Die Verhaftung in Wien-Margareten

© APA/HANS PUNZ

Wien
01/09/2017

Mordverdächtiger Rocker: "Verräter" offenbar enttarnt

Hochrangiger Höllenengel aus OÖ soll "out in bad standing" gesetzt worden sein.

von Dominik Schreiber, Christa Schimper

Die Verhaftung des mordverdächtigen Hells Angels Marcus M. (34) am vergangenen Mittwoch im Wiener Clubheim der Höllenengel hat in der heimischen Rockerszene erste Konflikte ausgelöst. Ein hochrangiges Mitglied des oberösterreichischen Hells-Angels-Charters in Pattigham (im Rang eines "Seargent at Arms") soll laut KURIER-Informationen aus dem Rockerclub geworfen und in "bad standing" versetzt worden sein. Der 49-jährige Frühpensionist soll seinen Leipziger Clubkollegen für 10.000 Euro an die Polizei verraten haben, vermuten die Höllenengel laut einem Szene-Insider. Wer in "bad standing" ist, gilt in der Szene als ausgestoßen und "vogelfrei" im mittelalterlichen Sinn. Er lebt danach in ständiger Gefahr.

Die Folgen

Dieser Zusammenhang wäre aus mehreren Gründen brisant: Denn es wurde nicht nur die eiserne Rocker-Regel gebrochen, keine Rockerfreunde zu verraten, sondern Marcus M. soll ausgerechnet ein Mitglied der United Tribuns getötet haben. Diese sind in Österreich eigentlich befreundet mit den Höllenengel, sind aber zuletzt in Kärnten in einen Erpressungsfall verwickelt. Tribunen sollen einen "Geschäftspartner" der Hells Angels erpresst haben, damit dieser die Seiten verwechselt. Auch ein Sprengstoffanschlag gegen ein Rotlichtlokal mit Hilfe eines angeblichen tschetschenischen Mafiosi dürfte eine Rolle spielen. Die einstige Freundschaft hat seither tiefe Risse bekommen, heißt es.

Mehrere Mitglieder des Hells-Angels-Charter in Pattigham haben wiederum besonders gute Kontakte zu den United Tribuns in Bayern - also ausgerechnet jenem Club aus dem das Mordopfer stammt. Das könnte noch weitere interne Folgen haben.

Die Hintergründe

Viele der nunmehrigen Szene-Probleme dürften im Sommer Jahr 2015 mit einer abgelehnten Rocker-Unterwerfung begonnen haben. In Österreich haben nämlich die Hells Angels das Sagen in der Szene. Jeder neue Club muss bei ihnen vorstellig werden und sich unterwerfen. Das ist seit Jahrzehnten die geübte Praxis der Motorradclubs, so zeigt man Respekt den Alteingesessenen. Für interne Streitschlichtungen ist in Österreich (aber teilweise auch international) das Vorarlberger Charter der Hells Angels zuständig, es war einst der erste Rockerclub im Lande.

Doch im Sommer vor zwei Jahren war alles anders. Kurz zuvor hatten die Bandidos erstmals versucht ein Chapter in Salzburg zu eröffnen und mit den United Tribuns drängten erstmals auch junge "New-School-Rocker" nach Österreich. So nennt man Gruppierungen, die wenig Interesse am Motorradfahren, sondern eher am schnellen Geld haben. In diesem Umfeld wollten die Hells Angels offenbar keinen kleinen Motorradclub in Kärnten tolerieren, der sich ihnen nicht unterwerfen wollte.

Das dürfte der Grund für einen Besuch der Höllenengel mit Baseballschlägern beim "Black Legion MC" im Kärtner Eberstein gewesen sein. Daraufhin flüchteten deren Mitglieder unter den Schutz derBandidos. Seither versuchen die Südtiroler Banditen, in Österreich Strukturen aufzubauen. Die Kärntner Black Legion soll 2017 in das erste offizielle Chapter umgewandelt werden, ein weitererden Bandidos nahe stehenden Club hat mittlerweile Zweigstellen in Salzburg und Innsbruck (siehe Grafik). Damit dürfte ein weiterer der ganz großen Motorradclubs in Österreich Fuß fassen.

Hooligans, Mafiosi, Rocker

2017 dürfte die Auseinandersetzung um Geschäftsfelder in der Rockerszene deshalb wohl noch weiter eskalieren. Neben völlig legalen Tätigkeiten (wie Tätowierstudios) sind die Rocker laut Polizei vor allem im Drogen-, Waffenhandel und im Rotlicht aktiv. Alle Beteiligten scheinen auszubauen und aufzurüsten. Auch die Hells Angels haben bereits einen neuen Supporter-Club für den Nachwuchs gegründet.

Dazu drängt ein neuer, völlig unberechenbarer Mitspieler auf den Markt –die türkische Gang Osmanen Germania, die nach Erkenntnissen deutscher Behörden vom türkischen Geheimdienst gesteuert wird. Sie sehen sich offiziell als Boxclub, sind bisher aber vor allem mit Gewalttaten gegen Kurden in Erscheinung getreten. Auch ein Rapid-Hooligan ist in ihren Reihen zu finden.

Generell schrecken die Motorradclubs ohnehin nicht mehr davor zurück, früher undenkbare Koalitionen einzugehen. Mehrfach dürften Leute aus dem rechten Hooligan-Umfeld rekrutiert worden sein. Auch bei den islamfeindlichen Pegida-Demonstrationen in Wien waren Rocker als Security engagiert. Die Vernetzung nach Rechts scheint stärker zu werden.

Komplizierte Verstrickungen

Somit ist unklar, wer mit wem künftig Koalitionen eingehen wird. Insider berichten, dass massiv Rocker aus Deutschland nach Österreich wechseln wollen, weil hier der Druck durch die Justiz weit geringer ist als beim Nachbarn. Dort monierte man mehrfach, dass die Rockerkriminalität in Österreich unterschätzt wird. In Österreich ist allerdings das Rockerreferat des Bundeskriminalamtes sehr aktiv, im Sicherheitsbericht wird vor der "Gefahr gewalttätiger Auseinandersetzungen" gewarnt. Explizit sind die United Tribuns und Osmanen Germania als neue Gruppierungen der Organisierten Kriminalität genannt.

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