinger. Geht man durch den 7. Bezirk, könnte man all das aber vergessen. 

Denn der 49-jährige Reiter hat Neubau bereits seinen Stempel aufgedrückt. Und zwar deutlich sichtbar.

In seiner kurzen Amtszeit hat er, so könnte man meinen, den halben Bezirk umgebaut. Das stimmt wohl nicht ganz. Aber: Reiter tut zumindest alles, um das zu erreichen.

Gefühlt jeden Tag startet der gebürtige Oberösterreicher eine Baustelle. Um dann bald darauf eine weitere (natürlich begrünte) Begegnungszone zu eröffnen. Oder eine anderweitig umgebaute (und mit reichlich Sprühnebelduschen gespickte) Gasse.

Auch bei dem heftig diskutierten temporären Pool auf einer Gürtel-Kreuzung beim Westbahnhof mischte er kräftig mit – und kostete die Aufregung aus.

Und trotz dieser Emsigkeit fehlt etwas: Anders als von seinen Amtskollegen, die sich oft auf Baustellen zeigen, gibt es von Reiter kaum eines jener Spatenstich-Fotos mit Helm und Schaufel, die immer etwas gestellt und peinlich wirken. Das ist kein Zufall.

Kein Zweifel an Wiederwahl

Reiter ist ein Stratege. Er will gar nicht ins Bild des Bezirks-Vaters passen. Sondern hat in Neubau wohl eher eine politische Zwischenstation als einen Endbahnhof gefunden.

Reiters Geschick zeigt sich an zweierlei Dingen. Erstens: an seinen Projekten. Sie nutzen sowohl seiner Partei als auch ihm persönlich als Bezirkschef. Bäume statt Asphalt – das kommt bei Grün-Wählern im Allgemeinen und im Hipster-Bezirk Neubau im Speziellen äußerst gut an.

Dass Reiter im Herbst auch ein gewählter Bezirkschef sein wird, daran besteht kaum Zweifel.

Zweites Indiz für sein Machtbewusstsein: Er weiß, wie er innerhalb der Wiener Grünen die Fäden zieht. Und das bringt ihm nun Ärger von ganz oben ein. Grünen-Chefin und Vizebürgermeisterin Birgit Hebein bangt dem Vernehmen nach neuerdings, dass einige ihrer Parteifreunde kräftig an ihrem Sessel sägen – Reiter eingeschlossen.

Personalreserve

Ganz unbegründet dürfte das nicht sein: Reiter mag zwar unter den Bezirksvorstehern noch ein Grünschnabel sein. In seiner Partei ist er aber schon jetzt eine Personalreserve.

Als etwa im Bund die türkis-grüne Koalition verhandelt wurde, war der 49-Jährige als Sozialminister im Gespräch. Wenige Monate später galt Reiter kurz als potenzieller Nachfolger der scheidenden Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek.

Das schmeichelt. Und bringt naturgemäß Neider – wenn nicht sogar Feinde. Die kommen vielleicht aber auch daher, weil in den grünen Reihen bekannt ist, wie Reiter personell mitmischt.

Er war es, der Hebein dazu überredete, sich um die Spitzenkandidatur auf der Wiener Landesliste zu bewerben. Für ihren ersten offiziellen Pressetermin organisierte Reiter der früheren Sozialsprecherin sogar den Fotografen. Das war Glück für Hebein. Denn wäre die Spitzenwahl erst ein paar Jahre später angestanden, so munkelt man, wäre Reiter wohl selbst angetreten.

"Missverständnis" bei Zieglergasse

Zuletzt wurde der Ton zwischen dem Neubauer Bezirkschef und der Vizebürgermeisterin zusehends rauer. In einem kritischen Bericht der Wiener Zeitung über die neue „Kühle Meile“ in der Zieglergasse putzte sich ein Hebein-Sprecher unlängst damit ab, dass nicht das Rathaus, sondern der Bezirk für dieses Projekt zuständig sei.

Zwischen den Zeilen schwang mit: Das hat Reiter verbockt. Angeblich handelte es sich um ein Missverständnis – korrigiert wurde das Zitat aber nicht.

Mariahilfer Ärger

Missgunst schlägt Reiter auch aus seinem Nachbarbezirk entgegen: Lange Zeit einte der umstrittene Groß-Umbau der Mariahilfer Straße den 6. und den 7. Bezirk.

Doch je näher die Bezirksvertretungswahl im Herbst rückt, desto mehr wähnt sich der rote Mariahilfer Bezirkschef Markus Rumelhart im Schatten von Reiter – und des modernen und urbanen Neubau. Das geht sogar so weit, dass Rumelhart bei Diskussionen nicht mehr mit seinem grünen Amtskollegen auf einem Podium sitzen will.

Allianzen schmieden

Dabei kann Reiter eigentlich gut Allianzen schmieden – über Bezirks- und Parteigrenzen hinweg. Im Streit mit den Wiener Linien und SPÖ-Stadträtin Ulli Sima um den 13A einigte er sich schließlich doch auf eine Doppelführung durch die neue Begegnungszone in der Neubaugasse. (Übrigens zulasten des 6. Bezirks, der sich über die aktuelle Linienführung ärgert.)

Auch zum angrenzenden 15. Bezirk pflegt Reiter beste Kontakte – siehe Pool. Und er geht, wenn es seine Begleitung fordert, auch mal in typischen ÖVP-Lokalen aus.

Woran aber könnte Reiter scheitern? Vielleicht an seinen zu offensiv vorgetragenen Erfolgen. Wenn in der Partei der Eindruck entsteht, dass er all zu oft auf Kosten der eigenen Chefin profiliert, könnten ihm das einige Grüne übel nehmen. Denn auch wenn Hebein derzeit heftig in der Kritik steht: Sie hat in der Partei noch immer einflussreiche Unterstützer.

Und klar ist auch: Je kantiger sich Reiter positioniert, desto weniger massentauglich ist er. Nicht in allen Wiener Bezirken wären die Menschen für die Projekte zu begeistern, die in Neubau beklatscht werden.

Auf dem Weg nach oben könnte ihn das bremsen.

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